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Ulrich Marseille : Bissiger Haifisch

Ulrich Marseille Bild: Matthias Lüdecke

Ulrich Marseille tritt als Vorstandsvorsitzender seiner Klinikkette zurück - die offenen Prozesse will er weiter ausfechten. Sein aggressives Vorgehen ist die Art eines Menschen, der sich trotz schwerer Schicksalsschläge nach oben gekämpft hat.

          3 Min.

          Ulrich Marseille kämpft. Wieder einmal. Der streitbare Gründer und Hauptaktionär der Marseille-Kliniken hat schon viele Sträuße ausgefochten. Diesmal aber geht es um sein Lebenswerk - und wie viel Kontrolle er darüber künftig noch ausüben darf.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Am Mittwochnachmittag teilte Marseille mit, dass er am 31. August sein Amt als Vorstandsvorsitzender des Konzerns niederlegen werde. „Ich brauche mehr Zeit, um mich stärker mit der juristischen Kampagne gegen mich auseinanderzusetzen“, sagte er. Mit der Kampagne meint Marseille unter anderem ein Urteil des Landgerichts Halle. Dieses hatte den 55 Jahre alten Manager 2010 wegen Bestechung zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Ende Juni hatte das Oberlandesgericht Naumburg die Strafe in letzter Instanz bestätigt. Ebenfalls zur Revision steht derzeit ein Verfahren gegen ihn wegen Anstiftung zur Falschaussage und versuchter Nötigung. Das Landgericht Halle hatte Marseille zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Zudem soll er 6 Millionen Euro Strafe zahlen.

          Die Wortwahl macht stutzig, ist aber nicht ungewöhnlich

          Marseille, der nie um eine deftige Formulierung verlegen ist, kommentiert die Prozesse auf seine Weise: „Die unheilige Nähe der Politik zur Staatsanwaltschaft Halle . . . zeigt deren kühl kalkulierte Vernichtungsabsicht.“ Die Wortwahl macht stutzig, ist für Marseille jedoch nicht ungewöhnlich. An seinem scharfen, oft als verletzend empfundenen Umgangston reiben sich viele in seiner Umgebung. In seinem Unternehmen wird er auch „der weiße Hai“ genannt. In jedem Fall ist sein aggressives Vorgehen die Art eines Menschen, der sich trotz schwerer Schicksalsschläge nach oben gekämpft hat.

          Marseilles Mutter starb früh, sein Vater kam bei einem Autounfall ums Leben. Nach ihrem Tod wuchs der Junge, der damals noch Ulrich Hansel hieß, bei Freunden der Familie auf. Gemeinsam mit seinem Pflegevater Theo Marseille gründete er 1984 das Unternehmen, das in den folgenden Jahren den Namen Marseille-Kliniken erhielt. Um auch selbst den Namen Marseille zu erhalten, ließ sich der in Bremerhaven geborene Manager später von der Pflegemutter adoptieren. Marseille agierte kraftvoll und mit Fortune. In den vergangenen 27 Jahren baute er die Klinikkette zu einem führenden Pflegeanbieter in Deutschland aus. Sein unternehmerisches Engagement machte ihn zum Millionär - sein Ruf aber hat gelitten.

          Das liegt auch daran, dass er viele, mit denen er einst geschäftlich zu tun hatte, mit Prozessen überzog. Mit den Regierungen von Brandenburg und Sachsen-Anhalt stritt er um Fördergeld. Gegen die Stadt Halle prozessierte er und gegen die Landesmedienanstalt von Sachsen. Sogar mit Axel Hölzer, der zwischenzeitlich den Vorstandsvorsitz der Klinikkette übernommen hatte, liegt Marseille im Clinch. 14 Jahre lang arbeitete er eng mit ihm zusammen. Inzwischen hat Marseille seinen einstigen Vertrauten auf 12,5 Millionen Euro Schadenersatz verklagt.

          „Gute Leute setzen sich immer durch“

          Die Liste an Verfahren, die Marseille angestrengt und fast immer durch alle Instanzen betrieben hat, ließe sich mühelos fortsetzen. Der hochgewachsene Mann mit den weißen Haaren sagt von sich selbst, sein stärkster Charakterzug sei Hartnäckigkeit. Auch an Selbstbewusstsein hat es Marseille nie gemangelt: Für die rechtslastige Partei Rechtsstaatlicher Offensive (“Schill-Partei“) wollte der Unternehmer bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2002 als Spitzenkandidat 30 Prozent der Stimmen holen. Man werde die stärkste Fraktion im Landtag stellen, tönte er ein halbes Jahr vor der Wahl. Am Ende scheiterten Marseille und seine Mitstreiter an der 5-Prozent-Hürde. Eineinhalb Jahre später trat er aus der Partei aus.

          Marseilles Nachfolger als Vorstandsvorsitzender soll nun Stefan Herzberg werden. Der 46 Jahre alte stellvertretende Vorstandsvorsitzende und frühere Karstadt-Chef übernimmt die Führung in einer Zeit, in der die Marseille-Kliniken selbst der Pflege bedürfen: Im vergangenen Geschäftsjahr konnte der Krankenhauskonzern nach Steuern nur Gewinn machen, weil er durch den Verkauf seiner Reha-Sparte rund 20 Millionen Euro eingenommen hat. Von den rund 8000 Betten stehen noch immer mehr als tausend leer.

          Unklar ist derzeit, ob Ulrich Marseille künftig wirklich ausschließlich seine Prozesse vorantreibt oder ob er abermals in den Aufsichtsrat einziehen will. Wie auch immer er sich entscheidet, er wird sicherlich weiter kämpfen. Denn Marseille ist überzeugt: „Gute Leute setzen sich immer durch.“

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