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Ulmer Bäckereibetrieb : So sieht Integration aus

Marcus Staib (2. v.l.) mit seinen Lehrlingen Ahemed Abdi Jama aus Somalia, Kashif Kayani aus Pakistan und Ghebru Aregay aus Eritrea Bild: Jan Roeder

Der Ulmer Bäcker Marcus Staib bildet in seiner Großbäckerei drei Flüchtlinge aus - und leistet damit Pionierarbeit. Nicht aber aus Großzügigkeit, sondern weil ihm der Nachwuchs fehlt.

          5 Min.

          Der Schwabe Marcus Staib ist Bäcker- und Konditormeister – und ein Pionier. Als einer der Ersten setzt er in die Tat um, wovon die Konzernchefs und Verbandspräsidenten der Wirtschaft so gerne reden, wenn sie den ungebremsten Zustrom von Flüchtlingen als Gewinn für Deutschland bezeichnen: Staib bildet seit vier Wochen Flüchtlinge aus – und zwar gleich drei auf einmal. Mit Beginn des neuen Lehrjahres zum 1. September haben in Staibs Backstube nicht nur drei deutsche Lehrlinge ihre Ausbildung begonnen, sondern auch Ahemed (25) aus Somalia, Ghebru (29) aus Etitrea und Kashif (32) aus Pakistan.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Ich weiß nicht, warum sie ihre Heimat vor längerer Zeit verlassen und in Deutschland Asyl beantragt haben“, sagt Staib. „Sie sprechen darüber nicht.“ Aber das ist für ihn im Moment auch gar nicht wichtig. Viel wichtiger ist, dass er seit langem endlich wieder sechs neue Auszubildende unter Vertrag nehmen konnte, die er eigentlich in jedem Lehrjahr dringend braucht. Vergangenes Jahr waren es nur zwei.

          Seit Jahren schon auf Nachwuchssuche

          Der Bäcker- und Konditormeister mit dem rundlichen Gesicht und den blauen Augen hat gemeinsam mit seiner Schwester 1999 den väterlichen Betrieb übernommen und ihn in den vergangenen 16 Jahren zu einer modernen Großbäckerei mit 400 Mitarbeitern ausgebaut. 80 von ihnen arbeiten in der Backstube, die anderen in den 49 Ulmer Filialen und in der Verwaltung. 18 Millionen Euro setzt Staib jährlich mit Broten, Brötchen, Croissants, Brezeln und Kuchen um, deren Teig eigens gemischt wird und die allesamt mit der Hand geformt werden. Keine Fertigprodukte, keine Teiglinge – da ist Staib Traditionalist. Ansonsten aber hat er seine Backstube zu einer modernen Fabrik aufgerüstet, in der jetzt auch die drei Asylbewerber die Nacht durch backen.

          Der Laden läuft, nur ein echtes Problem hat Staib: Ihm fehlt der Nachwuchs. Der Bäckerberuf steht bei den jungen Menschen nicht hoch im Kurs. Und auch die Eltern führen ihn nicht besonders weit oben auf der Prioritätenliste – vor allem wegen der Arbeitszeiten. Wer Bäcker werden will, muss mitten in der Nacht aufstehen. Die Schicht in Staibs Großbäckerei beginnt sogar schon früher, um 23 Uhr. Sie endet, wenn andere kaum ausgeschlafen haben, um 7:15 Uhr. Sieben Tage die Woche wird gebacken. Die Mitarbeiter arbeiten zwar nur fünf, aber Wochenendschichten muss abwechselnd jeder schieben.

          Lehrlinge sind sowieso schon denkbar knapp in Ulm, wo die Arbeitslosenquote bei drei Prozent liegt und damit Vollbeschäftigung herrscht. 1000 Lehrstellen sind für dieses Lehrjahr noch unbesetzt. Das schlägt sich insbesondere bei den Bäckern nieder. Vor zehn Jahren gab es in der Berufsschule für das Bäckerhandwerk in der Region noch für jedes Lehrjahr 90 Auszubildende. Heute sitzen nurmehr 24 junge Menschen in der ersten Berufsschulklasse, sechs davon sind die Azubis von Staib. Seit Jahren sucht er händeringend nach Nachwuchs und lässt sich ziemlich viel einfallen, um als Ausbilder attraktiv zu sein. Dazu gehört schon mit dem Ausbildungsvertrag eine mindestens einjährige Übernahmegarantie. „Egal wie gut oder schlecht die Gesellenprüfung ausgefallen ist.“

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