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Textilzentrum in Westfalen : Kleider, Mode, Markenmacher

Wegbereiterin: Stella Ahlers lenkt das väterliche Unternehmen auf neue Pfade Bild: Stephan Finsterbusch

Mode kommt aus Paris und Mailand, Marken kommen aus Westfalen. Das deutsche Textilzentrum hat zwei Weltkriege überlebt und meistert nun die Globalisierung. In Firmen wie Seidensticker, Ahlers und Gerry Weber geben Familien den Ton vor.

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          Schnitte, Stoffe und Strategien. Für Stella Ahlers ist Mode vor allem eins - Berufung. Vom Laufsteg bis zum Laden, von der Kollektion bis zum Kunden dreht sich für sie die Welt des schönen Scheins ums Geschäft. Sie hat Sinn für das Gute und das Schöne, hat eine ansehnliche Sammlung zeitgenössischer Kunst, einen Doktortitel in Theologie und steht an der Spitze eines Unternehmens, das Großvater und Vater aufbauten. Es trägt den Namen der Familie und die Firmierung einer Aktiengesellschaft, es erlöst eine viertel Milliarde Euro im Jahr und ist an der Börse notiert. Stella Ahlers steht ihren Mann. Sie lächelt und streicht sich ein paar Haare aus der Stirn.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor sechs Jahren trat sie das elterliche Erbe an. Viel Tradition, viel Geschichte, sie ist für die Zukunft zuständig. Sie schlägt sich tapfer und erfolgreich, hat harte Schnitte hinter und ein millionenschweres Problem vor sich, sie gibt sich nüchtern und solide. Kein Glamour, kaum Glitzer, viel Arbeit, wenig Schlaf. Sie mag keine großen Worte, keine Sprüche und macht keine Show, spricht lieber von Umsatz, Absatz und Gewinn, Franchise- und Lizenzverträgen und ihren drei Nobelmarken: Baldessarine, Otto Kern, Pierre Cardin. Männernamen für Männermode - gemanagt von einer Frau, mitten in Ostwestfalen.

          Was rund um den Teutoburger Wald vor vier Jahrhunderten mit Flachsanbau und Leinewebern begann, was sich zu Zeiten Bismarcks an der Eisenbahnstrecke Köln-Minden mit Spinnereien wie Ravensberger als Großindustrie etablierte, hat zwei Weltkriege überstanden und meistert nun die Globalisierung. Ein Textilcluster so alt wie das Deutschlandlied. „Jede Generation erfand sich hier neu“, sagt Frank Seidensticker vom gleichnamigen Hemdenhersteller. Walter Erasmy vom Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsverband nennt es „eine Metamorphose“. Rüdiger Uffmann vom Bielefelder Museum „Wäschefabrik“ sagt, aus Spinnern und Webern wurden Unternehmer, Mode- und Markenmacher.

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          Kleine Fische, die schwimmen

          So haben sich die Ahlers, die Brinkmanns und die Seidenstickers mit ihren Firmen behauptet. Windsor kam unter das Dach der Holy-Brüder. Gerhard Weber in Halle machte sich selbst zur Marke. Die Leineweber GmbH in Herford gehört seit Generationen zu den Tengelmanns, die Delius-Gruppe in Bielefeld seit dreihundert Jahren der Gründerfamilie, die Terbergers sind fest in der Katag AG verwurzelt. Unternehmer aus der deutschen Provinz und der Rest der Welt; familiengeführte Mittelständler und Luxuskonzerne aus Paris, Mailand und New York. Sie machen Kleider, machen Mode, machen Marken. Die ostwestfälischen Firmen erlösen im Jahr zusammen zwei Milliarden Euro, die gesamte Branche der Welt setzt das Hundertfache davon um.

          „Wir sind kleine Fische“, sagt Frank Seidensticker. Doch Fische, die schwimmen. Andere gingen unter: Die Winkels, die van Laers und die Dahls. Kisker macht heute in Immobilien, die Ravensberger Spinnerei dient der Volkshochschule, die alte Wäschefabrik Juhl wurde Museum. Die Textilbranche ist seit zweihundert Jahren in Bewegung. Vorgestern England, gestern Deutschland, heute China, morgen Indien. Das Geschäft kenne keine Grenzen, meint Stella Ahlers, aber viele Hürden. „Die haben wir doch bisher ganz ordentlich genommen“, sagt Klaus Brinkmann und jagt ein schallendes Lachen über die Etagen seiner Firma.

          Bugatti klingt nach Auto

          Im ersten Stock liegt das Stofflager, im zweiten sitzen die Näherinnen. Eine Halle, viele Tische, Neonlicht. Die Maschinen sind alt, graugrün und rattern vor sich hin. Gearbeitet wird im Akkord, bezahlt nach Leistung. Auf den Tischen liegen die Arbeitsvorlagen, am Abend wird abgerechnet. Oben im vierten Stock schnurren die Computer. Hier sind die Designer und die Buchhalter am Werk.

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