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Textilindustrie in Bangladesch : Nachrichten aus einem verrotteten Land

Hier stand einst die Fabrik Rana Plaza. Bei dem Einsturz vor einem Jahr verloren tausend Menschen ihr Leben Bild: Gordon Welters/laif

Der Einsturz einer Textilfabrik vor einem Jahr hat Bangladesch schwer traumatisiert. Wir haben den Ort des Schreckens besucht. Von Opfern und Profiteuren, ökonomischen Zwängen und Eigeninitiative.

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          Zohra müsste jetzt schreien, heulen. Aufspringen müsste sie, Schuldige suchen. Nichts von alledem geschieht. Ganz still und klein sitzt sie da auf ihrem Plastikstuhl. Und erzählt das Unglaubliche. Nur ihre Augen wollen dabei nicht aufhören zu weinen. „Wir haben alle auf der vierten Etage bei Phantom gearbeitet. Dann gab es plötzlich einen Donner. Ich sah meine Kolleginnen aufspringen und weglaufen. Dann wurde es dunkel.“ Wohl eine gute Stunde war Zohra Akhtar Mili verschüttet, als die Nähfabrik Rana Plaza in der Vorstadt von Dhaka vor gut einem Jahr einstürzte.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Am Vortag hatten die Arbeiter Risse in Wänden gesehen. „Die Vorarbeiter haben uns gesagt, über Nacht hätten sie es kontrolliert. Alles sei in Ordnung.“ Nichts war in Ordnung. Seit jenem Morgen ist Zohras Mann für immer verschwunden. „Wir arbeiteten auf derselben Etage. Ein paar Minuten, bevor das Haus zusammenkrachte, war er noch kurz vorbeigekommen“, sagt sie. Dann zeigt sie das einzige Foto, das ihr blieb, auf ihrem Billighandy. Die beiden schauen ganz aufgeregt in die Kamera. „Er war ein guter Mann“, sagt die 22 Jahre alte Frau. Nun ist er für immer verschwunden, einer von 146 Vermissten. Sein Körper verwest unter Schuttbergen. Zohra kann keine Nacht allein schlafen. Sie ist zerbrochen an jenem Tag. Und näht doch weiter. „Ich muss ja leben“, sagt sie. „Aber ich lebe gar nicht mehr.“

          Andere leben, und das gut. Platten mit gefülltem Thunfisch und gebackenen Auberginen, Eiern, Fleisch, Dal, Reis und Salat stehen auf den Tischen. Teure Kunst an den Wänden, Wein und Perrier werden gereicht. An diesem Abend sind sie alle da – die Fürsten der Textilindustrie Bangladeschs. Geladen hat der neue Verbandspräsident Atiqul Islam in seine Villa im besten Bezirk Dhakas. Wächter bewachen das Haus, vor dem die Fahrer die Geländewagen parken, Diener bieten Champagner und Häppchen, der Handelsminister schaut vorbei. „Der Brand in der Tazreen-Fabrik, dann der Zusammenbruch von Rana Plaza – das waren Katastrophen“, sagt Shafiqul Islam, einer der großen alten Herren in Bangladeschs Textilindustrie. „Aber wir tun alles, um besser zu werden.“ Eine Akademie haben sie gegründet, auf der die Arbeiter fortgebildet werden. Inspektoren ins Land gelassen. Die Ministerpräsidentin hat einen Fonds für die Opfer ins Leben gerufen. „Wir wollen ja als Branche überleben. Wir brauchen Aufträge.“

          So nähen sie heute: mit Schutzmasken
          So nähen sie heute: mit Schutzmasken : Bild: Christoph Hein

          Wer sind die Guten, wer sind hier die Bösen? Wahrheiten verschwimmen, Überzeugungen wanken. Alle wollen, dass Bangladeschs Textilindustrie sich ändert. Zohra will es, Islam will es, und auch Hunderte von Nichtregierungsorganisationen, von Entwicklungshelfern, von Entsandten internationaler Organisationen wollen es. Doch das ist nicht einfach.

          „Wir machen alles, was die westlichen Auftraggeber uns nun vorschreiben“, sagt Morzina Nasrin Al-Zanat. Die Managerin empfängt Gäste mit breitem Lächeln und einem Redeschwall. Dabei ist A-Plus, ihre Fabrik im Industriegürtel von Dhaka, alles andere als ein Vorzeigebetrieb: „Kategorie C“, auf einer Liste von vier Buchstaben, attestieren ihr Prüfer. Nach oben, bis zum „A“ oder „B“ ist es ein weiter Weg. Doch hängen schon überall an den Wänden Feuerlöscher, Wassereimer stehen herum, Äxte liegen griffbereit. „Die Verbesserungen treiben unsere Kosten um 20 Prozent hoch“, sagt sie. „Die Einkäufer aber bezahlen seit fünf Jahren dieselben Preise.“ Mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) will Morzina die Bedingungen für die gut 1.000 Arbeiter verbessern. „Wir stoßen an Grenzen. Bedenken Sie: In unserem Land gibt es nicht mal eine funktionierende Feuerwehr.“ Und wer der vielen hundert zierlichen Mädchen auf den Etagen würde bei einem Brand einen der schweren Feuerlöscher holen? Wer würde nicht rennen, drängeln, schieben, um nur rauszukommen aus dem Inferno?

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