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Telekom-Chef geht : Obermanns Spagat

In diesem Jahr noch „mit Haut und Haaren“ bei der Telekom: René Obermann Bild: Rainer Unkel

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom René Obermann will im Jahr 2014 neu anfangen - als Chef des niederländischen Kabelnetzbetreibers Ziggo.

          Plötzlich ging es ganz schnell. Auf seiner letzten Bilanzpressekonferenz bei der Deutschen Telekom hatte René Obermann noch alle Fragen damit abgetan, dass es nichts Neues zu berichten gebe. Nicht einmal eine Woche später hat der niederländische Kabelnetzbetreiber Ziggo das Geheimnis gelüftet: Obermann wird dort in Utrecht Anfang 2014 als Unternehmenschef antreten. Mit dem Aufsichtsrat von Ziggo ist er sich am Mittwoch einig geworden. Jetzt müssen nur noch die Aktionäre zustimmen, aber das gilt als reine Formsache.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Es ist eine Entscheidung, die viele Deutungen zulässt. Seit Obermann im Dezember völlig überraschend seinen Rückzug aus der Telekom angekündigt hat, wird über seine Motive und seine berufliche Zukunft gerätselt. Vor wenigen Tagen ist er 50 Jahre alt geworden, eine Marke, die viele Menschen dazu bewegt, noch einmal etwas ganz Neues zu versuchen. Seit mehr als 15 Jahren ist Obermann bei der Deutschen Telekom, davon sechs Jahre als Vorstandsvorsitzender. Sicher, er hat gerade einen Milliardenverlust bekanntgeben müssen, und der Aktienkurs ist unter seiner Führung um rund ein Drittel gesunken. Doch im Vergleich zu anderen Telekom-Unternehmen steht der Bonner Konzern so schlecht nicht da. Obermann sitzt jedenfalls fest im Sattel und genießt, nach allem, was man hört, das Vertrauen des Aufsichtsrates.

          Der Schritt passt zu Obermann

          Nach Fahnenflucht also sieht sein von langer Hand geplanter Abschied, an dessen Ende Finanzvorstand Timotheus Höttges die Verantwortung übernehmen soll, nicht aus. „Ich will näher an die Basis und an den Maschinenraum“, hat Obermann wiederholt gesagt. Daraus klingt eher das Unbehagen am großen Telekom-Apparat, an den zwangsläufig schwerfälligen Abläufen in einem riesigen, in vielen Ländern und Tochtergesellschaften verzweigten Konzern mit 250.000 Mitarbeitern. Seit er den Chefposten übernommen hat, ist der ungeduldige Obermann damit beschäftigt, den Konzern umzubauen, beweglicher und schneller zu machen. Konferenzen, Verhandlungen, Unternehmensbürokratie und politische Lobbyarbeit bestimmen den Alltag. Für Produktentwicklung, Technik und Kunden bleibt kaum Zeit, von seiner Vergangenheit als erfolgreicher Unternehmer hat sich Obermann in der Telekom weit entfernt.

          Bei Ziggo ist er wieder dichter dran. „Ich werde mehr Zeit für das operative Geschäft haben. Das war mein Ziel, und darauf freue ich mich sehr“, schrieb er am Donnerstag seinen Mitarbeitern. Der Schritt passt zu Obermanns ungewöhnlichem Lebenslauf. Schon als 23 Jahre alter Student hatte er ein Unternehmen gegründet, die ABC Telekom. Weil es so gut lief, hing er das Studium der Volkswirtschaft an den Nagel – und hatte wenige Jahre später, als er das Unternehmen an Hutchison Whampoa verkaufte, finanziell eigentlich ausgesorgt. Aber die Telekom-Branche ließ den technikbegeisterten Obermann nicht mehr los. 1998 fing er bei T-Mobile an und stieg dann rasch auf.

          Er bleibt in der Branche, aber wechselt die Seite

          Jetzt also schaltet Obermann, der spätestens seit seiner Heirat mit der ZDF-Moderatorin Maybrit Illner vor drei Jahren in der Öffentlichkeit bekannt ist wie kaum ein anderer deutscher Manager, wieder einige Größenordnungen zurück. Im Vergleich zur Telekom ist Ziggo ein überschaubares Unternehmen. Gerade einmal 2400 Menschen arbeiten für den größten niederländischen Kabelanbieter, allein in der Konzernzentrale der Telekom sind es fast dreimal so viele. Ziggo war 2008 aus der Fusion von drei kleinen Unternehmen hervorgegangen und ist seit 2012 an der Börse notiert. Das Unternehmen versorgt drei Millionen Haushalte mit Kabelfernsehen, jeder zweite angeschlossene Haushalt bezieht von Ziggo aber auch schon Internet und Telefon. Der Umsatz lag im vorigen Jahr bei 1,54 Milliarden Euro, bei der Deutschen Telekom waren es 58 Milliarden Euro.

          Obermann bleibt zwar in seiner Branche, aber er wechselt auch die Seite: Denn ebenso wie in Deutschland sind es auch in den Niederlanden die Kabelnetzbetreiber, die den Telekommunikationsunternehmen die Kunden abspenstig machen. Ziggo-Vorstandschef Bernard Dijkhuizen geht nächstes Jahr in Pension. Er werde jetzt, so heißt es in einer Unternehmensmitteilung, zusammen mit Obermann einen nahtlosen Übergang vorbereiten. Wird Obermann die Telekom also vielleicht doch schon vor dem Jahresende verlassen, wie diese Formulierung nahelegt?

          Immer wieder ist davon die Rede, dass er bereits im Sommer gehen könnte, wenn die Fusion von T-Mobile USA mit dem Konkurrenten MetroPCS unter Dach und Fach sein dürfte. Nachfolger Höttges hätte dann schon bei der Strategiekonferenz im Herbst die große Bühne für sich. Obermann weist das weit von sich. Die Entscheidung für Ziggo ändere nichts daran, dass er sich in diesem Jahr weiterhin voll und ganz für die Telekom einsetzen werde – „mit Haut und Haaren“, wie er seinen Mitarbeitern verspricht. Trotzdem wird es für ihn ein schwieriger Spagat zwischen Bonn und Utrecht.

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