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Strukturwandel : Chinas alte Mitte

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Shibati - ein uralters Straßenviertel mit einem Name wie ein Gedicht: Achtzehn Stufen. Bild: Stephan Finsterbusch

Im Herzen des Riesenreichs liegt Chongqing; die Stadt ist so groß wie Tokio und hat eine Wirtschaftskraft wie Kuweit. Durch ihr Zentrum führt eine kleine steile Treppe mit einer tragischen Geschichte: Shibati. Eine Reportage mit zahlreichen Fotos von Stephan Finsterbusch .

          9 Min.

          Der alte Liu sah es nicht kommen und ist geblieben. So wie drüben Frau Zhou und nebenan Herr Zhang; so wie die Changs, die Xiangs und die Tangs. Ihre Häuser sollen weg, doch sie gehen nicht raus. Sie wollten mehr Geld und suchten Lius Rat – wie immer, wenn es um große Entscheidungen im Leben ging. Er legte die Karten, sah zu den Sternen, deutete Texte und Träume, las in Händen und Augen; er kann in Seelen sehen. Vielleicht hatte er diesmal ja einen Fehler gemacht. Dabei standen die Zeichen an der Wand: „Abriss“.

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          Chinas alte Mitte : Die Boomtown

          Denn die Behörden blieben hart, und hinter dem Haus dröhnte der Bagger. Liu wusste dann auch nicht, wie es nun weitergehen soll. Er saß vor seiner Hütte. Wellblechdach, Betonfußboden, Moder an der Mauer. Er steckte in einer Sackgasse, und mit ihm die ganze Nachbarschaft. Gegenüber ratterte Zhou Luzhi eine Bluse durch ihre Nähmaschine; Fußpedal und Schwungrad. Früher nähte sie in einer Fabrik, dort waren Motoren an den Maschinen; feine Sache, aber teuer. Heute arbeitet sie auf eigene Rechnung und muss kräftig treten – wie alle hier.

          Zhou Luzhi: Früher arbeitete sie in einer der Fabriken vor der Stadt. Heute näht sie auf eigene Rechnung. Die Maschine der Marke „Shanghai“ stammt aus den zwanziger Jahren. Ihre Nähstube steht unter freiem Himmel.
          Zhou Luzhi: Früher arbeitete sie in einer der Fabriken vor der Stadt. Heute näht sie auf eigene Rechnung. Die Maschine der Marke „Shanghai“ stammt aus den zwanziger Jahren. Ihre Nähstube steht unter freiem Himmel. : Bild: Stephan Finsterbusch

          Im Haus nebenan flechtet Zhang Li aus Bambus kleine Körbe. Später werden sie in den Nudelküchen darin Teigtaschen dämpfen, eine Delikatesse, doch Zhang hat jetzt andere Sorgen. Es gehe nicht um Geld, sagt er, es gehe um das Leben. Zhang meine es ernst, sagt Tang Haoyang. Er sitzt im Teehaus, hat vier Kinder, eine Frau und eine kleine Rente. Zwei seiner Jungs seien derzeit ohne Arbeit. Harte Zeiten. Er hofft, dass sie bald besser werden.

          Nebenan schlürft Chang Jiang eine Suppe. Die schmecke und sei billig. Chang braucht jeden Yuan. Er will studieren, hat kein Geld, aber viel Hoffnung. Wu Tingren hat ihm Mut gemacht. Er kommt hier fast jeden Tag vorbei, ist Pensionär und war mal Offizier in der Volksbefreiungsarmee. Er weiß, wie man mit Beamten spricht. Wu hilft den alten Nachbarn beim Marsch durch die Ämter. Der alte Liu hilft sich selbst. Er rutscht auf seinem blassblauen Plastehocker hin und her, zieht an einer Zigarette; tiefe Züge, weißer Rauch – mitten in China, mitten in Chongqing, mitten in Shibati.

          Chongqing und der Stadtteil Shibati
          Chongqing und der Stadtteil Shibati : Bild: F.A.Z.

          Ein kleines altes Viertel entlang einer kaum hundert Meter langen Treppe in der größten Metropole der Welt. Shibati: „ein Dorf in der Stadt“, sagt der Architekt Wu Penghan. Im alten China war das üblich, im neuen hatte das keine Chance. Chongqing ist ein Moloch, der keinen Stein auf dem anderen lassen und das Viertel bald verschlucken wird. Die Revolution frisst ihre Kinder. Das hat sie in Schanghai, in Nanking und in Xian so gemacht, schrieb Xufei Ren in „Building Globalization“. Das Land ist auf Modernisierungskurs, ein Milliardengeschäft, erklärte Helen Zu von Goldman Sachs. Nun ist Chongqing dran.

          Die Stadt am Jangtse zählt so viele Einwohner wie Tokio; hat eine Fläche wie Österreich und eine Wirtschaft, so stark wie Kuweit. Das Wachstum ist hier doppelt so hoch wie im Rest des Lands. Der Aufstieg macht atemlos. Die Luft ist so dreckig wie in Peking. Jedes Jahr ziehen eine dreiviertel Million Menschen in die Stadt, ein Zustrom ohne Ende. In Shibati wissen sie nicht, was sie dazu sagen sollen. Liu ist sprachlos, Zhou schweigt, Chang hofft auf einen Job in einer der neuen Fabriken.

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