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Strukturwandel : Chinas alte Mitte

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Chongqing: Eine Stadt wie ein Moloch. Binnen weniger Jahre enstand mitten in China eine der größten Metropolen der Welt. Sie wird als das Tor zum unterentwickelten Westen des Landes bezeichnet, als Chicago am Jangtse und als Schicksalsort einer ganzen Nation.
Chongqing: Eine Stadt wie ein Moloch. Binnen weniger Jahre enstand mitten in China eine der größten Metropolen der Welt. Sie wird als das Tor zum unterentwickelten Westen des Landes bezeichnet, als Chicago am Jangtse und als Schicksalsort einer ganzen Nation. : Bild: Stephan Finsterbusch

Er redete vom Gleichklang zwischen Staat und Wirtschaft, Stadt und Land, hohen Grund- und niedrigen Firmengewinnsteuern, von Verwaltungsreformen und der Abschaffung staatlicher Wohnsitzkontrollen, er sprach von Investitionen, von einer Produktion, die auf den heimischen Konsum zielt, er erklärte Auktionen von Bodennutzungsrechten und den Bau einer Million Sozialwohnungen. Helen Zu von Goldman Sachs bezifferte die Kosten auf umgerechnet 8 Milliarden Euro. Cui taufte es „das Chongqing-Modell“. Es solle zeigen, was China sein kann; es zeigt, was China ist.

Dem alten Liu werden sie die Hütte plattmachen, eine Abfindung geben und keine Wahl lassen. Er wehrt sich nicht; er sieht die Zukunft um sich. Am Fluss haben sie gerade eine neue Straße gebaut, sechs Spuren und eine gewaltige Brücke über den Jangtse; auf dem Berg stehen himmelhohe Häuser aus Glas, Stahl und Beton. Liu lebt im Schatten des Morgen; er wohnt in Shibati – einem Straßenviertel mit einem Namen wie ein Gedicht: Achtzehn Stufen.

Himmelsleiter und Höllenweg: Die Treppe ist mehr als 300 Jahre alt. Auf ihr ging es für viele Generationen auf- und abwärts. Jetzt steht sie vor einem neuen Kapital. Die alten Hütten müssen weichen. Was danach kommt steht noch in den Sternen.
Himmelsleiter und Höllenweg: Die Treppe ist mehr als 300 Jahre alt. Auf ihr ging es für viele Generationen auf- und abwärts. Jetzt steht sie vor einem neuen Kapital. Die alten Hütten müssen weichen. Was danach kommt steht noch in den Sternen. : Bild: Stephan Finsterbusch

Ausgetretene alte Steine, gesäumt von windschief an den Hang gedrückten Häusern. Hier leben viertausend Familien, auf dem obersten Absatz das Teehaus, ganz unten der Markt mit Frischobst, Fleisch und Gemüse. Dazwischen stehen Suppenköche, Nägel-, Bart- und Haarschneider, Ohrenputzer, Näherinnen, Reisverkäufer, Scherenschleifer, Schlangenfänger, ein Arzt und Astrologe, eine Handvoll blinder Masseure. Chinas Welt von gestern. Für den alten Xiang Yunhua war sie die Hölle.

Rauchend steht er am Teehaus der Familie Wang. Im fahlen Neonlicht des gekachelten Saals gibt es was zu erleben: bunte Kleider, hohe Töne, China-Oper als Puppentheater. Die halbe Nachbarschaft ist da. Hier habe er in jungen Jahren ein Fegefeuer überlebt, sagt Xiang. Damals, als die Bomber der Japaner kamen und alles in Schutt und Asche legten. Es war Krieg, es war furchtbar, und es gibt keine Entschuldigung dafür – bis heute nicht.

Xiang Yunhua: Im Krieg hat er Shibati im Bombenhagel der japanischen Flieger untergehen sehen. Die Stadt war ein Feuermeer. Er rannte in den Jangtse, der Fluss rettete ihm so das Leben. Später wurde er Kader der Partei, heute ist er Pensionär.
Xiang Yunhua: Im Krieg hat er Shibati im Bombenhagel der japanischen Flieger untergehen sehen. Die Stadt war ein Feuermeer. Er rannte in den Jangtse, der Fluss rettete ihm so das Leben. Später wurde er Kader der Partei, heute ist er Pensionär. : Bild: Stephan Finsterbusch

Chongqing diente China damals als Hauptstadt. Die Regierung in Nanking war vor der Armee der Japaner anderthalbtausend Kilometer flussaufwärts hinter die Daba-Berge nach Chongqing geflohen. Millionen Chinesen folgten. Das Provinznest wurde zur Fluchtburg, schrieb Jonathon Fenby in „Chiang Kai-Shek“. Die Japaner griffen es aus der Luft an. Xiang ging damals noch zur Schule. „Wenn die Sirenen heulten, rannten wir die Treppe runter in den Fluss“, sagt er. Die Stadt war ein Feuermeer, der Jangtse rettete ihm das Leben.

Andere flohen in die Höhlen. Die gab es überall in der Stadt. Die Menschen hatten sie sich hinter ihre Häuser in den Fels gehackt. So entstand über die Jahre des Krieges ein System von Tunneln, eine Stadt unter der Stadt, eine Unterwelt. Einer der Bunker liegt hinter der Hütte von Liu. „Dort sind wir im Sommer immer rein, wenn es uns draußen zu heiß war“, sagt er. Der Tunnel diente als Klimaanlage. Doch der ist nun geschlossen: Baustelle. Bald fährt hier eine U-Bahn, eine Durchfahrt für den Nahverkehr. Im Juni 1941 war sie Grab für Tausende.

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