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Strukturwandel : Chinas alte Mitte

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Schwere Bürden: Lastenträger auf den alten, ausgetretenen Stufen von Shibati. Mit ihren Bambusstangen tragen sie für ein oder zwei Yuan die Stunde alles bergauf und bergab, was tragbar ist. Das Viertel erscheint einem anderen Jahrhundert zu enstammen. Entlang der Treppe leben und arbeiten heute noch rund 4000 Familien.
Schwere Bürden: Lastenträger auf den alten, ausgetretenen Stufen von Shibati. Mit ihren Bambusstangen tragen sie für ein oder zwei Yuan die Stunde alles bergauf und bergab, was tragbar ist. Das Viertel erscheint einem anderen Jahrhundert zu enstammen. Entlang der Treppe leben und arbeiten heute noch rund 4000 Familien. : Bild: Stephan Finsterbusch

Foxconn, Ford, BASF und HP – sie alle sind hier, haben Milliarden investiert und Zehntausende Arbeitsplätze geschaffen. Seit vor zwanzig Jahren unten an den drei Schluchten die gewaltige Staumauer in den Fluss gerammt wurde, zogen zwei Millionen Menschen nach Chongqing. Die Stadt wurde Munizipal und Sonderwirtschaftszone, Boomtown und Powerhaus. Pekings wirtschaftspolitischer Vordenker Cui Zhiyuan nennt es das „Tor zu Chinas Westen“, Christina Larson von der New American Foundation das „Chicago am Jangtse“, der britische Historiker Jonathon Fenby einen Schicksalsort. Das ist Chongqing bis heute.

Gerade wurde der örtliche Parteichef Bo Xilai entthront. Der hatte die Stadt fünf Jahre lang mit harter Hand geführt, war mit alten Parolen neue Wege gegangen und sitzt heute im Hausarrest. Sein Vater diente einst als General unter Mao und gilt als Held im Krieg gegen die Japaner. Bo war in seiner Jugend Rotgardist und Journalist, Bürgermeister und Gouverneur, in Peking schaffte er es zum Minister. Dann ging er nach Chongqing.

Chongqing: Eine der größten Metropolen der Welt. Die Stadt am Yangtze gilt als Chinas Tor zum Westen, zählt 33 Millionen Einwohner, umfasst in der Großregion eine Fläche wie Österreich und hat eine Wirtschaftsleistung wie Kuweit. Sie ist Sonderwirtschaftszone, war Hauptstadt und Zufluchtsort für Millionen Flüchtlinge.
Chongqing: Eine der größten Metropolen der Welt. Die Stadt am Yangtze gilt als Chinas Tor zum Westen, zählt 33 Millionen Einwohner, umfasst in der Großregion eine Fläche wie Österreich und hat eine Wirtschaftsleistung wie Kuweit. Sie ist Sonderwirtschaftszone, war Hauptstadt und Zufluchtsort für Millionen Flüchtlinge. : Bild: Stephan Finsterbusch

Er sprach von sozialistischer Marktwirtschaft und fühlte sich unfehlbar. Ein Fehler. Denn im November fand man seinen britischen Berater Neil Heywood tot in einem Hotel der Stadt; im Februar floh sein Polizeichef ins amerikanische Konsulat und packte dort aus; im März sah sich Bo von Peking aller Posten enthoben; seit April steht seine Frau unter Mordverdacht. China bebte, Chongqing zitterte, in Shibati mochten sie Bo. Er habe die alte Mafia der Stadt kaltgestellt, sagte Wu Tingren; Liu nannte ihn „einen guten Mann“.

Bo aber soll Millionen ins Ausland verschoben haben. Niemand weiß was Genaues, nichts ist bewiesen, im Internet schrieben sie von einem Putschversuch. Die Partei war alarmiert und verschärfte die Zensur. Der Blogger Michael Anti schrieb: „Sie bombardieren das Schlachtfeld nicht, sie besetzen es jetzt.“ Bos roter Stern sank. Schon Monate zuvor hatte Cui Zhiyuan von Machtkämpfen hinter den Kulissen gesprochen: alte gegen neue Kräfte, Liberale gegen Konservative.

Cui Zhiyuan: Er gilt im Reich der Mitte als einer der wirtschaftspolitischen Vordenker. Ausgebildet wurde er in China und Chicago, gelehrt hat er in Boston und in Singapur. Heute ist er Professor in Peking und Berater des Bürgermeisters von Chongqing.
Cui Zhiyuan: Er gilt im Reich der Mitte als einer der wirtschaftspolitischen Vordenker. Ausgebildet wurde er in China und Chicago, gelehrt hat er in Boston und in Singapur. Heute ist er Professor in Peking und Berater des Bürgermeisters von Chongqing. : Bild: Stephan Finsterbusch

Cui hatte in einem kleinen Besprechungszimmer eines der Wolkenkratzer von Chongqing gestanden. Im Erdgeschoss ein Starbucks, auf dem Dach ein Hubschrauberlandeplatz, um die Ecke lag Shibati. Eine Stadt und zwei Welten. Cui kannte beide. Er zeigte Folien, nannte Namen, erklärte Fakten, er mochte es gern konkret. Cui hatte an der Universität von Changsha in der Nachbarprovinz Hunan Mathematik und in Chicago Politik studiert, er lehrte in Boston und Singapur, ist Fellow in Harvard und Professor in Peking. Er hatte zwanzig Jahre lang Bücher gelesen und geschrieben, nun wollte er handeln. Er wurde Berater in Chongqing und gilt als rechte Hand von Bürgermeister Huang Qifan. Er schrieb ein Wirtschaftsprogramm. Cui nannte Shibati ein „kleines Relikt aus uralten Zeiten“; er hatte Größeres im Sinn.

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