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Streit um Glyphosat : Gift und Gegengift

  • -Aktualisiert am

Im Streit über das Pestizid Glyphosat geht es um die Zukunft der Landwirtschaft. Gegner des Pflanzengiftes argumentieren mit der Krebsgefahr – Befürworter mit Studien.

          Glyphosat, schon der Name klingt chemisch, giftig und hochkompliziert. Während einige Bürger große Sorgen mit dem Namen des Unkrautvernichtungsmittels verbinden, können andere damit noch immer nichts anfangen – obwohl die Debatte um ein Verbot von Glyphosat eine weichenstellende agrarpolitische Auseinandersetzung ist.

          Nachdem das Thema der Massentierhaltung weitgehend durchdiskutiert scheint und diverse Ministerien und Handelsketten vereint am Fortschritt arbeiten, waren es vor allem die Grünen, die das Glyphosatverbot auf ihre Kampagnenagenda hoch setzten. Was ist davon zu halten? Das Kalkül der Grünen liegt auf der Hand. Obwohl Glyphosat ein sperriger Begriff ist, taugt das Thema für die politische Kampagne. Denn es betrifft jeden, im wahrsten Sinne des Wortes. Man muss nicht viel investieren, um im Urin zu untersuchen, dass die meisten Menschen Spuren der Chemikalie in sich tragen, wenn auch in winzigen Mengen. Es verschwindet nicht beim Backen und Kochen, es ist – in geringen Mengen – im Brot, in Cornflakes und selbst im Trinkwasser. Man kann es „Gift“ nennen und sagt mindestens die Halbwahrheit. Man kann sagen, die Agroindustrie „vergifte“ jeden, ob er nun wolle, oder nicht. Juristisch ist diese Aussage nicht angreifbar.

          Schwieriges Vorhaben

          Glyphosat ist für die Grünen ein dankbares Thema. Sie wollen die „Agroindustrie“ abschaffen, ihr fernes Ziel sind einhundert Prozent Biobauernhöfe. Die unter Rot-Grün von der damaligen Landwirtschaftsministerin Renate Künast beschlossene Agrarwende hat nicht so gut funktioniert, trotzt erhöhter Subventionen und Rückenwind durch den BSE-Skandal. Die vielen Auflagen für die Tierhaltung, die CDU und Grüne in den Ländern in den vergangenen Jahren erlassen haben, scheinen den paradoxen Nebeneffekt zu haben, dass die politisch gewünschten kleinen Bauernhöfe noch schneller verschwinden. Denn Auflagen sind meist mit Mehrkosten verbunden, so wie die teuren Luftfilter, die Schweinebauern einbauen lassen müssen.

          Die Agrarwende ist ein schwieriges Vorhaben, solange ein Großteil der Menschen weder im Biomarkt kauft noch grüne Öko-Ethik teilt. An der Wurzel lässt sich die Agrarindustrie einfacher packen, wenn man sie bei den Pestiziden packt. Schwieriger als die Frage nach dem politischen Kalkül, ist freilich diejenige nach den Auswirkungen oder dem Sinn eines Glyphosat-Verbots.

          Politische Instrumentalisierung

          Pestizide gibt es viele, rund 1500 sind zugelassen. Glyphosat ist uralt und verbreitet. Es heißt, auf mehr als 40 Prozent der deutschen Äcker werde es verspritzt. Es hat eine einzigartige Eigenschaft: Es tötet alle Pflanzen. Das heißt nicht, dass es „besonders toxisch“ ist. Es ist eine simple Kohlenstoffverbindung, die die Eigenschaft hat, die Photosynthese der Pflanzen zu hemmen. Zudem ist es mit der Pflanzengentechnik assoziiert, aus Amerika importierter glyphosat-resistenter Soja, Mais oder Baumwolle haben manche Glyphosat-Dusche erlebt und sind nun in Schnitzeln oder Baumwollpullovern drin.

          Gegen Glyphosat gibt es viele Einwände. Entsetzlich ist der ungeschützte Umgang mit der Chemikalie von Landarbeitern in Südamerika, die knietief in Gräben voller Gift stehen, das aus Flugzeugen vom Himmel regnet. Überhaupt scheint die Toxizität der auf Basis von Glyphosat produzierten Mittel wie Roundup noch nicht genügend erforscht. Doch es gibt offenbar auch die politische Instrumentalisierung. Es sieht so aus, als sei der Name des Pestizids zur Chiffre für die Agroindustrie geworden, die aufgrund grüner politischer Überzeugungen per se als „giftig“ angesehen wird. Glyphosat-Kritik kann auch chiffrierter Antiamerikanismus sein, denn es kommt von Monsanto.

          Streit mit den staatlichen Risikobewertungsbehörden

          Dass man sich vor Glyphosat als Verbraucher nicht schützen kann, muss aber kein Grund für ein Verbot sein. Auch vor Feinstaub vom städtischen Autoverkehr kann man sich kaum schützen, auch nicht vor Kerosinnebel in der Einflugschneise, oder vor Minimalrückständen der 1500 anderen Pestizide. Autos oder Flugzeuge will niemand verbieten. Auch ein Verbot von Arzneimitteln oder hormonell wirksamen Verhütungsmitteln steht nicht zur Debatte, obwohl sich Spuren im Trinkwasser finden.

          Ein Argument der Gegner lautet, das Mittel mache krank. Es sei wahrscheinlich krebserregend, sagt die Krebsforschungsgruppe der Weltgesundheitsorganisation. Das gab Grünen, Umweltverbänden und Bürgerinitiativen Aufwind; seitdem sieht man in Bioläden Gläschen stehen, mit denen jeder Kunde für ein paar Dutzend Euro seinen Glyphosaturinanteil messen kann. Die Krebsforschergruppe liegt seither im Streit mit den staatlichen Risikobewertungsbehörden, dem deutschen BfR und der europäischen Efsa. Deren Urteil fällt anders aus, sie verweisen auf viele Hundert Studien, wonach übliche Mengen für Menschen unbedenklich sind. Ein offener Streit ist entbrannt, es gibt keinen Mangel an Briefen, Vorwürfen und Drohungen. All das verwirrt Medien, Politik und Verbraucher – ein Nährboden für eine Kampagne, in der die semantische Hoheit über den Sieg entscheiden muss, wenn es die Wissenschaft nicht kann. Denn es geht im Kern dieser Debatte grundsätzlich um die agrarchemische Industrie.

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