https://www.faz.net/-gqe-7bw4c

Steuerhinterziehung : Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Uli Hoeneß

  • -Aktualisiert am

Angeklagt: Uli Hoeneß Bild: dpa

Die Staatsanwaltschaft München hat gegen Uli Hoeneß Anklage wegen Steuerhinterziehung erhoben. Das Landgericht München müsse nun über die Zulassung der Anklage gegen den Präsidenten des FC Bayern München entscheiden.

          Die Staatsanwaltschaft hat den Präsidenten des FC Bayern München, Ulrich Hoeneß, wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Das teilte die bayerische Justiz am Dienstag mit. Eine Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht MünchenII muss nun prüfen, ob sie die Anklage zulässt und eine Hauptverhandlung ansetzt. Mit dieser Entscheidung sei nicht vor Ende September zu rechnen, heißt es in der Mitteilung. Das Strafverfahren gegen Hoeneß war nach einer Hausdurchsuchung in seiner Villa am Tegernsee bekanntgeworden. Der Wurstfabrikant, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der FC Bayern München AG ist, hatte sich zuvor selbst angezeigt, weil er dem Finanzamt Börsengewinne auf einem Konto in der Schweiz verschwiegen hatte.

          Dass es dennoch im März zu einem Haftbefehl kam, der gegen eine Kaution außer Vollzug gesetzt wurde, führen Beobachter auf handwerkliche Fehler in einer Selbstanzeige von Hoeneß im Januar zurück. Sie soll Fehler aufgewiesen haben, weil der Unternehmer sie offenbar überhastet abgeben ließ: Zuvor war das Steuerabkommen mit der Schweiz gescheitert, und angeblich fürchtete er eine Aufdeckung seines Schwarzgeldes durch eine Zeitschrift. Eine nachträgliche zweite Selbstanzeige durch zwei Münchner Anwaltskanzleien für Steuerstrafrecht konnte das Verfahren nicht mehr aus der Welt schaffen.

          Gegen einen in Altersteilzeit befindlichen Finanzbeamten, der Hoeneß bei dem ersten Behördengang beraten haben soll, laufen Disziplinarermittlungen. Anteilseigner der Vereins-Aktiengesellschaft wie der Sportartikelhersteller Adidas lehnten das Angebot von Hoeneß ab, seinen Posten als Aufsichtsratschef „ruhen“ zu lassen.

          Ein Teil der Steuerschuld könnte verjährt sein

          Öffentlich nicht bekannt ist, wie hoch der hinterzogene Betrag ist. Spekuliert wird, dass es sich insgesamt um rund 3,2 Millionen Euro gehandelt haben soll, dass aber der größere Teil dieser Steuerschuld schon verjährt ist. Dies könnte es dem Gericht erleichtern, bloß eine Bewährungsstrafe zu verhängen, obwohl der Bundesgerichtshof bei einem Steuerschaden von mehr als einer Million Euro eine Gefängnisstrafe für zwingend hält. Die Richter könnten diese auch mit einer hohen Geldstrafe kombinieren, um unter der Grenze von zwei Jahren zu bleiben, bis zu der eine Freiheitsstrafe auf Bewährung ausgesprochen werden kann. Auch ließe sich der gescheiterte Versuch der Selbstanzeige als Grund für eine Strafmilderung werten. Nicht ausgeschlossen bleibt eine Einstellung des Verfahrens gegen eine sogenannte Geldauflage oder gar ein Freispruch.

          Keine Rolle scheint bei den Ermittlungen zu spielen, dass Hoeneß das Kapital für sein Konto nach eigenen Angaben ursprünglich von dem langjährigen Adidas-Vorstandschef Robert Louis Dreyfus geliehen bekam. Später stieg Adidas geschäftlich beim FC Bayern ein; Konkurrent Nike kam nicht zum Zug.

          Die Chronologie der Steuer-Affäre

          2001 bis 2006: Hoeneß spekuliert im großen Stil an der Börse mittels eines Kontos in der Schweiz. Der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus habe ihn mit Millionen unterstützt. „Es war immer klar, das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes“, sagte Hoeneß im Mai 2013 der „Zeit“. Nach anfänglichen Gewinnen habe er aber hohe Verluste gemacht und seine Aktivitäten an der Börse zurückgefahren.

          Oktober 2010: Deutschland und die Schweiz unterzeichnen ein neues Doppelbesteuerungsabkommen und vereinbaren Verhandlungen zur Legalisierung von nicht versteuerten deutschen Geldern auf Schweizer Bankkonten.

          April 2012: Beide Länder unterzeichnen ein Zusatzprotokoll. Geldanlagen von Bundesbürgern in der Schweiz aus den vergangenen zehn Jahren sollen danach von 2013 an pauschal mit 21 bis 41 Prozent besteuert werden - nicht wie zunächst vereinbart mit 19 bis 34 Prozent. Das Schweizer Parlament billigt das Abkommen im Mai, der Bundestag stimmt im Oktober zu.

          November 2012: Die von SPD und Grünen regierten Bundesländer lassen das Abkommen im Bundesrat scheitern.

          Dezember 2012: Auch im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat kommt keine Einigung zustande.

          Januar 2013: Hoeneß zeigt sich beim Finanzamt selbst an, die Staatsanwaltschaft München leitet ein Ermittlungsverfahren ein. Er hatte vergeblich auf das kurz zuvor gescheiterte Steuerabkommen gesetzt.

          20. März: Hoeneß bekommt in seinem Haus am Tegernsee Besuch von den Ermittlern. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor, der aber außer Vollzug gesetzt wird - angeblich gegen Zahlung einer hohen Kaution.

          20. April: Das Nachrichtenmagazin „Focus“ macht den Fall öffentlich und berichtet unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft und Hoeneß selbst.

          21. April: Hoeneß schließt einen Rücktritt als Bayern-Präsident aus. In der Folge häuft sich die Kritik, auch Kanzlerin Angela Merkel rückt von Hoeneß ab. Geschlossen bleiben die Reihen beim FC Bayern.

          23. April:  Hoeneß besucht das Halbfinal-Hinspiel seines FC Bayern in der Champions League gegen den FC Barcelona und freut sich im Stadion über das 4:0.

          1. Mai: Hoeneß gibt via „Zeit“ voller Reue Einblick in sein Seelenleben. Verbindungen seines Schweizer Kontos zum Rekordmeister schließt der Bayern-Präsident aber aus.

          6. Mai: 8:0 - Hoeneß bleibt Vorsitzender des Bayern-Aufsichtsrats. Vorerst: „Der Aufsichtsrat wird die Angelegenheit weiterhin beobachten und sich bei Vorliegen neuer Erkenntnisse mit dem Thema befassen“, heißt es in der offiziellen Erklärung.

          11. Mai: Die 23. Meisterschaft darf gefeiert werden, und Hoeneß fährt beim Autokorso zum Marienplatz mit. Doch trotz aller Gesten und warmer Worte wirkt Hoeneß inmitten der Feiergesellschaft betrübt.

          25. Mai: Selbst im Moment des großen Triumphes steht Hoeneß unter dem Eindruck der Steueraffäre. Fast schüchtern greift er nach dem 2:1 im Finale gegen Borussia Dortmund nach dem Champions-League-Pokal.

          1. Juni: Das Triple ist perfekt: Nach Meisterschaft und Champions League holen die Münchner auch den DFB-Pokal.

          24. Juni: Hoeneß stellt den neuen Trainer Pep Guardiola mit in München vor. Danach hält er sich öffentlich weiter zurück.

          24. Juli: Uli Hoeneß rechnet in seiner Steuerangelegenheit mit einer baldigen Entscheidung. „Ich bin zuversichtlich, dass es eine gute Lösung gibt. Ich denke, in den nächsten zwei, drei Monaten wird es eine Entscheidung geben“, sagt er am Rande des Testspiels gegen den FC Barcelona.

          30. Juli: Die Staatsanwaltschaft München erhebt Anklage gegen Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung. Die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München muss nun über die Zulassung der Anklage und die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen den Präsidenten des FC Bayern München entscheiden.

          (dpa)

          Weitere Themen

          Immer mehr Methan in der Atmosphäre

          Ursache unklar : Immer mehr Methan in der Atmosphäre

          Der rapide steigende Ausstoß des klimaschädlichen Treibhausgases gibt Wissenschaftlern Rätsel auf. Die Ursachenforschung führt unter anderem in den tropischen Regenwald.

          Mutmaßlicher Haupttäter angeklagt Video-Seite öffnen

          Missbrauchsfall Lügde : Mutmaßlicher Haupttäter angeklagt

          Im Fall der Missbrauchsserie auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde hat die Staatsanwaltschaft Detmold zwei Anklagen erhoben. Neben dem mutmaßlichen 56-jährigen Haupttäter wurde Medien zufolge auch ein 49-Jähriger angeklagt.

          Zittern vor Boris Johnson

          Sorgen in der Wirtschaft : Zittern vor Boris Johnson

          Der Hardliner ist in Großbritannien der Favorit für die Nachfolge von Theresa May. Das lässt Unternehmen bangen: Er strebt einen No-Deal-Brexit an – ohne Rücksicht auf Verluste.

          Die erste Frau mit Salz Video-Seite öffnen

          Unternehmerin im Senegal : Die erste Frau mit Salz

          Marie Diouf hat es von einer Arbeiterin zur Unternehmerin gebracht: Als erste Frau im Senegal beschäftigt sie 20 Arbeiter auf ihrem eigenen Salzfeld.

          Topmeldungen

          Boris Johnson im Januar während einer Rede in Dublin

          Sorgen in der Wirtschaft : Zittern vor Boris Johnson

          Der Hardliner ist in Großbritannien der Favorit für die Nachfolge von Theresa May. Das lässt Unternehmen bangen: Er strebt einen No-Deal-Brexit an – ohne Rücksicht auf Verluste.
          Unsere Favoriten: Antonio Banderas und Pedro Almodóvar

          Blog | Filmfestival : Wer gewinnt die Goldene Palme?

          Eine Jury ist ein haariges Biest: Obwohl in Cannes längst mal wieder eine Frau dran wäre, ist der überzeugendste Kandidat in diesem Jahr ein alter Bekannter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.