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Standpunkt: Gilles Saint-Paul : Der neue Paternalismus

  • -Aktualisiert am
Gilles Saint-Paul ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Toulouse I und Autor des Buchs „The Tyranny of Utility“ (Princeton University Press, 2011)
          5 Min.

          In freiheitlichen Gesellschaften ist es den Menschen traditionell überlassen gewesen, für sich selbst zu definieren, was sie glücklich macht. Dies war ein Fundament unserer liberalen Gesellschaft. Es impliziert, dass die Menschen umso glücklicher sein können, je mehr Rechte und je mehr Wahlmöglichkeiten sie haben. Folglich sind Menschenrechte gut, weil sie ein höheres Glücksniveau bringen.

          In jüngerer Zeit wird jedoch „Glück“ zunehmend aus der privaten Sphäre herausgelöst und zu einer Sache der Regierungspolitik gemacht. Und Verhaltensökonomen liefern dazu die Rechtfertigung, indem sie zeigen, dass sich reale Menschen nicht selten entgegen den Vorhersagen des „Homo oeconomicus“ verhalten. Der Staat übernimmt es nun, den Menschen vorzuschreiben, wie sie ihre Kinder aufziehen sollen, wie sie sich ernähren sollen, wie sie sich fit halten sollen und so weiter. Es werden Vorschläge gemacht, das Bildungssystem so umzubauen, dass es positive Gefühle fördert, im Gegensatz zum alten System, das auf inhaltlichen Lehrplänen beruhte.

          Aufstieg eines paternalistischen Gouvernantenstaats

          Viel Aufmerksamkeit hat die These erregt, wonach wirtschaftlicher Erfolg nicht das Glück steigert, weil die Nutznießer sich an das höhere Wohlstandsniveau gewöhnen, während andere neidisch werden. Das Easterlin-Paradox behauptet, dass mehr Reichtum nicht zu mehr Glück führe. Entsprechend haben einige Glücksforscher (etwa Richard Layard) vorgeschlagen, die Grenzeinkommensteuersätze zu erhöhen, um die vermuteten nachteiligen Konsequenzen steigenden Reichtums auf das allgemeine Glück zu korrigieren.

          Der Staat wird zunehmend als allgemeiner Beschützer angesehen, der die Aufgabe hat, eine Gesellschaft so aufzubauen, dass sie das Maximum an Glück erreicht. Das steht im Widerspruch zur traditionell begrenzten Rolle des Staates, der nach liberaler Auffassung auf Recht und Gesetz achten und private Verträge und Eigentumsrechte durchsetzen soll. Offenkundig rechtfertigt die neue Konzeption einen viel breiteren Umfang von staatlichen Eingriffen als die traditionelle.

          Den Individuen kann nicht länger zugetraut werden, die richtigen Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Das öffnet der Regierung die Tür, den Bürgern Entscheidungen abzunehmen, statt sie selbst wählen zu lassen. Als Folge sehen wir den Aufstieg eines paternalistischen Gouvernantenstaats, der keinen Bereich des privaten Lebens unberührt lässt. Mein Auto piept, solange ich den Gurt nicht angelegt habe. Wir sollen nicht zu viel Süßes essen; selbst die Vereinten Nationen haben jüngst eine Steuer auf Fette und Zucker gefordert. Wann immer ich den Fernseher anschalte oder ins Kino gehe, werde ich daran erinnert, wie viel Obst und Gemüse man am Tag essen soll. Einige Politiker nehmen an, dass wir uns nicht benehmen können, wenn sie nicht unseren Zugang zu Videospielen und Pornographie regulieren.

          Regierungen bestehen auch nur aus Menschen

          Natürlich geschehen all diese Eingriffe im Namen des Guten und Wahren. Sie müssen gut sein, denn sie zielen darauf, schädliche Folgen für mich und andere zu vermeiden. Sie müssen wahr sein, denn sie basieren auf der zunehmenden sozialwissenschaftlichen Forschung, wie etwa auf der immer populäreren Verhaltensökonomik, deren Vertreter 2002 schon einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielten. Die Verhaltensökonomik zeigt in der Tat, dass die Menschen unter Verzerrungen leiden: übermäßige Zuversicht, Kurzsichtigkeit und kognitive Dissonanzen (das heißt, dass sie nicht allen relevanten Informationen genügend Aufmerksamkeit schenken).

          Es geht hier gewiss um eine fundamentale Frage der Politik: Wenn es uns allein darauf ankommt, dass die Gesellschaft aus Menschen besteht, die sich gut fühlen, und wenn sich herausstellt, dass die wissenschaftlichen Fachleute einfach mehr davon verstehen, was und wieso Menschen fühlen, und wenn die Regierung es schafft, die Handlungen so zu lenken, dass die Menschen sich gut fühlen, dann können wir uns auf den Weg in den Paternalismus begeben. Am Ende kann er uns allerdings zu einer Dystopie führen, die Aldous Huxleys „Brave New World“ ähnelt. Das maximale Glück wird nur auf Kosten einer frühen Konditionierung in der Kindheit, lebenslanger Medikamentierung und einer verpflichtenden Euthanasie erreicht.

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