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Spitzenunternehmer : Manager für die Zukunft gesucht

Manager von heute: Die Kanzlerin begrüßt Martin Winterkorn, Joe Kaeser und Dieter Zetsche. Bild: dpa

Zu hohe Gehälter, horrende Abfindungen auch bei Fehlleistungen, mangelndes Vertrauen: Vorstandschefs müssen die Ärmel hochkrempeln – und in eine neue Welt der Führung aufbrechen.

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          Martin Luther. Auf wen sonst soll der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, zum Tag der Arbeit verweisen? Was Luther wohl zu den Managergehältern der heutigen Zeit sagen würde? „Die Lohn- und Gehaltsunterschiede sind insgesamt zu groß.“ Das hätte er gesagt. Davon ist Bedford-Strohm überzeugt, jedenfalls im übertragenen Sinne. Es gehe aber nicht um die Begrenzung von Gehältern, sondern um die Begrenzung von Ungleichheit, sagte der EKD-Ratsvorsitzende jüngst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In ihrer Unternehmerdenkschrift habe die EKD deshalb auf Luther verwiesen: Wie könne ein Mann in so kurzer Zeit so reich werden, dass er Könige und Kaiser aufkaufen kann?

          Das habe Luther schließlich auch gefragt. Sozialethisch müsse die Höhe der obersten Einkommen deshalb prinzipiell auch vor den Empfängern der geringsten Einkommen gerechtfertigt werden können. Wohlstand und Glück einer Gesellschaft müssten sich immer auch daran messen lassen, in welchem Ausmaß die Schwächsten davon profitieren. Was aber heißt das in der Praxis?

          In der Praxis geht es um Zahlen. Und diese Zahl, so hieß es seinerzeit auf dem Boulevard, habe Deutschland „gerockt“: Knapp 17 Millionen Euro hat Martin Winterkorn für das Jahr 2012 als Gehalt von seinem Arbeitgeber Volkswagen erhalten. Das ist mehr, als jemals zuvor ein Dax-Vorstand bekommen hat. Und in den Jahren danach wurde es nicht wesentlich weniger. Zuletzt zum Beispiel waren es 15,9 Millionen Euro. Vor drei Jahren noch hat das Rekordgehalt auch andere Spitzenmanager bewegt. Sie hielten die Zahl – ob mit oder ohne größeren Neid – für vollkommen überzogen. Das aber galt eben nur in jenem Jahr. Danach war davon nichts mehr zu hören. Der damalige IG-Metall-Chef Berthold Huber forderte damals, „Grenzen für Vorstandsvergütungen“ einzuführen. Dabei war Huber schon zu jener Zeit der stellvertretende VW-Aufsichtsratschef. Er hatte das Rekordgehalt im schönsten Einvernehmen mit abgesegnet. Inzwischen ist er interimistisch durch den Rückzug von Ferdinand Piëch sogar Chef des Gremiums – und hält in dieser Funktion Winterkorn in Amt und Würden.

          Winterkorns Gehalt ein „katastrophales Signal“

          Zum einen war seine Kritik also wohlfeil. Zum anderen war sie halbherzig. Denn das Vergütungssystem von VW sei aus Sicht der Belegschaft grundsätzlich „das beste, das es hierzulande gibt“, wie Huber damals sagte. Neben dem Gewinn spiele bei VW seit 2010 auch die Beschäftigung eine große Rolle bei der Bemessung der Boni. Deshalb gab es in der Belegschaft auch keine Proteste gegen Winterkorns Millionengehalt.

          Neuer Flagshipstore : Martin Winterkorn mit erstem Auftritt nach Piëch-Rücktritt

          Andererseits hat das stetige Einvernehmen mit der Gewerkschaft auch dafür gesorgt, dass Volkswagen mit knapp 600.000 Beschäftigten noch nicht einmal ganz so viele Autos baut wie Toyota mit rund 340.000. Ist das trotz der hohen Gewinne der Gegenwart zukunftsträchtig? Hat Winterkorn sein Gehalt also mit Blick auf die mittlere Zukunft verdient? Auch der seinerzeit als Kanzlerkandidat ausgerufene Peer Steinbrück (SPD) hatte die Vergütung Winterkorns einst als „katastrophales Signal“ bezeichnet und von den wirtschaftlichen Eliten gefordert, „dass sie Maß und Mitte anerkennen“. Aber war das glaubwürdig? Später geriet Steinbrück selbst wegen hoher Vortragshonorare in die Kritik – und machte das in seinen Augen zu niedrige Gehalt der Kanzlerin zum Gesprächsthema. Das alles hat Steinbrück nicht gutgetan. Er hat die Wahl verloren, ist in der politischen Versenkung verschwunden. Winterkorn hingegen ist ein wahrer Sieger. Noch nie hat sich bei Volkswagen in den vergangenen zwei Jahrzehnten jemand gegen Piëch durchgesetzt. Sein Gehalt hat die Unterstützer im Machtkampf der vergangenen Wochen sowieso nicht mehr interessiert. Aus diesem Fall lernt man: Über erfolgreiche Manager regt man sich nicht so gerne auf, um so mehr aber über Gescheiterte.

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