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Sohn von Chodorkowskij im FAZ.NET-Interview : „In Russland gibt es noch eine Geisel“

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Pawel Chodorkowskij (28) ist der älteste Sohn von Michail Chodorkowski, der nach mehr als 10 Jahren Lagerhaft im Dezember von seinem Erzfeind Wladimir Putin begnadigt wurde. Er ist Gründer einer Energie-Monitoring-Firma in den USA und leitet das private „Institut für ein modernes Russland.“ Bild: dpa

Der Sohn von Kreml-Gegner Michail Chodorkowskij erzählt von seinem Vater: Wie er sich im Straflager verändert hat. Wie er durchhielt. Und was er jetzt vorhat.

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          Pawel Chodorkowskij, Sie haben Ihren Vater zehn Jahre lang nicht gesehen. Wie hat ihn das Gefängnis verändert?

          Ich hatte erwartet, dass ich jetzt einen anderen Menschen sehen werde. Als ich ihn dann in Berlin zum ersten Mal wieder getroffen habe, war das nicht nur eine Überraschung. Es war ein Schock, ein positiver: Da war genau der gleiche Mensch wie vor zehn Jahren. Das gleiche Gesicht, das gleiche Verhalten. Nur dass er noch mehr graue Haare hat. Aber er war ja schon vor zehn Jahren, mit 40, ziemlich ergraut.

          Viele Häftlinge kommen gebrochen aus den Straflagern zurück. Wie hat Ihr Vater durchgehalten?

          Mein Vater hat es geschafft, Distanz zu halten. Viele Häftlinge schmieden Pläne für ihre Zukunft, leben von der Hoffnung, zählen die Tage bis zur Entlassung. Sie machen sich damit selbst verrückt. Wenn die russische Justiz ihre Hoffnungen dann zerstört, zerbrechen sie. Mein Vater hat aufgehört, an eine Entlassung zu denken, hat sich ganz auf seine Verteidigung konzentriert, und nach den Prozessen auf Bücher und andere Aufgaben. So hat er sich vor Hoffnungen geschützt, die jede Sekunde zerstört werden können.

          Hat er sich innerlich verändert?

          Weniger, als ich erwartet habe. Wir konnten ja zehn Jahre immer nur kurz telefonieren und uns Briefe schreiben, ich konnte mir also schlecht ein Bild machen. Jetzt war ich zwei Wochen mit ihm zusammen, und es fällt mir schwer zu sagen, dass ich bestimmte Veränderungen bemerkt habe. Mir fiel auf, dass er mehr Interesse an der Familie und an den Kindern hat. Die Akzente im Leben verschieben sich.

          Glauben Sie, er wird jetzt zum Familienmenschen?

          Er ist ein starker Mann und erfolgsorientiert. Die Familie im Hintergrund zu haben, war und ist immer wichtig für ihn. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das sein einziger Lebensinhalt werden könnte. Er sucht gerade Betätigungsfelder. Das wichtigste ist im Moment für ihn, für die Freilassung der politischen Häftlings in Russland zu kämpfen.

          „Da war genau der gleiche Mensch wie vor zehn Jahren. Das gleiche Gesicht, das gleiche Verhalten. Nur dass er noch mehr graue Haare hat“: Michail Chodorkowskij direkt nach der Freilassung.

          Was hat er Ihnen vom Haftalltag erzählt?

          In den vergangenen Wochen haben wir uns angewöhnt, dass wir ihn zu diesem Thema nicht besonders fragen und er auch nicht besonders erzählt. Bis auf die eine oder andere Anekdote. Ein Mensch, der das durchgemacht hat, will davon nicht erzählen, das ist ja keine Erholungsreise in der Karibik, nach der man gerne von seinen Eindrücken berichtet.

          Es gab viele Berichte über Schikanen gegen ihn. Stimmten die?

          Sobald mein Vater in ein Lager oder Gefängnis kam, wurde dort strikt Dienst nach Vorschrift gemacht. Ohne jede Abweichung im Positiven wie im Negativen. Das erschwerte das Gefängnisleben für alle – für die Häftlinge ebenso wie für das Personal und die Direktoren.  Ohne ihn wäre es sicher entspannter zugegangen. Mein Vater sagte, die haben sicher aufgeatmet, als er weg war. Er wurde rund um die Uhr mit Kameras überwacht, über seinem Bett hing eine Kamera, über seinem Arbeitsplatz, dem Essensplatz. Der emotionale Druck war stark, aber mein Vater hat ihn überstanden.

          Was waren die ersten Worte, als Sie sich in Berlin im Hotel wiedersahen?

          Die habe ich nicht gehört, weil meine Tochter, also seine Enkelin, sich sofort von uns losriss, als sie ihn sah, sich auf ihn stürzte und ihn umarmte.

          Ihr Vater wirkt vor den Kameras immer ausgesprochen gefasst, zeigt wenig Gefühle. Ist er auch ohne Kameras so ein ernster Mensch?

          Er ist von Natur aus ein sehr reservierter Mensch. Er hat früher nie seine Stimme erhöht, und das ist bis heute so. Da hat sich wenig geändert.

          Wie hat sich Ihr Leben nach seiner Freilassung verändert?

          Ich hätte nie gedacht, dass unser Wiedersehen in Berlin stattfindet. Ich dachte, wir werden wohl im Sommer alle nach Moskau fahren, wenn seine Haftzeit abläuft, und ihn dort sehen. Seine Freilassung hat unsere Familie stark zusammengeschweißt. Alle sind zusammen gekommen.

          Wie intensiv ist Ihr Kontakt heute?

          Ich kann bis heute noch nicht glauben, dass ich ihn jetzt anrufen kann, wenn ich will. Vor ein paar Tagen habe ich ihn am Telefon nicht erreicht, und später kam eine SMS von ihm. Das war für mich ein Schock! Ein positiver! Ich habe nie im Leben eine SMS von ihm erhalten. Jetzt telefonieren wir regelmäßig und sehen uns hoffentlich bald wieder.

          Was bedeuten die zehn Jahre Haft Ihres Vaters für Sie?

          Darüber habe ich vor der Freilassung oft nachgedacht. Jetzt nicht mehr. Jetzt überwiegt das Positive. Früher habe ich oft darüber gegrübelt, dass ich einen großen Teil meines Lebens ohne normalen Kontakt mit meinem Vater leben musste. Das war ein gewisses Vakuum. Es gab viele Momente, in denen ich seine Worte hätte hören wollen. Die Heirat, die Geburt der Tochter. Da ist vieles nicht mehr nachzuholen. Aber jetzt überwiegt das Positive. Ich werde bald wieder Vater. Das wird ganz anders als bei meiner Tochter Diana, die er vier Jahre nach ihrer Geburt zum ersten Mal gesehen hat.

          Machen Sie Putin verantwortlich für die Festnahme Ihres Vaters?

          Da hatten viele ihre Hand im Spiel. Die Staatsanwälte, Rosneft-Chef Setschin. Natürlich lief das alles nicht ohne direkte Erlaubnis von Putin. Aber dass er meinen Vater freigelassen hat, hat einiges verändert, ob man das will oder nicht. Mein Vater sagte es so: Ich kann nicht sagen, dass ich ihm dankbar bin, aber ich habe mich über seine Entscheidung gefreut. Ich sehe es ähnlich. Ich kann nicht sagen, dass ich ihm verziehen habe, aber Wut auf ihn habe ich nicht.

          Ist es mehr Hypothek oder Chance, so einen berühmten Vater zu haben?

          Natürlich macht es das Leben schwerer. Ich habe nie versucht, diese Verwandtschaft als Geschäftsmann auszunützen. Im Privatleben macht es vieles schwieriger, man muss auf vieles Rücksicht nehmen, auf das große öffentliche Interesse. Alles ist anders.

          Sie leiten in New York das „Institut für ein modernes Russland“. Was machen Sie da?

          Wir wollen die demokratischen Werte und den Dialog zwischen Russland und den Vereinigten Staaten voranbringen, aus beiden Ländern echte Partner machen. Wir publizieren Analysen, organisieren Kongresse, informieren Politiker in den USA über die Lage in Russland.

          Sie trauten sich zehn Jahre lang nicht nach Russland. Fahren Sie jetzt wieder in Ihre Heimat?

          Bis auf weiteres nicht. Bis heute ist die Situation für mich noch unklar, ich warte, was mein Vater sagt. Die Kräfteverteilung ist unübersichtlich, und damit auch die Frage, wie gefährlich eine Rückkehr ist. Dort wird bis heute ein Mitarbeiter meines Vaters als Geisel gehalten.

          Ein Grund für die Freilassung Ihres Vaters war die Krankheit seiner Mutter, Ihrer Oma. Geht es ihr jetzt wieder besser?

          Kurz vor der Freilassung bekam sie eine Behandlungspause; in ein paar Monaten wird sie wieder zur Untersuchung ins Krankenhaus nach Berlin fliegen. Dann werden wir sehen.

          Haben Sie schon mal an Umzug gedacht von New York nach Europa?

          Ja. Aber ich habe mich noch nicht entschieden. Die nächsten Monate muss ich wegen laufender Projekte in den Vereinigten Staaten bleiben. Ich werde jedenfalls öfter nach Europa fliegen müssen, denn mein Vater will dort seine Zelte aufschlagen. Nach allem, was mit meiner Familie passiert ist, versuche ich, keine langfristigen Pläne zu schmieden. Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, ob ich in den Vereinigten Staaten leben will, hätte ich sicher nein gesagt.

          Ihr Vater hält sich mit Kritik an Putin zurück. Tut er das, weil noch ein Mitarbeiter von ihm, Alexej Pitschugin, in Russland in Haft ist, sozusagen als Geiseln?

          Meinem Vater sind die Hände gebunden. Er hat zwar keine Verpflichtungen auf sich genommen. Aber wir verstehen wunderbar, dass sein weiter eingesperrter Mitarbeiter eine Geisel ist. Ich fühle mich verpflichtet, nichts zu tun, was negative Auswirkung auf sein Schicksal haben könnte. Denn er hat sich geweigert, meinen Vater zu verraten. Mein Vater ist jetzt frei, er sitzt noch. Man darf ihn nicht in Gefahr bringen. Das ist meine Position. Und ich denke, mein Vater sieht das genauso.

          Wird es eines Tages eine lupenreine Demokatie in Russland geben?

          Ja. Aber damit es so weit kommt, muss man verstehen, dass die Grundlagen dafür im Inneren der Menschen verankert sein müssen, dass man sie ihnen nicht einfach erklären kann: Freiheit, Gleichheit, Achtung vor dem Gesetz, den Mitmenschen. Bei der Generation, die in den vergangenen zwanzig Jahren aufgewachsen ist, sind diese Prinzipien nicht verankert. Deshalb muss eine neue Generation heranwachsen.

          Das Gespräch führte Boris Reitschuster.

          Wir haben den Namen des Mitarbeiters korrigiert, der noch in Russland in Haft sitzt.

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