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Smog in China : Der Tod aus der Atemluft

Lebensgefährliche Lage: Auch in Shanghai leiden die Menschen unter der extremen Luftverschmutzung Bild: REUTERS

Vor einem Jahr ächzte Peking unter dem schlimmsten Smog aller Zeiten. Jetzt ist Schanghai dran. Der Dreck tötet Millionen Menschen und vernichtet die Wirtschaftsleistung eines Landes wie Belgien. Die Abhilfe kommt wohl zu spät.

          Es ist der 12. Januar 2013. Seit Tagen hat die Luftbelastung in Peking Höchststände erreicht, heute ist es besonders schlimm. Eigentlich reicht die Skala für den Luftqualitätsindex (AQI) in der Messstation der amerikanischen Botschaft nur bis 500. Der Wert berücksichtigt erdnahes Ozon, Feinstäube, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid. Die Spanne von 300 bis 500 bezeichnen die Amerikaner als „hazardous“, also als gefährlich. Jetzt sind die Werte doppelt so hoch! Dafür gibt es keine internationale Klassifikation mehr, den Umweltwächtern fehlen sozusagen die Worte über so viel Dreck in der Luft.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Wie es um den Smog bestellt ist, erfahren die Pekinger jeden Morgen beim Blick aus dem Fenster, vor allem aber über ihre Smartphone-Apps. In der deutschen Schule und im Kindergarten informieren spezielle Tafeln über die Belastung. Wenn der AQI den Wert 300 übersteigt, dürfen die Kinder nicht mehr ins Freie. Besonders tückisch sind die Feinstäube, je kleiner, umso gemeiner. Teilchen, deren Durchmesser weniger als 2,5 Mikrometer betragen, heißen PM 2,5. Diese Feinst-Stäube sind lungengängig und können schwere Erkrankungen bis hin zu Herzinfarkten und Lungenkrebs verursachen.

          Keine Fluchtmöglichkeit

          Weil die Luft in Peking so schlecht ist, sind nach den Spitzenwerten vom Januar 2013 viele Bewohner – Chinesen wie Ausländer – in die zweite Wirtschaftsmetropole des Landes umgezogen, nach Schanghai. Doch Ende des Jahres holte sie die Verpestung dort ein: In der Hafenstadt wurden die höchsten AQI- und PM-2,5-Werte seit Beginn der Aufzeichnungen festgestellt. Zwar reicht die Belastung nicht an die Rekorde in Peking heran, aber in den üblen Smogtagen des Dezembers zerstob die Illusion, dass man in China vor der Verpestung davonlaufen könnte.

          Die Lage ist lebensgefährlich. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO fand heraus, dass die urbane PM-2,5-Belastung für 3 Prozent aller tödlichen Herz-Lungen-Leiden auf der Welt verantwortlich ist. Fünf Prozent aller Todesfälle nach Krebserkrankungen der Luftröhre, Bronchien und Lungen gehen auf das Konto der Feinst-Stäube. Sie sind zudem schuld am Tod jedes hundertsten Kindes unter fünf Jahren, das an einer akuten Atemwegsinfektion stirbt. Zwei Drittel der Fälle treten in Asien auf.

          Die 2012 veröffentlichte Untersuchung „Global Burden of Disease“ ergänzte, dass 2010 in China wegen der Luftverpestung 1,2 Millionen Menschen vorzeitig starben, fast 40 Prozent aller Umwelttoten in jenem Jahr auf der Welt. Nur Fehlernährung, Bluthochdruck und das Rauchen bringen in China mehr Menschen um. Eine amerikanisch-chinesische Studie fand 2013 heraus, dass wegen der höheren Kohleverfeuerung im kalten chinesischen Norden – wo Peking liegt – die dortigen 500 Millionen Einwohner im Durchschnitt fünf Jahre kürzer leben als ihre Landsleute im Süden. Der Schaden lässt sich auch finanziell beziffern. Gemeinsam mit der Weltbank errechnete Chinas Umweltministerium Gesundheits- und Umweltkosten von 5,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Bezogen auf das Jahr 2012, waren das rund 360 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass die Verpestung jedes Jahr die gesamte Wirtschaftsleistung eines Landes wie Belgien oder Argentinien zunichtemacht.

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