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„Sitaras Fitness“ in New York : Wo George Soros ins Schwitzen kommt

Fitness-Monitoring: Sitaras im „Digital Tracking Room“ Bild: Roland Lindner

Im New Yorker Fitnessstudio von John Sitaras trainieren Hochkaräter aus der Finanzwelt. Die Wirtschaftsgrößen steigen mit der Dynamik ihrer Karriere auf das Laufband.

          Ohne „Background Check“ geht nichts bei John Sitaras. Wer in seinem exklusiven New Yorker Fitnessstudio Mitglied werden will, über den lässt Sitaras erst einmal Recherchen anstellen. „Wir wollen ja nicht, dass sich hier auf einmal jemand als der nächste Bernie Madoff herausstellt“, sagt er in Anspielung auf den berühmten Anlagebetrüger. Vor allem geht es ihm um das Aussortieren von „Leuten, die aus den falschen Gründen hierherkommen“ - etwa wegen der Nähe zu den Hochkarätern unter den Mitgliedern.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          In Sitaras’ Fitnessstudio verkehrt ein Publikum, das an den Schalthebeln der Macht in der amerikanischen Wirtschaft sitzt oder dort zumindest in der Vergangenheit war. Hier hält sich der 81 Jahre alte Investor George Soros fit, ebenso wie der frühere Notenbankchef Paul Volcker (84 Jahre) oder Manager-Legende Jack Welch (76 Jahre). Sitaras will sichergehen, dass seine illustren Klienten nicht behelligt werden, während sie bei ihm ins Schwitzen kommen. Und er sagt, er habe schon mehrmals Bewerber nach dem „Background Check“ abgelehnt.

          Pionier der Wagniskapitalszene: Kunde Fred Adler (l.) mit Sitaras

          Die New Yorker Fitnesswelt hat keinen Mangel an Promi-Adressen. Wer zu Ketten wie Equinox oder Soulcyle geht, hat gute Chancen, Berühmtheiten aus dem Fernseh- oder Filmgeschäft über den Weg zu laufen. Der 39 Jahre alte John Sitaras hat eine andere Nische gefunden: Zwar auch mit prominenten Namen, aber ohne Hollywood-Glamour. Er hat sich als eine Art Fitnessguru für die Alphatiere aus der Finanz- und Wirtschaftswelt etabliert, oft solche älteren Semesters. Angelockt hat er diese Klientel mit einem Fitnesskonzept, in dem viel Physiotherapie steckt - was Menschen entgegenkommt, die altersbedingt am Erhalt ihrer Gesundheit arbeiten wollen. Es begann mit ein paar zufriedenen Kunden aus der Wirtschaft, denen Sitaras persönliche Trainingsstunden gab, und von da an zog ein „Power Player“ den nächsten an: Paul Volcker kam auf Empfehlung von George Soros, Jack Welch rekrutierte Medienveteran Andy Lack und so weiter.

          Einflussreiche Kundschaft mit immsenen Vorteilen

          Ein prominenter Name ist keine Voraussetzung für die Mitgliedschaft: „Wir haben hier auch viele junge Leute, die noch an ihrem Lebenslauf arbeiten“, sagt Sitaras. Aber es sind die Wirtschaftsgrößen, die dem Studio seine ganz eigene Dynamik geben: Sie bringen die Intensität und Leistungsorientierung, mit der sie Karriere gemacht haben, auch ins Fitnessstudio. „Die Leute sind hochmotiviert und nehmen das hier wirklich ernst.“ Manche sind sehr kompetitiv, und es gibt auch Rivalitäten.

          Bisweilen legt Sitaras Trainingsstunden so, dass Kunden, die einander nicht mögen, sich nicht über den Weg laufen. Sitaras gefällt, wie „schillernd“ und „meinungsstark“ seine Klientel ist, aber das hat manchmal auch seine Schattenseiten. Etwa, wenn sie eine überzogene Anspruchshaltung haben: „Diese Leute sind draußen in ihrer Welt die Kapitäne, und sie sind daran gewöhnt, Bedienstete zu haben. Manchmal muss ich ihnen klarmachen, dass das Studio hier mein Reich ist.“ Einmal hat er einem Klienten die Mitgliedschaft entzogen, der mit dem Finger geschnippt hat wie bei einem Dienstboten, weil er andere Musik hören wollte.

          Üblicherweise geht es in dem Studio aber familiär und kumpelhaft zu. Sitaras hat es zum Ritual gemacht, dass jedes neue Mitglied allen anderen persönlich vorgestellt wird (“Gestern habe ich erst Paul Volcker beim Training unterbrochen, damit er jemanden kennenlernt“). George Soros wiederum verteilt schon einmal Komplimente wie „impressive“ (“beeindruckend“) an andere Mitglieder. Eine solch einflussreiche Kundschaft zu haben hatte für die Unternehmerkarriere von Sitaras immense Vorteile. Er konnte die geballte Wirtschaftskompetenz seiner Klientel anzapfen, um sich Rat für den Aufbau und Ausbau seines Geschäfts zu holen. Einige der Mitglieder des Clubs sind gleichzeitig Investoren - und nebenbei Mentoren für Sitaras.

          Sandra Navidi trainiert jeden zweiten Tag bei John Sitaras

          Einer von ihnen ist Fred Adler, der als Pionier der Wagniskapitalszene in der amerikanischen Technologieindustrie gilt und sich mit Engagements bei einstigen Glanzadressen wie Digital Equipment oder Data General einen Namen gemacht hat. Der 86 Jahre alte Adler residiert heute in einem feudalen Appartement im Ritz-Carlton-Hotel direkt am Central Park und ist entschlossen, diesen Ausblick noch lange zu genießen: „Ich arbeite von der Theorie aus, dass ich unsterblich bin.“ Er ist besessen davon, geistig und körperlich in Schuss zu bleiben. Er hat gerade das Kartenspiel Bridge gelernt, er macht lange Spaziergänge, er isst seit dreißig Jahren kein Schweine- und Rindfleisch mehr. Bis heute wurmt ihn, dass sein guter Freund George Soros ihn einmal bei einem Tennismatch geschlagen hat. Zweimal in der Woche geht er zu Sitaras ins Studio. Er schwört auf das Training, weil Sitaras es auf ihn maßgeschneidert hat, zum Beispiel mit gezielten Übungen zur Stärkung der Hüften, die ihm Schwierigkeiten machen.

          Von der Straße aus weist kein Schild darauf hin

          Tatsächlich wartet auf Neueinsteiger ein recht aufwendiger Prozess, bis es mit dem eigentlichen Training losgeht. Ganz am Anfang steht ein persönliches Gespräch, in dem Sitaras von den Kandidaten herausfinden will, wie ernst es ihnen mit der Fitness ist und welche Ziele sie haben. Wer danach und nach dem „Background Check“ zugelassen wird, macht erst einmal mindestens sechs Stunden lang Tests durch, bei denen verschiedene Muskelgruppen auf ihre Stärke oder Flexibilität überprüft werden. Auf Basis dieser Daten entwirft Sitaras mit Hilfe von Software, die er selbst mitentwickelt hat, das Trainingsprogramm für jedes neue Mitglied. Das Programm wird dann je nach Fortschritt weiter verfeinert. Die gesammelten Fitnessdaten jedes Mitglieds können Sitaras und sein Team während der Trainingsstunden auf iPads abrufen. Zusätzlich gibt es seit kurzem einen futuristisch aussehenden „Digital Tracking Room“, eine raumschiffähnliche Kammer mit Monitoren, auf denen die Fitnessinformationen angezeigt werden.

          Billig ist die Mitgliedschaft nicht. Neben einer monatlichen Grundgebühr von 150 Dollar muss sich jeder Kunde zu zwei persönlichen Trainerstunden in der Woche verpflichten, die jeweils 115 Dollar kosten. Im Jahr sind also mindestens 13.760 Dollar fällig. Für Sandra Navidi ist es den Preis wert. Die gebürtige Deutsche, die im vergangenen Jahr in New York eine eigene Strategieberatung mit dem Namen Beyond Global gegründet hat, sieht das Fitnessstudio als unternehmerische Investition: „Ich bin selbständig und muss gesund bleiben.“ Navidi sagt, sie kommt jeden zweiten Tag, weil das Training genau auf sie zugeschnitten ist. „Ich war auch vorher schon Mitglied in anderen Studios, bin dann aber oft nicht hingegangen.“ „Sitaras Fitness“ ist versteckt gelegen im zwölften Stock eines Büroturms in Manhattan, von der Straße aus weist kein Schild darauf hin. Hinter dem Eingang wartet eine schicke Rezeption, ein paar Schritte von hier führt eine Tür zu einer großen und üppig bepflanzten Terrasse. Ansonsten sieht es hier nicht viel anders aus als in anderen Fitnessstudios, mit Ausdauermaschinen, Gewichten und Kraftgeräten.

          Der Sprung durch das Fenster rettete sein Leben

          In seinem Büro hat Sitaras etliche Bilderrahmen mit Fotos von sich und prominenten Kunden aufgestellt. Sich nun in diesen Kreisen zu bewegen ist für den Sohn griechischer Einwanderer ein Kontrastprogramm zu seiner Kindheit und Jugend, die er in chronischer Geldnot in einem rauhen Viertel in Brooklyn verbracht hat. Es ist umso bemerkenswerter angesichts einer persönlichen Tragödie, die seinen ursprünglichen Fitnessambitionen ein jähes Ende bereitet hat.

          Es war 1995, Sitaras hatte in den Jahren zuvor mit Bodybuilding begonnen und mit Erfolg an Wettbewerben teilgenommen. Er saß mit einem Freund aus seinem Fitnessstudio zum Mittagessen draußen am Tisch bei einem italienischen Lokal, als die beiden von einer Gang mit Baseballschlägern attackiert wurden - rückblickend meint Sitaras, sie seien gerade wegen ihrer Muskeln unter allen Gästen als Angriffsziel ausgewählt worden. Die Angreifer schlugen so hart zu, dass einer der Baseballschläger zerbrach. Sitaras’ Freund starb, er selbst rettete sich mit einem Sprung in den Verkehr und wurde von einem Auto überfahren. Das zerquetschte seine Beine und fesselte ihn für acht Monate an den Rollstuhl, aber er meint heute, nur dadurch sei er den Schlägen und einem sicheren Tod entkommen.

          140 Mitglieder, zwei Millionen Dollar Umsatz

          Sitaras machte nach der Attacke eine düstere Zeit durch, seine Familie hatte Angst, dass er sich selbst das Leben nimmt. Er kann mittlerweile über die damaligen Ereignisse sprechen, auch über die noch andauernden Nachwirkungen: Er kann bis heute nicht gut schlafen, die Narben an seinen Beinen sind noch immer zu sehen. Er kann zwar Sport machen, aber Treppen herabsteigen schmerzt, und beim Gehen stolpert er manchmal. Seine Bodybuilding-Karriere war nach dem Gang-Angriff vorbei. Er versuchte sich als Schauspieler und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er anfing, in diversen Fitnessstudios als Trainer zu arbeiten. Nebenbei machte er ein Praktikum in einem Krankenhaus und lernte dort mehr über Muskelaufbau und Schmerztherapie. So entstand die Idee, mehr Physiotherapie in das Training zu integrieren.

          Schon als Trainer in den anderen Studios gewann Sitaras erste Kunden aus der Finanzwelt, etwa Jim Robinson, den früheren Vorstandschef von American Express. Diese Klienten empfahlen Sitaras weiter an andere einflussreiche Bekannte, sie ermunterten ihn auch, sein eigenes Studio aufzumachen. Einige wie Robinson wurden zu Investoren und halfen, die knapp 2 Millionen Dollar für das Studio aufzutreiben, das schließlich Ende 2006 aufmachte. Den ohnehin schon sehr wohlhabenden Investoren geht es nicht darum, mit ihrem Engagement Geld zu verdienen, versichert Fred Adler, der rund 200.000 Dollar in das Studio gesteckt hat. „So eine Summe gibt meine Frau in einem Wimpernschlag beim Shoppen aus. Uns ist es wichtig, John zu helfen.“

          Heute hat „Sitaras Fitness“ etwas mehr als 140 Mitglieder und macht rund zwei Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Sitaras überlegt, wie er sein Geschäft ausweiten kann. Er hat Sorge, seine Trainingsmethode könnte „verwässert“ werden, deshalb zögert er, einfach weitere Studios zu eröffnen. Schon eher kann er sich vorstellen, seinen „Tracking Room“ zu lizenzieren, außerdem arbeitet er daran, sein Fitnesskonzept als Software-Applikation zu vertreiben. Große Lust hätte er, eine Fitnesssendung im Fernsehen zu machen. Aber er beteuert, er würde sich nicht für alles hergeben: „Eine Reality-Show kommt nicht in Frage.“

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