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Geschlechterdebatte : Sind Frauen die besseren Menschen?

Der Mann aggressiv und egoman, die Frau emphatisch und rücksichtsvoll: So lautet das Menschenbild in der Geschlechterdebatte Bild: dpa

In der Geschlechterdebatte steht zwischen den Zeilen die moralische Überlegenheit der Frauen. Wahr ist, dass Frauen viele Generationen lang systematisch und gesetzlich diskriminiert worden sind. Aber es ist falsch, jetzt eine einzige Männergeneration dafür büßen zu lassen. Ein Kommentar.

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          Der niederländische Telekomkonzern KPN hat neulich die Maske fallen lassen. Das Unternehmen war Pionier bei der Frauenförderung gewesen: 2009 verkündete der damalige Konzernchef Ad Scheepbouwer, für bestimmte Stellen könnten sich fortan nur Frauen bewerben. Hauptargument: Sie seien in Führungspositionen unterproportional vertreten.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jetzt verriet der Gleichstellungsbeauftragte in einem Interview: KPN hat die Vorgabe eingestellt. Zum einen habe sie dazu geführt, dass der „höherqualifizierte multikulturelle Mann“ völlig vernachlässigt worden sei. Das ist doppelt interessant, denn nebenbei schimmert hier durch, dass man, wenn schon Mann, besser nicht niederländischer Herkunft ist, wenn man sich bei KPN bewirbt.

          Zum anderen sah der Konzern seine Erwartungen enttäuscht. „Wir hatten auf mehr Führungsfrauen gehofft, die aus ihrem Frausein heraus teilweise andere wichtige Werte, Einsichten und Qualitäten in den Betrieb bringen würden.“ Aber was stellte sich heraus? „Eine Reihe glich in Verhalten und Kapazität stark den Männern, die da schon saßen - einschließlich ihrer Schwächen.“

          Wenn die Maske fällt

          Die Maske, die hier fällt: Im Mittelpunkt der Argumente steht gar nicht so sehr Gerechtigkeit, sondern ein Menschenbild. Die wenig verhüllte Vorstellung nämlich, dass Frauen irgendwie moralisch überlegen seien. Das ist in der Geschlechterdebatte allgemein die mitschwingende Botschaft. Männer: aggressiv, machtbesessen, egoman. Frauen: empathisch, verantwortungs- und rücksichtsvoll.

          Die direkte oder indirekte Herabwürdigung zieht sich quer durch die Gesellschaft. Väter, die von ihren Partnerinnen getrennt leben, erfahren das schmerzlich, wenn es darum geht, wie die Kinderbetreuung zu regeln ist. Gesonderte Frauengruppen sind heute in jeder Organisation zu finden, die etwas auf sich hält. Frauentaxis schließen Männer aus, als Kunden wie als Fahrer, und zwar nicht nur wegen der Sicherheit, sondern auch, wie es bei Ladycab in Bergisch Gladbach heißt, wegen frecher männlicher Fahrer mit schmutzigen Autos, und Frauen „sprechen auch viel lieber mit einer Frau“, wie die Chefin sagt.

          Wer sich beklagt, erntet Häme

          Das städtische Rebstockbad Frankfurt pflegt den Sexismus jeden Dienstag und Donnerstag, wenn es heißt: „Getrennte Sauna, ein Teilbereich ist ausschließlich für Frauen reserviert“ - nicht oder jedenfalls nicht nur, um die Frauen vor dummen Blicken zu bewahren, denn dann würden beide Geschlechter einfach getrennt. Nein, die Frauen dürfen überallhin, bekommen aber zusätzlich ihren schönen (und viel leereren) Exklusivraum. Muster all dieser kleinen Diskriminierungen: Sie sollen das Schutzbedürfnis einer Gruppe befriedigen, schießen dabei aber übers Ziel hinaus.

          Die Beispiele ließen sich unendlich fortsetzen. Man müsste die Geschlechter-Apartheid nur einmal umkehren, wie laut wäre das Geschrei. Ja, es gibt diese früheren Herrenclubs der Industrie, aber die haben ihre Frauen-müssen-draußen-bleiben-Politik zumeist aufgegeben, und die wenigen verbliebenen bekommen Prügel. Hier würden Karrieren geschmiedet, urteilten „Spiegel“-Autorinnen. „Deshalb ist es für Geschäftsfrauen und Politikerinnen mehr als nur ärgerlicher Anachronismus, dass sie ausgeschlossen sind.“ Das stimmt. Aber umgekehrt sind die Frauennetzwerke in Ordnung?

          Der einflussreiche deutsche Personalberater Heiner Thorborg hat, mit einer Partnerin, „The Female Factor“ ins Leben gerufen, eine Agentur, die Frauen vermittelt. Ebenso gründete er die „Generation CEO - das exklusive Business Netzwerk für Frauen im Top Management“. Und Siemens-Chef Joe Kaeser darf auf einem Wirtschaftstreffen einfach behaupten: „Frauen sind in der Regel die besseren Manager.“ Grund: ihre Null-Fehler-Toleranz. Auch hier stelle man sich das Theater vor, wenn einer das andersherum gesagt hätte.

          Selbst die Wirtschaft, die mutmaßlich so testosterongesteuerte, hat sich also längst von der männerfeindlichen Haltung einlullen lassen. Es empört sich denn auch niemand mehr, wenn in Stellenanzeigen steht, Frauen würden bevorzugt eingestellt. Tut einer es doch, erntet er Häme. Motto: Tja, Jungs, da seht ihr mal, wie das ist, wenn man benachteiligt wird. Oder es kommt gleich die Killer-Phrase vom „zornigen (alten) Mann“. Natürlich sind Frauen viele Generationen lang systematisch und gesetzlich diskriminiert worden. Aber es ist falsch, wenn eine einzige Männergeneration dafür derart büßen soll.

          Erste Anzeichen für diese Einsicht gibt es. Bei einer Tagung von Führungskräften der Chemieindustrie ging es unlängst auch um Frauen und um die „Girls’ Days“, die Mädchen zu naturwissenschaftlichen Berufen motivieren sollen - und inzwischen auch zu „Boys’ Days“ geführt haben. „Wir müssen achtgeben, dass wir nicht eine Generation verlorener Jungen hervorbringen“, sagte die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner. Die oberste deutsche Personalerin von Boehringer Ingelheim gab zum Thema „Diversity“ (Vielfalt) zu bedenken: „Die Frage ist: Wie kann man das erreichen, ohne auszugrenzen und abzugrenzen?“

          Halten wir dazu dreierlei fest: Gleichberechtigung ist gut. Bevorzugung von Frauen ist Diskriminierung von Männern. Und Frauen sind keine besseren Menschen als Männer.

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