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Nach der Kohle : Das Seehotel, das auf den See warten muss

Schildermeer: Solange das Wasser noch steigt, hat die Stadt überall Schilder mit der Aufschrift „See“ aufgestellt. Die Promenade ist schon fertig. Bild: Andreas Pein

Aus den Kohlegruben in der Lausitz soll ein Seenparadies werden. Tolle Idee, sagte ein Unternehmer und baute ein Vier-Sterne-Hotel. Das ist seit sieben Jahren fertig - der See aber noch lange nicht.

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          Im Kopf von Gerold Schellstede ist der See schon lange bei ihm. Tiefblau liegt er da, kilometerweit nichts als Wasser, die Sonne zaubert ein Glitzern darauf, der Wind kleine Wellen. In der Ferne ziehen Segelboote ihre Kreise, die Fähre aus dem Nachbarort kommt gemächlich näher. An der Uferpromenade sitzen die Ausflügler in den Cafés, ein paar Schritte weiter, am Yachthafen, rücken die Bewohner der weißgetünchten Bungalows die Liegestühle auf ihren Terrassen zurecht. Kindergejuchze, Vogelgezwitscher. Ist es nicht herrlich, in der Seestadt Großräschen?

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Gerold Schellstede sieht das alles ganz klar vor sich. Tatsächlich aber ragt der Schiffsanleger, auf dem er steht, ins Leere. Der See ist bislang nur eine große ferne Pfütze am Horizont, vor der noch jede Menge braunes Brachland liegt. Die Spaziergänger am Ufer müssen sich noch eine ganze Weile mit den blauen Schildern und der Aufschrift „See“ begnügen und damit, dass im Hafenbecken erst die Spundwände gesetzt wurden.

          Schellstede zückt einen Kamm aus der Innentasche seines Jacketts und bringt sein schlohweißes, vom Wind zersaustes Haar in Form. „Nie zurückschauen, immer nach vorn“, sagt er. Und dann wieder: „Dieser Blick aufs Meer, ist er nicht . . .?“ Ja, herrlich.

          Schellstede ist kein Träumer. Im Ort nennen sie ihn einen Visionär. Einen, den es braucht, um aus dieser geschundenen Landschaft wieder einen lebenswerten Ort zu machen. Großräschen, eine Stunde nördlich von Dresden und zwei südlich von Berlin, war Teil jenes gewaltigen Braunkohlereviers, das einst die DDR mit Energie versorgte. Jetzt sollen die Gruben, mit Wasser gefüllt, ein Freizeitparadies werden. Lausitzer Seenland - Schellstede war einer der Ersten, die investierten. Seit bald zehn Jahren wartet er auf den See. Damals kaufte er das ehemalige Ledigenwohnheim der Ilse Bergbau AG in Großräschen und baute es zu einem Hotel um. Vier Sterne, sechzig Zimmer. Er ist bereit, nur der See vor der Haustür noch nicht. Erst hieß es, er solle 2014 mit Wasser vollgelaufen sein, dann 2015, dann 2016, dann 2017, jetzt ist von 2018 die Rede.

          Geduld, sagt Schellstede, nur Geduld. Der Mann ist vor kurzem 75 geworden.

          Recycling: Auf der Schiffsbrücke wurde zu Tagebauzeiten der Abraum aus der Grube befördert. Die Zahl der Touristen hält sich noch in Grenzen. Bilderstrecke
          Recycling: Auf der Schiffsbrücke wurde zu Tagebauzeiten der Abraum aus der Grube befördert. Die Zahl der Touristen hält sich noch in Grenzen. :

          So kommt es, dass Schellstede und sein Seehotel mit halbem See zu einem Symbol des Wartens geworden sind - des Wartens auf die blühenden Landschaften, die Helmut Kohl dem Osten 1990 versprochen hatte, „schon bald“. Schellstede war damals noch ein Möbelhändler in Norddeutschland und auch damals kein Junger mehr: Er stand an der Schwelle zum Ruhestand. Sein gut laufendes Möbelzentrum in Oldenburg hatte er gerade verkauft, genug gearbeitet, genug verdient, der Umzug ins Ferienhaus auf Mallorca stand kurz bevor. Dann rief die Treuhand an. Geschäftsführer im Möbelhaus Großräschen? Abends um sechs stieg Schellstede in seinen Mercedes, juckelte - „bessere Feldwege waren das!“ - in die Lausitz und stieg nachts um halb drei vor dem Möbelhaus wieder aus. Der Nachtwächter führte ihn mit der Taschenlampe herum. Schellstede vergaß Mallorca.

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