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Sebastian Thrun im Gespräch : „Ich will die Unilandschaft revolutionieren“

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Es geht nicht ums Ersetzen. Sondern darum, etwas Neues zu erfinden. Können Online-Bibliotheken den physischen Kontakt zum Buch ersetzen? Nein. Trotzdem sind sie eine phantastische Innovation. Viele Studenten müssen aus irgendwelchen Gründen zu Hause bleiben: Sie haben vielleicht einen Job, eine Familie. Ihnen bieten wir das bessere Produkt - unabhängig vom Preis. Die Frage nach dem „Ersetzen“ ist die falsche Frage, eine des alten Denkens.

Was sagen eigentlich Ihre Kollegen aus Stanford zu diesem radikalen Neustart?

Sie respektieren das. Und sie wissen, dass es mir ernst ist. Viele Professoren verbringen den ganzen Tag damit, Dinge neu zu denken und ganze Wirtschaftszweige mit ihren Ideen zu verändern. Nur die eigene Branche war immer ein Tabu. Niemand hat sich je grundsätzlich darangewagt. Das hat sich jetzt geändert.

Sie könnten auch scheitern.

Klar. Aber danach sieht es derzeit nicht aus. Die Revolution des Bildungssystems steht erst am Anfang. Bill Gates sagte immer: Die größte Angst hat er vor Leuten, die mit einer Erfindung die Regeln verändern. Das hat Google mit seiner Suchmaschine gemacht. Es werden auch künftig Dinge erfunden werden, von denen wir heute noch nichts ahnen. Es werden sich Regel- und Wertesysteme radikal verändern. Heute sagen die Leute: Udacity ist vor allem im berufsbezogenen Bereich unterwegs und keine Gefahr für die altehrwürdigen Universitäten. Die Frage ist, ob die Professoren in ein paar Jahren immer noch so reden.

Das sind gewagte Thesen.

Wir haben jedenfalls eine weltweite Diskussion über die Zukunft des Lernens ausgelöst. Irgendwann werden die Professoren aufwachen, weil sie von uns und Firmen wie Coursera Konkurrenz bekommen.

Harvard doch nicht!

Das amerikanische Hochschulsystem bildet nur einen winzigen Teil der Studenten wirklich gut aus. Wie viele Leute schaffen es denn nach Harvard, Stanford oder Princeton? Gerade einmal tausend Leute machen pro Jahr und Hochschule hier einen Abschluss. Aber wo bleibt der Rest? An vielen der weniger bekannten Hochschulen schaffen nur 20 bis 30 Prozent der Studenten einen Abschluss. Die anderen fallen durch. Was für eine Geldverschwendung! Meine Online-Universität ist erst einmal für diese Liga Konkurrenz, also für die Hochschulen, die in der Lehre nicht sehr erfolgreich sind. Die Top-Unis machen ihre Arbeit immer noch sehr gut.

Wird es auf Dauer unwichtiger, Namen wie Stanford oder Harvard im Lebenslauf zu haben?

Auch das wird spannend. Wenn es gelingt, hervorragende Bildung zu einem Bruchteil des Preises für viel mehr Menschen aus aller Welt anzubieten, wird das die Hochschulwelt verändern. Die Eliteuniversitäten leben von ihrer Marke und einer gewissen Intransparenz. Es gibt keine Statistiken über den Berufserfolg der Absolventen. Wenn sich herausstellt, dass unsere Ausbildung genauso gut ist, aber deutlich billiger - dann wird die Frage aufkommen: Ist es gerechtfertigt, so viel Geld für Professoren und Verwaltung auszugeben?

Geld und Herkunft sollen nicht mehr die entscheidende Rolle spielen?

Genau daran arbeite ich. Die Demokratisierung des Wissens ist meine Mission: Wer lernen und weiterkommen will, der wird das tun können. Und zwar überall auf der Welt, unabhängig vom Geldbeutel. Das ist heute alles möglich.

Wie lernen die Menschen in Zukunft?

Das Lernen wird sich zunehmend „on demand“ vollziehen, also nach Bedarf und auf Anforderung. Früher hat man in der Jugend alles gelernt, was man später für den Beruf brauchte. In einer Welt, die sich so radikal verändert wie heute, macht das keinen Sinn mehr. Man wird immer wieder Neues lernen müssen, in meinem Feld, der Informatik so oder so, weil sich dort das Wissen alle fünf bis sieben Jahre erneuert. Der Durchschnittsamerikaner behält seinen Job vier bis fünf Jahre lang. Danach muss er sich etwas Neues suchen. Das findet er leichter, wenn er sich bildet.

In Deutschland fallen in der Regel keine Studiengebühren an. Da hätten Sie es schwerer, oder?

Auch in Deutschland werden die Leute feststellen, dass sie bei uns spannend, schnell und effizient lernen können. Aber klar: An einer Präsenz-Uni lernt man Menschen kennen, hat Spaß, trifft vielleicht sogar seinen Lebenspartner. Das können wir natürlich nicht bieten.

Wo wollen Sie in fünf Jahren sein?

Wir wollen die größte und beste Universität der Welt sein. Nicht im restriktiven Sinn von Harvard oder Stanford. Sondern im Sinne von Ikea: Wir wollen so viele Leute wie möglich richtig gut ausbilden. Vom Beginn des Studiums an bis zum Ende des Berufslebens. Damit können wir die Welt verändern.

Der Denker

Im Silicon Valley ist der gebürtige Solinger Sebastian Thrun (47) ein Star. Nach Informatikstudium und Promotion in Bonn trieb es ihn 1998 nach Amerika. 2003 wechselte er von der Carnegie Mellon University an die Eliteuniversität in Stanford, entwickelte dort eines der ersten selbstfahrenden Autos und wurde 2007 Professor. Google-Gründer Larry Page, der auf den inzwischen preisgekrönten Deutschen aufmerksam geworden war, beauftragte ihn 2011, das geheime Forschungslabor Google X aufzubauen. Fast zeitgleich gründete Thrun die Online-Universität Udacity, die heute mit 120 Mitarbeitern mehr als drei Millionen Studenten betreut und in die auch Bertelsmann Millionen investierte. Die Zeitschrift „Foreign Policy“ reihte Thrun unter den „100 einflussreichsten Denker der Welt“ auf Platz vier ein.

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