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Bodenreform in Schottland : Monopoly in den Highlands

Kein schöner Land: Der ungleich verteilte Bodenbesitz in Schottland ist zu Politikum geworden. Bild: Marcus Theurer

Das Schottische Hochland strahlt tiefe Ruhe aus. Doch damit könnte es bald vorbei sein: Die Politik will eine Bodenreform. Adlige fürchten um ihren Besitz, auf den nun Bauern spekulieren. Und auch Araber sind im Spiel.

          Das hier wollte ich Ihnen zeigen“, sagt Tom Gray und parkt seinen Toyota-Geländewagen auf der Kuhweide. Ein schöner Blick in ein weites grünes Tal. Mehr Kuhweiden, dahinter eine Hügelkette. Ein Landidyll, getaucht in das milde Licht der Abendsonne. Aber was genau will der Landwirt dem Besucher hier zeigen? „Das allermeiste, was Sie vor sich sehen, gehört einem einzigen Eigentümer“, sagt Gray. „Und das alles hinter uns“, erklärt der Bauer und zeigt in die Gegenrichtung, „gehört einem anderen Gutsherrn. So ist das hier bei uns in Schottland.“

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seine Gegner nennen Gray einen Hardliner, einen Ideologen. Denn der Kleinbauer ist der Meinung, dass Schottlands Großgrundbesitzer dazu gezwungen werden müssen, große Teile ihres Landes abzugeben. Er will, dass die Politik mit Strafsteuern und notfalls auch mit Zwangsverkäufen Druck macht. „Das ist kein Neid, es geht um Freiheit“, sagt Gray. „Ein Farmer sollte Eigentümer des Landes sein, das er bewirtschaftet.“ Um unabhängig zu sein, würde er liebend gerne das Weideland kaufen, auf dem seine einhundert Rinder grasen, wenn er denn die Chance dazu bekäme.

          Unter den schottischen Großgrundbesitzern wächst die Angst, dass Leute wie Gray schon bald ihren Willen bekommen. Die im Regionalparlament in Edinburgh mit absoluter Mehrheit regierende Scottish National Party (SNP) hat diesen Sommer den Entwurf eines weitreichenden Landreformgesetzes vorgelegt. Der Farmer Gray hat ebenfalls einen Parteiausweis der SNP und ist als Lokalpolitiker aktiv.

          Wer nicht zur „landed class“ gehört, hat es schwer

          Die Pläne der Regierung sind politischer Sprengstoff, denn die Reform könnte tatsächlich die Eigentumsrechte der mächtigen Großgrundbesitzer in Frage stellen. Außerdem will die SNP mit einer Modernisierung des archaischen schottischen Erbrechts die Landeigentümer dazu zwingen, ihren Besitz zu zerschlagen. Liegenschaften dürften dann nicht mehr, wie bisher üblich, einem einzelnen Nachkommen vererbt werden, sondern müssten unter allen Kindern aufgeteilt werden. Damit würden sie wohl von Generation zu Generation kleiner.

          Der Farmer Gray zählt nicht zur „landed class“, wie die Briten die Grundbesitzer nennen. Er ist auf seinem Bauernhof nur zahlender Gast. Ein Mieter. Seine Familie hat seit mehr als siebzig Jahren vierundfünfzig Hektar Weideland gepachtet - von insgesamt mehr als achttausend Hektar der Eigentümer. Die haben in dieser Zeit schon mehrfach gewechselt. Heute ist der Grundbesitz auf ein im Steuerparadies Liechtenstein registriertes Unternehmen eingetragen, das der milliardenschweren Familie Al Tajir aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört.

          Ist Großgrundbesitz unmoralisch? Für Farmer Tom Gray ohne Frage.

          Vor zwei Jahren habe er sogar ein Mitglied der Familie kennengelernt, sagt Gray. Er wundert sich noch heute darüber: „Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen der Grundbesitzer zu Gesicht bekommen habe“, sagt der Pächter, der 68 Jahre alt ist. Davor waren die Gutsherren für ihn immer nur anonyme Adressen, an die er seine Pacht überwies. So wie hier in dem grünen Wiesental rund eine Autostunde nordwestlich von Edinburgh sind die Eigentumsverhältnisse in weiten Teilen Schottlands. Fachleute sagen, es gebe in keinem anderen Land der Welt eine so starke Konzentration an Großgrundbesitz wie in Schottland: Im Norden Großbritanniens leben rund 5,3 Millionen Menschen. Doch einer Schätzung zufolge gehört 432 Familien die Hälfte des gesamten privaten Landes, von den fruchtbaren Lowlands im Süden über die kargen Highlands bis zu den einsamen Hebrideninseln im Nordwesten.

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