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Bodenreform in Schottland : Monopoly in den Highlands

Die Lobby der Großgrundbesitzer ist stark

Wenn Gray und Johnstone über die bevorstehende Landreform sprechen, dann könnte man meinen, sie redeten von zwei völlig verschiedenen Dingen: Der Gutsherr Johnstone sieht eine Neuregelung des schottischen Grundrechts „in beispiellosem Umfang“ auf sich zukommen. Eigentum, Wohlstand und Arbeitsplätze seien bedroht. Für den Kleinbauern Gray sind die Pläne dagegen ein von der mächtigen Grundbesitzerlobby weichgespültes und weitgehend wirkungsloses Reförmchen. Nur in einem sind sich die Kontrahenten einig: Beide sind von den Gesetzesplänen tief enttäuscht. „Diese Reform nimmt viel zu viel Rücksicht auf die Großgrundbesitzer“, sagt Gray. Es sei unanständig, dass einem so kleinen Kreis reicher Leute ein so großer Teil Schottlands gehöre, und mit ihrer Reform tue die Regierung nichts, um dies zu ändern. „Farmer, die Land gepachtet haben, müssten unmittelbar das Recht bekommen, den Grund zu kaufen“, fordert er. Doch so weit wollten die Politiker in Edinburgh dann doch nicht gehen. „Die sind eingeknickt vor der Lobby“, sagt Gray.

Dabei habe die ungleiche Verteilung des Landes in Schottland groteske finanzielle Konsequenzen. Denn gerade weil sie so viel Land besäßen, würden die Großgrundbesitzer von der EU auch noch stark gefördert. Mehr als eine halbe Milliarde Euro an Agrarsubventionen fließt jährlich nach Schottland. Manche Eigentümer großer Ländereien erhalten Jahr um Jahr Beihilfen in Millionenhöhe. Schlupflöcher im Fördersystem erlauben es Grundbesitzern, auch dann zu kassieren, wenn sie das Land kaum landwirtschaftlich nutzen. Für diese Pseudolandwirte hat sich in Schottland ein eigener Begriff eingebürgert: „Pantoffelfarmer“ werden die Gutsherren genannt, die staatliche Beihilfen statt Kartoffeln und Getreide ernten. Der Großgrundbesitzer Johnstone sieht die Dinge dagegen ganz anders als der Kleinbauer Gray. Das Modell, dass viele Bauern auf fremdem Land wirtschafteten, habe sich in Schottland seit Jahrhunderten bewährt. „Von einer Ausbeutung der Pächter kann keine Rede sein“, sagt Johnstone. Seine Argumentation geht genau umgekehrt: „Wir befördern das Allgemeinwohl, denn wir ermöglichen Leuten, die nicht das Geld haben, sich einen eigenen Bauernhof zu kaufen, den Einstieg in die Landwirtschaft“, sagt er.

Auch dass so mancher Eigentümer hohe Subventionen erhält und zugleich seine schottischen Ländereien als Steuersparmodell betreibt, hält er für legitim. „Es stimmt, dass das derzeitige Fördersystem Anreize für Grundbesitzer schafft, wenig Landwirtschaft zu betreiben“, räumt er ein. Aber es sei nichts dagegen einzuwenden, dass viele der schottischen Ländereien auf Gesellschaften in Liechtenstein oder der Karibik eingetragen seien. „So führen nun mal internationale Investoren ihre Geschäfte. Das ist völlig legal“, sagt Johnstone. „Ich habe ein Problem damit, wenn Leute ihr eigenes moralisches Urteil höher ansetzen als das geltende Recht.“ Der Aristokrat und der Kleinbauer sind einander nie begegnet. Eine klare Meinung übereinander haben sie trotzdem: „Sie waren bei Tom Gray?“, fragt Johnstone, als er mich im Range Rover durch den weitläufigen Park hinauf ins Schloss chauffiert. Er klingt beunruhigt. „Dann sollte Ihnen bewusst sein, dass er ein Radikaler ist. Leute wie Gray stehen so weit links, wie es nur geht“, sagt er. Der Farmer wiederum hat den Großgrundbesitzer in einer BBC-Fernsehdebatte erlebt. Was er für einen Eindruck von ihm hatte? „Johnstone war sehr defensiv und höflich“, sagt Gray - und ist davon kein bisschen beeindruckt: „Er kann es sich leisten, freundlich zu sein“, sagt der Farmer ungerührt. „Er ist ja reich.“

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