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Schönheitschirurg Afschin Fatemi : Der Restaurator

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Faltenfrei und reich dabei: Der umstrittene Schönheitschirurg Afschin Fatemi Bild: Edgar Schoepal

Er operiert Schlupflider, entfernt Tränensäcke und glättet Lachfalten: Keiner profitiert so vom Schönheitskult wie der umstrittene Hautarzt Afschin Fatemi. Und kaum einer ist so bekannt wie er.

          5 Min.

          Afschin Fatemi ist ein Mann mit auffällig guter Haut. „Klar habe ich schon was an mir machen lassen“, sagt er. Falten und Äderchen zum Beispiel, die macht er mit dem Laser weg. Oder ein bisschen Gesichtsstraffung. Warum auch nicht, Afschin Fatemi ist schließlich selbst Schönheitschirurg. Der 40-Jährige ist der Chef der deutschen Klinikkette „s-thetic“ und einer der bekanntesten Schönheitschirurgen der Szene. Er hält weltweit Vorträge und Workshops, gerade ist er in Amerika, letzte Woche war er in Kuala Lumpur, davor in Südafrika. Demnächst will er seine fünfte Niederlassung eröffnen.

          Aber Fatemi ist auch umstritten. Denn er ist nicht nur Arzt. Er ist auch Buchautor und Talkshow-Gast. Bei Patienten macht ihn das bekannt und beliebt, Kollegen kritisieren ihn deshalb.

          Fatemi operiert nur ausnahmsweise Minderjährige

          Fatemi lebt davon, dass Menschen schöner sein wollen, als sie sind. In seinen beiden Privatkliniken in Hamburg und Düsseldorf und in seinen Praxen in Düsseldorf und München arbeitet er zusammen mit neun anderen Ärzten. Jeder hat ein Spezialgebiet. Ein Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie vergrößert Brüste, ein Gynäkologe verkleinert Schamlippen, der Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde richtet Nasen, Dermatologen lasern und straffen Haut.

          Im Wartezimmer der Klinik in Düsseldorf-Kaiserswerth sitzen Anfang April überraschend hübsche junge Frauen, mit großen Perlenohrringen und Louis-Vuitton-Taschen. Die Inneneinrichtung passt zur Patienten-Klientel, Designerlampen, dunkler Holzboden, hohe Altbaudecken. Auf einem Flachbildschirm läuft eine Spiegel-TV-Sendung über Schönheitsideale in Schleife. Ab und zu ist Fatemi im Bild und erklärt etwa, dass sich Asiaten Kopfhaare in den Intimbereich verpflanzen lassen, während bei Frauen aus westlichen Ländern „unten ohne“ im Trend ist.

          Schätzungsweise eine Million Deutsche lassen sich jährlich ihren Körper verändern. Genauere Zahlen gibt es nicht, da kein zentrales Register die Operationen zählt. Viele davon sind aber sogenannte „Wiederherstellungs-Operationen“ von Unfallopfern oder Tumor-Patienten. Im Beauty-Sektor werden hierzulande am häufigsten Laserbehandlungen, Lid- und Nasenkorrekturen, Fettabsaugungen und Brust-OPs durchgeführt. Zehn Prozent der Schönheits-OPs werden an Minderjährigen vorgenommen, dazu gehören etwa Brustvergrößerungen von 14-Jährigen. Das wollen Unionspolitiker demnächst aber verbieten. Fatemi operiert nur ausnahmsweise Minderjährige, legt ihnen die Ohren an oder entfernt eine Hasenscharte.

          Er kritisiert offen seine Branche

          Das Geschäft ist auch ohne jugendliche Kunden groß genug: Rund 800 Millionen Euro stecken die Deutschen im Jahr in Schönheitsoperationen. Fettabsaugen beginnt bei 1000 Euro, eine Brustvergrößerung kostet bis zu 7000 Euro. Da viele Operationen medizinisch nicht notwendig sind, zahlt die Krankenkasse nicht. Die Ärzte legen die Preise selbst fest.

          Doch nicht nur die Preise entscheiden im Wettbewerb der Ärzte, sondern auch die Bekanntheit. Fatemi hat sich für einen Weg der Professionalisierung entschieden, der bei seinen Berufskollegen mit größtem Argwohn observiert wird. Afschin Fatemi geht in Talkshows. Er hat sich entschlossen, bekannt zu werden. Dafür setzt er eine Menge ein: Seine Schlagfertigkeit, Teile seines Privatlebens und schließlich seinen Ruf.

          Fatemi wird gerne eingeladen, er sieht jünger aus, als er ist, und er hat zu so gut wie allem eine Meinung. Er sagt Sätze wie „In der Kosmetikbranche wird ständig verarscht“ oder „Einer von fünf Patienten stirbt bei Fettabsaugung unter Vollnarkose“. Er kritisiert offen seine Branche und ist dabei jovial und humorvoll. Bei TV Total war er schon und scherzte über seine eigene große Nase. Dem Moderator Frank Plasberg gab er den Tipp, sich das Doppelkinn wegmachen zu lassen. Eine Zeitlang wurde er wöchentlich bei Punkt-12 auf RTL als Experte zugeschaltet.

          Ein Shopping-Tagestripp nach Monaco

          Und in seinem Buch „Einmal J. LO’s Po, bitte. Aufzeichnungen eines Schönheitschirurgen“ erzählt er publikumswirksam von Fällen aus seiner Praxis und wie er heldenhaft Ansinnen von Patientinnen abwies.

          Die Zuschauer mögen ihn. Mediziner-Kollegen finden ihn einfach nur medienversessen. Vor zwei Jahren zeigte sich Fatemi in einem Sat 1-Beitrag mit seiner Frau und seiner Tochter. Die Moderatorin sagt: „Er hat so ziemlich alles, wovon viele ihr Leben lang träumen: eine Luxusvilla im Nobelvorort von Düsseldorf, eine millionenschwere Oldtimer-Sammlung, eine bildhübsche Frau mit Modelmaßen und eine sehr aufgeweckte Tochter.“ Die drei steigen in Monaco aus einem Privatjet, ein „Tagestrip“, und machen mit dem Fernsehteam eine Shoppingtour. In einem Schmuckladen legt sich Fatemis Frau ein Collier im Wert von 210.000 Euro um den Hals und er sagt: „Wenn meine Frau das möchte, dann soll sie das bekommen“. Einige Mediziner-Kollegen erzählen heute noch immer davon und machen sich lustig über Fatemi.

          Es melden sich auch Plastische und Ästhetische Chirurgen zu Wort, die noch viel weiter gehen. Sie unterstellen Fatemi, er dürfe gar nicht operieren. Zum Beispiel operiert Fatemi besonders gerne Tränensäcke. Dann zieht er mit zwei Fingern das Unterlid des Patienten ein bisschen nach unten und schneidet mit einem Laser einen Schlitz in die Innenseite des Lids. Mit einer Pinzette zieht er langsam einen gelben Klumpen aus dem Tränensack. Es ist Fett. Drei kleine Fettklümpchen, groß wie Fingerkuppen, trennt er mit dem Laser davon ab. Dann macht er den Tränensack wieder zu.

          „Schlimmer als Werner Mang“

          In einer Hinsicht haben seine Gegner recht: Afschin Fatemi ist kein Arzt für Plastische Chirurgie. Er ist einfach nur Hautarzt. Bei Hospitanzen in Brasilien, Amerika, Frankreich, Italien und Deutschland hat er Einblicke in die Plastische Chirurgie bekommen. Er hat sich auf Lidkorrekturen und Gesichtsstraffung spezialisiert. Er hat Erfahrung, aber keinen Facharzt-Titel. Noch folgt Fatemi damit der gängigen Praxis: Hautärzte, Frauenärzte, Kieferchirurgen, HNO-Ärzte, sie alle dürfen Schönheitsoperationen vornehmen. Gesundheitsexperten der Union fordern jetzt aber, dass sich nur noch ausgebildete Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie „Schönheitschirurg“ nennen dürfen.

          Gesetzlich ist es also noch erlaubt, aber die Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie (GÄCD) hat Fatemi vor sieben Jahren schon aus diesem Grund aus ihrer Gesellschaft geworfen. „Afschin Fatemi hat fachfremd gearbeitet und sich damit gegen die Regeln der Gesellschaft gestellt“, sagt Matthias Gensior, Präsident der GÄCD. Er habe Fatemi mehrfach schriftlich und mit Justitiar aufgefordert, diese Operationen nicht mehr auszuführen. „Er hat sich vehement dagegen gewehrt, daher haben wir ihn ausgeschlossen“, sagt Gensior.

          Einer, der „nicht in einem Zusammenhang mit Fatemi“ genannt werden will, sagt: „Ich zeige meinen Studenten Fatemis TV-Auftritte als abschreckendes Beispiel.“ Er sei schlimmer als der berühmte Schönheitschirurg Werner Mang, gegen den jüngst ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung eingeleitet wurde.

          Man sieht ihn jetzt eher im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

          Es gibt aber anerkannte Ärzte, die auf Fatemis Seite stehen. Michael Drosner etwa, Professor für Dermatologie an der TU München und Spezialist für Lasertherapie, sagt: „In der Schönheitschirurgie gibt es viele eitle Ärzte und Neider. Die suchen nach einem Grund, um andere schlecht zu machen“. Außerdem: „Man kann Fatemi nicht verurteilen, weil er operiert. Es sei denn, er macht es schlecht.“ Davon hat Drosner nie gehört.

          Reinhard Gansel, Leiter des Laser Medizin Zentrums Rhein-Ruhr in Essen, kennt Fatemi schon lange, mehrmals im Jahr trifft er ihn auf Kongressen. „Fatemi hat viel Erfahrung und ist dafür auch im Ausland bekannt“, sagt Gansel. Fatemi weiß, wer seine Kritiker sind. Er habe schon Drohanrufe bekommen mit dem Inhalt: „Ich sorge dafür, dass Sie nie mehr auf Kongresse eingeladen werden!“ „Ich werde Ihren Ruf ruinieren!“ Es ist ihm egal, sagt er. „Schon klar, dass die das machen. Die ertragen nicht, dass ich die Wahrheit über unser Fach sage.“

          Gelernt hat er dennoch daraus. Man sieht ihn jetzt eher im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Zuletzt war er bei „Roche und Böhmermann“, davor bei „Joko und Klaas“, beides neue Sendungen im Sparten-TV vom ZDF. Einen Beitrag, in dem er beim privaten Shopping gezeigt wird, würde er nicht mehr machen.

          Nebenbei arbeitet er an einem Gerät gegen Schweißhände

          Auch über Geld und Reichtum redet er nicht mehr viel. Wahrscheinlich besteht sein Leben aus weniger Glamour und mehr harter Arbeit. Er wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in keiner Villa, und der Skiurlaub in Kitzbühel ging nur ein paar Tage.

          Zu seinem Umsatz schweigt er. Nur so viel: In seinen Kliniken wurden im vergangenen Jahr rund 10.000 Patienten operiert, dazu kommen nichtchirurgische Eingriffe, zum Beispiel mit dem Laser. Facelifting kostet bei ihm bis zu 14.000 Euro, eine normale Fettabsaugung an Bauch und Taille bis 5000 Euro. Man kann sich ausmalen, dass er damit viel Geld verdient.

          Und er plant noch weiter. Momentan verhandelt er über Immobilien für eine neue Klinik in Berlin. „Ich habe eigentlich genug zu tun, aber mir macht es Spaß, eine neue Klinik hochzuziehen“, sagt er. Nebenbei arbeitet er an einem Gerät gegen Schweißhände. „Wenn das klappt! Das wäre gigantisch“, sagt Fatemi.

          Der Mensch

          Afschin Fatemi ist 1972 in Mainz geboren, seine Eltern kommen aus dem Iran. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern (9 und 1 Jahr alt) wohnt er in Düsseldorf. Fatemi hat in Lübeck und New York Medizin studiert und wurde 2007 im Fachgebiet Dermatologie promoviert. Von 1998 an hat er mehrere Monate bei plastischen Chirurgen in Amerika, Brasilien und Deutschland hospitiert und als Assistenzarzt an einer Klinik für ästhetische Operationen Erfahrungen gesammelt. Für Kongresse und Live-Workshops, bei denen er anderen Ärzten zeigt, wie er operiert, ist er überall auf der Welt unterwegs. Außerdem entwickelt er Operationstechniken und Geräte weiter.

          Die Klinik

          2002 hat Afschin Fatemi seine erste eigene Privatklinik namens s-thetic in Unna gegründet. Mittlerweile besitzt er Kliniken in Düsseldorf und Hamburg, in München und Düsseldort hat er außerdem Privatpraxen. Sein Ärzte–Team besteht aus neun Ärzten, jeder hat sein eigenes Spezialgebiet, etwa Brustvergrößerungen oder Nasenkorrekturen. Im Jahr machen sie etwa 10.000 Operationen. Zu seinem Umsatz will Fatemi nichts sagen. Im vergangenen Jahr war er mit seinen Mitarbeitern zwei Wochen in Uganda, um dort Menschen aus Krisengebieten zu behandeln. Derzeit verhandelt Fatemi über Immobilien in Berlin, wo er eine weitere Klinik eröffnen möchte.

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