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Schlachtungen in Indien : Nichts mehr heilig

  • -Aktualisiert am

Hier stehe ich und will nicht anders: Eine heilige Kuh behauptet sich in Bombay gegen den tosenden Straßenverkehr Bild: picture alliance / Dinodia Photo

Die Zeit der Kuh als Göttin scheint vorbei - Tausende illegale Schlachthöfe in Indien zeugen davon.

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          Prakash sieht sie erst im letzten Moment und tritt mit voller Wucht auf die Bremse. Die Reifen seines Taxis quietschen, der Wagen rutscht über den grauen Asphalt - und kommt wenige Zentimeter vor ihr zum Stehen. „Das war knapp“, sagt Prakash und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Glück gehabt. Sie und wir.“

          Die Kuh ist von dem Beinahe-Unfall nicht aus der Ruhe gebracht. Sie steht mitten auf der Straße und bewegt sich keinen halben Meter. Dem rasenden Verkehr in Delhi schenkt sie keine Beachtung. Erst als Prakash das Fernlicht einschaltet, schaut sie mit großen Augen auf das schwarze Taxi. Respektvoll sagt Prakash, der gläubige Hindu: „Sie ist heilig.“

          Schon in den Veden, den ältesten Hindu-Schriften, tritt die Kuh als Göttin in Erscheinung. Ihren Status verdankt sie einem Gott: Krishna wuchs in einer Hirtenfamilie auf und verbrachte viel Zeit mit den Tieren. Seitdem sehen Hindus in der Kuh die große Mutter, die sich um alle kümmert und allen gibt, was sie brauchen. Im Sanskrit wird die Kuh auch „aghnya“ genannt, die Unantastbare - und das ist sie für viele Hindus bis heute. Sie zu töten ist ein Verbrechen. In Delhi heißt es, Unfälle mit Menschen seien schlimm. Aber nach einem Unfall mit einer Kuh werde man sein ganzes Leben nicht mehr glücklich.

          Genuss oder Gotteslästerung?

          Etwa 40.000 Kühe leben in der indischen Hauptstadt. Sie laufen frei herum, auf den Straßen, den Gehwegen und in den Parks der Stadt, durchwühlen die Abfallhaufen auf der Suche nach Essbarem. Es scheint, als wären sie Freiwild. „Nein“, sagt Prakash, „sie haben alle einen Besitzer.“ Die gönnten den Tieren alle Freiheiten, weil jeder sie achte, so dass ihnen nichts geschehe. Er zeigt auf die Kuh vor seinem Taxi. „Wir Hindus glauben, dass ein Brahmane, der ohne Sünden gelebt hat, als Kuh wiedergeboren wird.“ In der Hindu-Mythologie wird die Kuh auch als „kamandhenu“ bezeichnet, als Wunschkuh: „Sie ist das Tier, das uns Menschen alle Wünsche erfüllt.“

          Heilig: Ein gläubiger Hindu verneigt sich in einem Tempel in der Stadt Puri vor einer Kuh
          Heilig: Ein gläubiger Hindu verneigt sich in einem Tempel in der Stadt Puri vor einer Kuh : Bild: dapd

          Auch Anuj Agrawal hat einen Wunsch: medium. So wünscht er sich sein Rindersteak, wenn er abends im Restaurant bestellt. Auch für Anuj ist die Kuh heilig - weil sie ihm das Fleisch gibt, das ihm so gut schmeckt. Anuj lächelt spitzbübisch und fügt an, viele seiner Landsleute würden sicher sehr wütend, wenn sie ihn jetzt hören könnten. Für Hindus wie den Taxifahrer Prakash kommen Anujs Ansichten einer Gotteslästerung gleich. Vegetarische Ernährung hat in Indien ohnehin den ethischen höheren Wert: Fleisch als Ergebnis des Tötens ist unrein. Vegetarier sind in allen Bevölkerungsschichten zu finden, vor allen aber von den Brahmanen, der höchsten Kaste, wird der Verzicht auf Fleisch erwartet. Ein Dogma ist der Vegetarismus aber nicht für Hindus. Besonders die Dalits, die niedrigste Kaste der indischen Gesellschaft, essen Rindfleisch. Für sie ist es eine wichtige Nahrungsquelle. In den vergangenen zwei Jahren ist der Fleischkonsum unter den Armen um 14Prozent gestiegen.

          Klare Rechtsgrundlage

          Anuj jedoch ist kein Dalit, sondern gehört der neuen Generation von Indern an. Sie sind jung, gebildet und leben in den Metropolen Delhi, Madras oder Bombay. Sie verdienen gutes Geld und wollen es auch ausgeben. Immer mehr essen auch gern Rindfleisch. Ein saftiges Steak ziehen sie einer religiösen Vorstellung vor, die aus ihrer Sicht überholt ist. Telefonnummern illegaler Lieferanten machen die Runde, Steaks werden nach Hause geliefert. Nicht selten mutet das wie Rauschgifthandel an: Mehrfach verpackte Kisten, umwickelt mit neutralem Klebeband, werden heimlich zugestellt. Anuj versteht die ganze Aufregung nicht. Nirgendwo in den religiösen Schriften stehe eindeutig geschrieben, dass man Kühe nicht essen dürfe.

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