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Schlachtungen in Indien : Nichts mehr heilig

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Eindeutig ist aber der Artikel 48 der indischen Verfassung: „Der Staat soll dafür sorgen, Landwirtschaft und Viehzucht entlang moderner wissenschaftlicher Leitlinien zu organisieren... und soll vor allem Schritte unternehmen, das Schlachten von Kühen und Kälbern und anderem Vieh zu verhindern.“ In den meisten indischen Bundesstaaten ist das Schlachten von Kühen verboten. Aber eben nicht in allen. Mancherorts ist das Töten unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt - je nach Alter oder Gesundheitszustand des Tieres. Im Bundesstaat Kerala wiederum gibt es überhaupt keine Beschränkungen. Wegen der unterschiedlichen Gesetzeslage werden immer wieder Kühe illegal in Bundesstaaten ohne Schlachtverbot gebracht.

„Es geht nur noch ums Geld, nicht mehr um Religion“

„Wir fangen oft Transporter ab, auf denen Kühe illegal verschleppt werden“, berichtet Chinny Krishna vom „Blauen Kreuz Indien“. Die 1964 gegründete Organisation zählt zu den größten Tierschutzorganisationen des Landes. Krishna ist einer der Gründer und war lange ihr Vorsitzender. „Meist liegen die Kühe zusammengepfercht auf einem Anhänger. Sie haben seit Tagen kein Wasser und keine Nahrung bekommen.“ Krishna und seine Helfer stoppen die Lastwagen und retten die Kühe. Dafür habe man mehrere Auffanglager geschaffen, in denen die heiligen Tiere versorgt werden. Seit er vor einem halben Jahrhundert im Tierschutz anfing, habe sich die Lage aber verschlechtert. „Unsere Gesellschaft hat ihre Werte verloren.“

Kühe sind in Indien allgegenwärtig

„Es geht nur noch ums Geld, nicht mehr um Religion“, sagt auch Clementien Pauws, die Präsidentin der „Karuna-Gesellschaft für Tiere und Natur“, die sich um bedrohte Tiere im Bundesstaat Andhra Pradesh kümmert. Vor allem nachts sind die Straßenkühe in großer Gefahr. „Die Diebe kommen meist nach Mitternacht und machen Jagd auf die Tiere“, sagt Ravindra Yadav von der Polizei in Delhi. Tausende Kühe wurden in den vergangenen Monaten weggefangen und auf Lastwagen abtransportiert. Die Polizei in der indischen Hauptstadt versucht, mit nächtlichen Patrouillen und Straßensperren, der Lage Herr zu werden. Man habe sogar schon Banden infiltriert, um die Gruppen auf frischer Tat ertappen zu können.

Rindfleischexporteur Nr. 1

Im vergangenen Jahr hat die Polizei in Delhi 150 Rinderfänger verhaftet, ein Rekord. Trotzdem werden immer mehr Kühe an illegale Schlachthöfe verkauft und dort geschlachtet. Das Fleisch wird verkauft, die Haut zu Leder verarbeitet. Etwa 30.000 illegale Schlachthäuser soll es in Indien geben, meist in der Nähe von Großstädten. Im südindischen Bundesstaat Karnataka etwa gibt es sechs offiziell zugelassene Schlachthöfe - und gut 3000 illegale.

Im vergangenen Jahr produzierte Indien 3,6 Millionen Tonnen Rindfleisch. Davon wurden zwei Millionen Tonnen im Land selbst verzehrt, 1,6 Millionen Tonnen wurden exportiert. Das ist ein Anstieg um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Indien ist damit zum größten Rindfleischexporteur der Welt aufgestiegen und hat Brasilien von der Spitze verdrängt. Meist wird die exportierte Ware als Büffelfleisch deklariert.

Der wachsende Fleischkonsum bedeutet aber nicht, dass all dies in der indischen Gesellschaft akzeptiert wird. Die meisten Hindus lehnen es nach wie vor strikt ab, dass Rindfleisch gegessen wird. Darüber kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzten. Die größte Oppositionspartei Indiens, die Bharatiya Janata Party, fordert, die Gesetze gegen das Schlachten von Kühen weiter zu verschärfen. Es gibt Hausbesitzer, die sich weigern, ihre Immobilien an Leute zu vermieten, die Rindfleisch essen. Doch der Appetit auf Rindfleisch wird größer - und mit ihm die illegale Jagd auf heilige Kühe.

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