https://www.faz.net/-gqe-8f6ak

Bürodesignerin für Start-ups : Am Kicker führt kein Weg vorbei

Nicht nur in westlichen Unternehmen: Angestellte des chinesischen Internet-Riesen Alibaba spielen in einer Pause Tischfußball. Bild: Reuters

Besprechungen im Baumhaus oder Saloon: So knapp das Geld sonst auch ist, wenn es um die Büroausstattung geht, leisten sich Start-ups so manche Extravaganz. 

          3 Min.

          Ihr Meisterstück ist sechs Meter lang und drei Meter hoch. Majestätisch thront der nachgebaute Flugzeugrumpf im Eingangsbereich des Reiseportals Wimdu in Berlin, soll den Mitarbeitern Lust aufs Arbeiten und den Gästen Lust auf Urlaub machen. Es hat eine Weile gedauert, bis Sabine Oster einen Handwerker fand, der ihre Skizze in die Tat umsetzen wollte. Am Ende baute ein Bühnenbildner die mit Blech überspannte Holzkonstruktion. Mehr als 20.000 Euro hat sie gekostet – verglichen mit einem Kunstwerk gar nicht mal so teuer, findet Oster.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die 31 Jahre alte Innenarchitektin hat sich auf ein ebenso kleines wie ungewöhnliches Geschäftsfeld konzentriert: Sie entwirft die Büros von Start-ups, mit allen damit verbundenen Sonderwünschen. Ob Wimdu oder Hello Fresh, Ladenzeile oder Lieferando, E-Darling oder Zattoo: Überall war Oster im Einsatz. In der Berliner Gründerszene ist ihr Name weithin bekannt. Und auch bei dem nun in Frankfurt geplanten Fintech-Zentrum „Theo 100“ ist Oster mit von der Partie.

          Lieber einzelne Highlights als Bällebad und Spaßrutsche

          Über mangelnde Abwechslung kann sich Oster nicht beklagen. Für Wimdu hat sie neben dem besagten Flugzeug auch ein Baumhaus als Besprechungsraum konstruiert. Für ein möglichst authentisches Flair wurden eigens einige Birken gefällt und getrocknet. Aus Gründen der Alltagstauglichkeit steht das Baumhaus allerdings nicht auf Stelzen. „Will man wirklich mit seinem Investor irgendwo hochklettern?“, fragte sich Oster. Und ahnte: wohl kaum.

          Macht innovatives Büro-Mobiliar möglich: Unternehmerin Sabine Oster Bilderstrecke

          Für den Online-Fernsehsender Zattoo wiederum entwarf sie einen Saloon samt Theke, Bar und Westernatmosphäre. Insgesamt aber beobachtet die Architektin: „Es wird einen Tick schlichter.“ Zwar kämen immer noch die meisten Gründer mit dem Wunsch, ihre Büros mögen wie die von Google, Apple und Co. aussehen. Doch wenn sie dann die Preise für Spaßrutschen und Bällebad hören, schrauben sie ihre Ansprüche schnell zurück. „Es geht mehr darum, einzelne Highlights zu setzen, einen tollen Empfang zum Beispiel oder eine hochwertige Küche“, erzählt Oster.

          Start-up-Handwerker müssen um Gründer herumbauen

          Zu ihrem eigenen Start-up ist sie einst eher zufällig gekommen. Nach ihrem Abschluss als Innenarchitektin an der Fachhochschule Wiesbaden vor sechs Jahren richtete sie zunächst für Carnival Cruise Lines in Hamburg Kreuzfahrtschiffe ein. Später zog Oster aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete als Bauleiterin (unter anderem für den Flagshipstore der japanischen Modekette Uniqlo), bis sie eines Tages eine Anfrage aus dem Bekanntenkreis erreichte – die der Wimdu-Gründer.

          Seitdem läuft das Geschäft. Vier Mitarbeiter arbeiten Oster inzwischen zu, vier bis fünf Projekte laufen in der Regel gleichzeitig. Wenn es an die Umsetzung der Pläne geht, kommt ein Netzwerk aus dreißig Start-up-erprobten Handwerkern hinzu. Anders als ein ausgewachsener Konzern können Start-ups ihre Mitarbeiter während der Umbauarbeiten nicht mal eben kostspielig ausquartieren, die Handwerker müssen vielmehr um die Gründer herum bauen – und auch selbst so manches Wochenende durcharbeiten.

          Großraumbüro ist immer noch der Maßstab

          Manche Dinge haben sich seit der Boomzeit des Neuen Marktes nicht verändert, so zum Beispiel der Wunsch nach einem Kicker: „Es hat wirklich jedes Start-up einen“, berichtet Oster. In letzter Zeit hat sie allerdings auch einige Tischtennisplatten und Lufthockey-Tische in Bürolofts gestellt. Diese Angebote würden von den Mitarbeitern auch rege genutzt, anders als ausgefallenere Gerätschaften, die eine gewisse Hemmschwelle mit sich bringen. Wer will schon eine Kletterwand erklimmen, wenn drumherum die Kollegen ihr Mittagessen einnehmen?

          Ein Trend der jüngeren Vergangenheit sind Tribünen, gerne in der Nähe der Kantine oder Gemeinschaftsküche. Auf weichen Sitzkissen wird dann im gruppendynamischen Halbkreis wahlweise gegessen, geredet oder in den Laptop getippt. Und auch sonst wird alles getan, um bloß kein Einzelkämpfertum zu fördern. Das Großraumbüro hält sich hartnäckig, alles ist auf Teamarbeit ausgelegt. Oster muss dann zusehen, wie sie den damit zwangsläufig verbundenen Geräuschpegel auf ein erträgliches Maß reduziert, etwa mit der Hilfe von Deckensegeln. „Eine gute Akustik ist mehr Wert als zwei Vitra-Sofas“, sagt sie.

          Oft stehen gesetzliche Anforderungen im Weg

          Etwa eine halbe Million Euro kostet ein veritables Oster’sches Start-up-Büro, mit Ausreißern nach unten und oben. Die Kosten fürs Mobiliar sind da oft noch nicht mit drin. „Ein guter Schreibtisch kostet zwischen 800 und 1000 Euro“, rechnet Oster vor, für einen guten Schreibtischstuhl müsse man etwa 400 Euro einkalkulieren. Hier zu sparen, räche sich später, warnt sie. „Die Leute sollen schließlich zehn Stunden am Tag dort sitzen.“

          Kulturschocks bleiben in der Planung nicht aus, zum Beispiel, wenn die Innenarchitektin ihre Gründer hin und wieder daran erinnern muss, dass auch für sie manches Regelwerk der Old Economy gilt, so auch die Arbeitsstättenverordnung. Die sieht etwa penibel vor, wie lang und breit die Fluchtwege sein müssen. „Unter 1,20 Meter geht da nichts“, so Oster. Was so mancher Gründer (oder Investor) für eine allzu luftige Planung hält, ist schlicht das gesetzliche Minimum. Was einige nicht daran hindert, doch noch den ein oder anderen Schreibtisch mehr an den Rand zu quetschen, kaum dass Oster und ihr Team das Geschehen verlassen haben.

          Langweilig wird es mit den Start-ups jedenfalls nie, weshalb Oster auch keine Absichten hegt, ihre Nische in nächster Zeit zu verlassen. Eine kleine Erweiterung des Geschäftsfelds hat sich allerdings schon von selbst ergeben: Für einige ihrer Auftraggeber richtet Oster mittlerweile auch die Privatwohnungen ein. Einen originalgetreuen Flugzeugrumpf hat sie dort allerdings noch nicht eingebaut.

          Weitere Themen

          Forscher von amerikanischen Universitäten ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Wirtschaftsnobelpreis : Forscher von amerikanischen Universitäten ausgezeichnet

          Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht in diesem Jahr an drei Forscher von amerikanischen Universitäten „für ihren experimentellen Ansatz zur Linderung der globalen Armut“. Ausgezeichnet wurden Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer.

          Die Socken Mannheims

          Socken-Unternehmer : Die Socken Mannheims

          Früher waren Socken schwarz. Heute herrscht Anarchie an den Füßen. Für zwei Gründer aus Mannheim wurde das zum Geschäftsmodell – mit einigen berühmten Kunden.

          Topmeldungen

          DFB und Likes von Gündogan/Can : Nicht viel gelernt

          Die Nationalspieler Gündogan und Can können mit der Rücknahme ihrer Likes für den türkischen Soldatengruß eines Fußballkumpels die politische Diskussion nicht stoppen. Der DFB versucht abermals Schadenbegrenzung durch Schweigen und Beschwichtigen.

          Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

          Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.
          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.