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Männer nehmen Elternzeit : Väter in Vollzeit

Spielplatz statt Büroturm: Wenige Väter nehmen sich eine längere Auszeit für ihre Kinder Bild: Frank Röth

Ein Viertel der Väter nimmt heute eine Elternzeit. Wer allerdings ein Jahr von der Arbeit wegbleibt, gilt als Exot - und wird mit Fragen konfrontiert, die sonst nur Frauen kennen.

          8 Min.

          So langsam wird er etwas nervös. Die kleine Tochter ist hungrig, die größere muss auf Toilette. Die Kleine kann aber nicht allein bleiben. Überall schwirren Leute herum, auf der Freilichtbühne im Frankfurter Günthersburgpark spielt eine Musikband. Es ist ein sommerlicher Abend im Juli. Karsten Grimm verbringt das erste Mal mehrere Tage und die Nächte allein mit den Kindern. Seit gut einem halben Jahr ist er zwar Elternzeitvater - während die Mutter seiner zwei Töchter arbeitet. Aber bislang kam sie immerhin abends zur Unterstützung. Jetzt ist sie verreist. „Endlich weiß ich, wie sich Alleinerziehende fühlen“, scherzt der 43 Jahre alte Vater.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Und auch sonst lernt Grimm gerade viel in den fast zwölf Monaten, die er zu Hause bleibt - allerdings ganz andere Dinge als zuvor. Saß er früher oft bis in den Abend hinein in einem der Bürotürme der Innenstadt, trug Anzug und beschäftigte sich für seinen internationalen Finanzkonzern mit Vermögensverwaltung, verbringt er nun seine Nachmittage auf den Spielplätzen des Frankfurter Nordends, trägt Shorts, T-Shirt, eine dunkle Kappe und Dreitagebart. Rutschen und Obstessen gehören zum Pflichtprogramm. Vorlesen, Legospielen und Kinderturnen - dazu einmal in der Woche der Singkurs mit der Größeren, die drei Jahre alt ist. „Ich bin prägend dabei in einer Zeit, in der sie laufen und sprechen lernen. Es ist eine der spannendsten Phasen ihrer Entwicklung“, sagt er.

          Noch immer wirken die alten Mechanismen

          Die Zahl der Väter, die eine Auszeit für ihr Kind nehmen, wächst. Der Anteil derer, die Elterngeld in Anspruch nehmen, ist in den vier Jahren nach 2007 kontinuierlich von 18 auf zuletzt 25 Prozent gestiegen. In Bayern und Berlin liegt der Anteil sogar bei einem Drittel, während es in Bremen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt weniger als ein Fünftel der Väter sind - im Saarland nur 15 Prozent. Zweieinhalb Monate bekommen diese Väter durchschnittlich das Elterngeld. Wenn sie sich allein um das Kind kümmern, also ohne dass die Mutter parallel den Transfer bezieht, nehmen sie es 3,4 Monate in Anspruch. Knapp 5 Prozent der Väter beziehen es länger als die zwei Monate, die obligatorisch sind, wenn das Paar die Bezugsdauer von 14 Monaten erreichen will.

          Väter wie Karsten Grimm dagegen, die ein Jahr oder länger zu Hause bleiben, weist die Statistik gar nicht aus. Ihr Anteil dürfte verschwindend gering sein. Noch immer wirken die alten Mechanismen: Der Mann ist der Ernährer, die Frau kümmert sich um die Kinder. Eine Auszeit für Väter gilt vielen als etwas Besonderes, das belegt ein Blick auf den Büchermarkt. Titel wie „Die männliche Mama“, „Wir Wickelprofis - So wird Elternzeit für Väter zum Kinderspiel“ oder „Morgens um sieben ist die Welt schon ein Chaos: Der ganz normale Wahnsinn eines Vaters in Elternzeit und wie man ihn überlebt“ deuten darauf hin, dass es exotisch genug ist, um ein Thema für die Verlage zu sein, und gleichzeitig von wachsendem Interesse, weil mehr Väter heute über ihre Rolle in der Kindererziehung nachdenken.

          Am stärksten dürfte das Bild der Elternzeitväter der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel geprägt haben, der von diesem Juli an drei Monate vorwiegend für seine im April geborene Tochter Marie da sein wollte. Eine echte Elternzeit würde es nicht werden, das war vorher klar - schon allein deshalb, weil sie Abgeordneten als einer der wenigen Berufsgruppen gar nicht zusteht. Öffentlich aber war die Auszeit schon vor ihrem Beginn. Zehn Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen um die frühere Bundespräsidentschaftskandidatin Gesine Schwan hatten Gabriel aufgefordert, sich längere Zeit um seine Tochter zu kümmern.

          Gleichberechtigte Partner

          Drei Wochen nach Beginn der Auszeit gab er im Interview mit dem „Tagesspiegel“ Auskunft über seine Befindlichkeit: „Heute finde ich es einfach klasse, morgens aufzuwachen und mal keinen Termin vor mir zu haben, nicht unter Druck zu stehen und den Tag im ziemlich ruhigen Takt meiner Tochter zu erleben.“ Zudem berichtete er von seinen Wickelerlebnissen auf der Damentoilette. Die öffentliche Wahrnehmung war anders: Mit zahllosen Fernseh- und Zeitungsinterviews, einem Thesenpapier zur Bankenregulierung und verschiedenen öffentlichen Auftritten sorgte er für eine Diskussion, wie intensiv die Auszeit tatsächlich dem Kind gewidmet war. Nur Altkanzler Helmut Schmidt rümpfte die Nase darüber, dass Gabriel überhaupt seine Auszeit nahm.

          Karsten Grimm hat in Kauf genommen, dass seine berufliche Auszeit Abstriche für die Karriere bedeuten könnte. Fast zwei Jahrzehnte hatte er sich in seinem Unternehmen voll eingebracht und eine Stufe nach der anderen erklommen. „Die Selbstverwirklichung war wichtig: Ich arbeitete im internationalen Kontext, konnte viel reisen und hatte flexible Arbeitszeiten“, sagt er. Als er fast 40 ist, wird seine Freundin schwanger. Sie ist als Managerin eines internationalen Finanzkonzerns ebenfalls beruflich stark engagiert. Beide einigen sich darauf, wenn sie in diesem Alter noch Kinder bekommen, dann wollen sie jetzt richtig Eltern sein. Zudem verstehen sie sich als gleichberechtigte Partner. „Es durfte also nicht einer von uns über Gebühr belastet werden“, sagt er.

          Die einjährige Auszeit wird aus den Ersparnissen finanziert

          Mit der Geburt seiner ersten Tochter geht Grimm deshalb in Elternteilzeit, die jeder Arbeitnehmer je Kind bis zu drei Jahre lang nehmen kann. Seine Arbeitszeit reduziert sich auf 30 Stunden. Noch nie vor ihm hat ein Manager seiner Hierarchiestufe in der Firma dieses Modell in Anspruch genommen. Nur zwei Jahre nach der ersten wird seine zweite Tochter geboren. „Weil meine Freundin beim ersten Mal schon neun Monate ausgesetzt hatte und wir unsere beruflichen Ansprüche gleichberechtigt verwirklichen wollten, wollte ich mich jetzt mehr einbringen.“

          Gegenüber einigen Kollegen fühlt er sich wie ein Außerirdischer, andere nennen seinen Schritt bemerkenswert. Das Elterngeld, das viele als Initialzündung der Entwicklung sehen, hat ihn dazu nicht motiviert. „Für mich ist das eigentlich schon zu viel Einmischung ins private Leben. Dass wir es genommen haben, war ein reiner Mitnahmeeffekt.“ Seine einjährige Auszeit finanziert er aus den Ersparnissen der vergangenen Jahre.

          Rasim J. setzt zwei Jahre für seinen Sohn aus. Bilderstrecke
          Reportage: Männer nehmen Elter : Reportage: Männer nehmen Elternzeit

          Im direkten Vergleich seiner zwei Töchter merkt Grimm, dass die Bindung zur zweiten schnell enger wird. „Damals saß ich zu dieser Zeit trotz der Teilzeit im Büro, jetzt kann ich eine viel engere Beziehung aufbauen“, sagt er. Privates und Arbeit gewichten sich neu. Etwas Sorge bleibt aber, dass es in seinem beruflichen Umfeld befremdlich wirkt, sich für eine längere Zeit herauszuziehen. „Es müsste doch akzeptiert sein, dass man erst beruflich Gas gibt und es dann vier bis fünf Jahre seitwärts geht“, findet er.

          Aber wird sich diese Hoffnung erfüllen? „Männer, die als Vollzeitväter aktiv werden, haben die gleichen Schwierigkeiten wie sonst Frauen“, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf und Familie gGmbH. Die Tochtergesellschaft der Hertie Stiftung hat mehr als 1000 Arbeitgeber auditiert, die von sich aus die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Betrieb verbessern wollten. Darunter sind Konzerne, Behörden wie die Bundesregierung, aber auch mittelständische Unternehmen. „Karrierewege sind so linear, dass familienbedingte Pausen bedeuten: Du bist raus“, hat Becker in seinen Gesprächen mit Arbeitgebern gelernt.

          Neugier unter Kollegen und Kunden

          Für Männer mit Auszeitwunsch komme aber hinzu, dass sie auf andere Erwartungen ihrer Arbeitgeber stoßen als Frauen. Je mehr diese erwarteten, desto tiefer fielen die Mitarbeiter, wenn sie ein solches Modell für sich anstreben. Zumindest unterschwellig wirke das Ernährermodell fort. Zudem heiße es in vielen Unternehmen: Wenn man dem Arbeitgeber signalisiert, dass man nicht zu 100 Prozent für ihn da ist, fällt man aus Entwicklungsprogrammen heraus. Zudem müssten Kollegen oft die Abwesenheit des Mitarbeiters kompensieren. Deshalb arbeiteten die meisten Väter nach der Geburt des ersten Kindes sogar mehr als zuvor. „Diejenigen, die es trotzdem wollen, sind echte Exoten“, sagt Becker. Vor allem in traditionellen Berufen täten sich Arbeitgeber schwer mit solchen Vätern.

          Mit diesem Gedanken hat sich auch Rasim J. lange herumgeschlagen. Der 40 Jahre alte dreifache Familienvater mit bosnischen Wurzeln sieht sich selbst als Vollblut-Handwerker. Als Gas-Wasser-Installateur arbeitet er in einem Vier-Mann-Betrieb. Kurz bevor er zum dritten Mal Vater wird, übernimmt einer seiner Kollegen den Betrieb, dem er freundschaftlich verbunden ist. „Als ich ihm sagte, dass ich mir zwei Jahre fürs Kind nehme, wurde er ganz blass und sagte gar nichts mehr. Für ihn war das ein Schicksalsschlag“, erinnert er sich. Das habe weniger mit dem männlichen Rollenbild eines Handwerkers zu tun als mit den Hoffnungen, die sein Vorgesetzter in ihn gesetzt habe. Doch bald findet sich eine Lösung: Der Betrieb sucht einen Ersatz, Rasim verspricht, hinterher zurückzukommen.

          Unter Kollegen und Kunden weckt er mit seinem Plan Neugier. Als er die Elternzeit schließlich drei Monate nach der Geburt seines Sohnes antritt, merkt er, welche Herausforderung dahintersteckt. „Wenn meine Frau nach Hause kam und der Haushalt nicht gemacht war, fragte sie, was ich den ganzen Tag gemacht hätte“, erzählt er. Und die Auszeit hält viele Überraschungen für ihn bereit. Eines Tages kommt seine Frau auf ihn zu und berichtet vom Prager Eltern-Kind-Programm (Pekip), bei dem sich Kinder miteinander bewegen. „Ich wusste erst gar nicht, dass das auf mich bezogen ist“, sagt er grinsend. „Ich hatte ja noch geglaubt, die Eltern lägen da nackt auf dem Boden, dabei wären es nur die Kinder.“ Da seine Frau den Kurs kurzerhand schon bezahlt hat, lässt er sich auf das Abenteuer ein und fühlt sich bald wohl als Exot in einer Reihe stillender Mütter.

          „Der Sargnagel auf unserer Beziehung“

          Finanziell ist die Elternzeit für Rasim und seine Familie eine Herausforderung. Seine Frau arbeitet in einer Dreiviertelstelle als Lehrerin. Ein Jahr lang hat er Elterngeld erhalten. „Das war sehr hilfreich“, sagt er. Weil seinem Vater ein Mietshaus gehört, sparen sie die Miete. Zeitlich ist er voll beansprucht. In einer Abendschule arbeitet er zwei Jahre lang an seiner Weiterbildung zum Meister. „Dadurch kann ich meinem Arbeitgeber nach meiner Rückkehr mit mehr Können und Wissen einen Teil zurückgeben“, sagt er.

          Doch längst nicht bei allen ist das Verhältnis zum Arbeitgeber so entspannt wie bei ihm. „Mein Chef erachtet mich plötzlich als faul und wollte nicht akzeptieren, dass ich Privates vor Berufliches stelle“, sagt ein Elternzeitvater, der in der Finanzindustrie arbeitet und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Obwohl er bereit gewesen sei, viel zu leisten, und auch nach der Geburt seines Kindes nicht selten sogar bis nach Mitternacht gearbeitet habe, habe ihm sein Chef erstmalig eine negative Beurteilung ausgestellt und dafür gesorgt, dass sein Bonus erheblich gesenkt wurde. Schon dass er zwei Wochen lang nach der Geburt zu Hause bei seiner Frau geblieben sei, hätte den Vorgesetzten irritiert. „Als ich ihm von meinem Elternzeitplan berichtete, war das der Sargnagel auf unserer Beziehung“, sagt er.

          Insgesamt aber stellt Stefan Becker von „Beruf und Familie“ eine Bewusstseinsänderung fest. „Viele Unternehmen kommen zu uns, weil sie Führungskräfte nicht mehr bekommen oder die Fluktuation zunimmt“, sagt er. Arbeitgeber verstünden, dass das Familienbild sich wandle und deshalb andere Angebote an die Mitarbeiter notwendig würden. „Wer zu unserem Audit kommt, hat verstanden, dass er konzeptionell an das Thema herangehen muss.“ Seine gemeinnützige Beratungsfirma helfe dabei, Arbeitsprozesse umzusetzen, die erforderliche Ergebnisse auch mit einer kleineren Belegschaft erreichen.

          „Eine einzigartige Erfahrung“

          Der Arbeitgeber von Oliver Baar hatte dagegen ein Effizienzprogramm ganz anderer Art aufgelegt. Das Telekommunikationsunternehmen, bei dem er beschäftigt ist, wurde von einem anderen übernommen. Den Restrukturierungen fielen viele Mitarbeiter zum Opfer. „Meine Elternzeit nahm mein Arbeitgeber deshalb positiv: einer weniger auf der Payroll. Was mit mir passieren würde, wurde einfach um ein Jahr vertagt“, sagt er. Statt den Einbau von Kommunikationssystemen in Unternehmen zu organisieren, radelt er ein Jahr lang mit seinem Sohn vom Schwimmen zum Klettergerüst, vom Kinderturnen zum Wasserspielplatz, wird sogar Windeltester bei Procter & Gamble. „Wir waren jeden Tag draußen“, erzählt er. „Mein Sohn brauchte immer Entertainment.“

          Baar lernt viele Mütter in seiner einjährigen Elternzeit kennen. Explizit hat er nie Vorbehalte gehört. Einigen von ihnen meint er anzusehen, dass sie ihn für ein Weichei halten. Er aber bereut seine Entscheidung keinesfalls: „Wenn mein Sohn hinfällt, läuft er nicht automatisch zur Mutter, sondern zu dem, dem er als Erstes begegnet.“ Dass sich die beruflichen Optionen verengen, stört ihn dagegen wenig. „Wenn du ein Karrieremensch bist, bist du unten durch. Für mich ist aber der Fokus klar die Familie und nicht der Job.“ Nach seiner Rückkehr in den Job arbeitet er mit reduzierter Stundenzahl.

          Inzwischen ist es Herbst geworden. Wenn Karsten Grimm mit seinen Töchtern zum Spielplatz geht, laufen sie durchs Herbstlaub. Seine Rückkehr zu seinem Arbeitgeber steht an. Die Elternzeit hat seine Überzeugung verstärkt, dass Väter sich stärker einbringen sollten. „Das Denkmuster ,Der Vater arbeitet, die Mutter kümmert sich um die Familie’ ist überholt. Oft sind es Akademikerinnen, die lang ausgebildet wurden und dann nicht der Wirtschaft nutzen“, bemängelt er.

          Auch für die Männer böte die neue Rollenverteilung Chancen. „Kaum jemand sagt am Ende des Lebens: ,Ich habe zu wenig Zeit im Job verbracht.’ Viele aber sagen, sie hätten gern mehr Zeit mit Freunden oder Familie verbracht. Ich kann am Ende sagen: Die drei Jahre näher an den Kindern waren eine einzigartige Erfahrung.“

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