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Männer nehmen Elternzeit : Väter in Vollzeit

Gleichberechtigte Partner

Drei Wochen nach Beginn der Auszeit gab er im Interview mit dem „Tagesspiegel“ Auskunft über seine Befindlichkeit: „Heute finde ich es einfach klasse, morgens aufzuwachen und mal keinen Termin vor mir zu haben, nicht unter Druck zu stehen und den Tag im ziemlich ruhigen Takt meiner Tochter zu erleben.“ Zudem berichtete er von seinen Wickelerlebnissen auf der Damentoilette. Die öffentliche Wahrnehmung war anders: Mit zahllosen Fernseh- und Zeitungsinterviews, einem Thesenpapier zur Bankenregulierung und verschiedenen öffentlichen Auftritten sorgte er für eine Diskussion, wie intensiv die Auszeit tatsächlich dem Kind gewidmet war. Nur Altkanzler Helmut Schmidt rümpfte die Nase darüber, dass Gabriel überhaupt seine Auszeit nahm.

Karsten Grimm hat in Kauf genommen, dass seine berufliche Auszeit Abstriche für die Karriere bedeuten könnte. Fast zwei Jahrzehnte hatte er sich in seinem Unternehmen voll eingebracht und eine Stufe nach der anderen erklommen. „Die Selbstverwirklichung war wichtig: Ich arbeitete im internationalen Kontext, konnte viel reisen und hatte flexible Arbeitszeiten“, sagt er. Als er fast 40 ist, wird seine Freundin schwanger. Sie ist als Managerin eines internationalen Finanzkonzerns ebenfalls beruflich stark engagiert. Beide einigen sich darauf, wenn sie in diesem Alter noch Kinder bekommen, dann wollen sie jetzt richtig Eltern sein. Zudem verstehen sie sich als gleichberechtigte Partner. „Es durfte also nicht einer von uns über Gebühr belastet werden“, sagt er.

Die einjährige Auszeit wird aus den Ersparnissen finanziert

Mit der Geburt seiner ersten Tochter geht Grimm deshalb in Elternteilzeit, die jeder Arbeitnehmer je Kind bis zu drei Jahre lang nehmen kann. Seine Arbeitszeit reduziert sich auf 30 Stunden. Noch nie vor ihm hat ein Manager seiner Hierarchiestufe in der Firma dieses Modell in Anspruch genommen. Nur zwei Jahre nach der ersten wird seine zweite Tochter geboren. „Weil meine Freundin beim ersten Mal schon neun Monate ausgesetzt hatte und wir unsere beruflichen Ansprüche gleichberechtigt verwirklichen wollten, wollte ich mich jetzt mehr einbringen.“

Gegenüber einigen Kollegen fühlt er sich wie ein Außerirdischer, andere nennen seinen Schritt bemerkenswert. Das Elterngeld, das viele als Initialzündung der Entwicklung sehen, hat ihn dazu nicht motiviert. „Für mich ist das eigentlich schon zu viel Einmischung ins private Leben. Dass wir es genommen haben, war ein reiner Mitnahmeeffekt.“ Seine einjährige Auszeit finanziert er aus den Ersparnissen der vergangenen Jahre.

Rasim J. setzt zwei Jahre für seinen Sohn aus. Bilderstrecke
Reportage: Männer nehmen Elter : Reportage: Männer nehmen Elternzeit

Im direkten Vergleich seiner zwei Töchter merkt Grimm, dass die Bindung zur zweiten schnell enger wird. „Damals saß ich zu dieser Zeit trotz der Teilzeit im Büro, jetzt kann ich eine viel engere Beziehung aufbauen“, sagt er. Privates und Arbeit gewichten sich neu. Etwas Sorge bleibt aber, dass es in seinem beruflichen Umfeld befremdlich wirkt, sich für eine längere Zeit herauszuziehen. „Es müsste doch akzeptiert sein, dass man erst beruflich Gas gibt und es dann vier bis fünf Jahre seitwärts geht“, findet er.

Aber wird sich diese Hoffnung erfüllen? „Männer, die als Vollzeitväter aktiv werden, haben die gleichen Schwierigkeiten wie sonst Frauen“, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf und Familie gGmbH. Die Tochtergesellschaft der Hertie Stiftung hat mehr als 1000 Arbeitgeber auditiert, die von sich aus die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Betrieb verbessern wollten. Darunter sind Konzerne, Behörden wie die Bundesregierung, aber auch mittelständische Unternehmen. „Karrierewege sind so linear, dass familienbedingte Pausen bedeuten: Du bist raus“, hat Becker in seinen Gesprächen mit Arbeitgebern gelernt.

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