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Reichenlisten : Wer ist Millionär?

Susanne Klatten ist Quandt-Erbin und BMW-Großaktionärin Bild: Cornelia Sick

Hitlisten über Vermögen und Einkommen der Superreichen waren in Deutschland schon immer sehr beliebt. Nur nicht bei den Millionären und Milliardären, die auf den Schutz ihres Privatlebens pochen.

          3 Min.

          Vor hundert Jahren, am 10. März 1911, werden in einer Nacht-und-Nebelaktion in Berlin die Räume des ehemaligen Regierungsrats im Reichsamt des Inneren, Rudolf Martin, durchsucht. Die Fahnder beschlagnahmen Materialsammlungen, Fahnen und Korrekturbögen eines brisanten Buches, dessen Erscheinen kurz bevorsteht: ausführliche Listen aller 8300 Millionäre Preußens (mit genauer Wohnadresse), aufgeschlüsselt nach der Höhe des Gesamtvermögens und der jährlichen Einkünfte. Was die Strafverfolger besonders aufgebracht hatte, war Martins Ankündigung, die Vermögen der oberen Zehntausend nicht nur untereinander zu vergleichen, sondern Auf- und Absteiger präzise seit Beginn der amtlichen Aufzeichnungen zu Beginn der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwei Monate später, im Mai 1911, wird das Verfahren eingestellt und Martins Werk kann als „Jahrbuch des Vermögens und der Einkommen der Millionäre in Preußen“ mit einiger Verzögerung im Jahr darauf im Verlag W. Herlet erscheinen. Es ist bis heute die beste Quelle zur Vermögensverteilung unter den wilhelminischen Multimillionären. Sie dokumentiert, wie rasch Deutschlands Industriemagnaten um die Jahrhundertwende unglaublich reich wurden. Die Oberschicht, ob Patrizier oder Parvenü, mag es immer noch aristokratisch. Die mit 187 Millionen Mark Vermögen und einem Einkommen von 17 Millionen damals reichste Person Preußens, Bertha Krupp, Tochter und Alleinerbin von Friedrich Alfred Krupp, verdankt ihren Adelstitel allerdings erst der Hochzeit mit Gustav von Bohlen und Halbach.

          Martins Jahrbuch der Reichen von damals entspricht heute das seit dem Jahr 2000 regelmäßig erscheinende Spezial des Managermagazins über die „500 reichsten Deutschen“. Auf den vorderen Plätzen erscheinen regelmäßig die Aldi-Gründer Karl und Theodor Albrecht, die Quandt-Erbin Susanne Klatten (nebst Mutter Johanna und Bruder Stefan) und die Oetkers, die Haniels (die waren schon 1912 gut vertreten) und die Porsches.

          Bild: F.A.Z.

          Listen sind umstritten

          Jährliche Einkommen oder gar Wohnadressen der Superreichen heute zu nennen ist aus Gründen des Datenschutzes inzwischen undenkbar. Und während Martin seine Angaben auf Einkommensteuerangaben stützte, die die Zensiten selbst vornahmen (und die somit bei Steuerhinterziehern auch falsch sein mussten), bekennt das Managermagazin, seine Listen beruhten lediglich auf Schätzungen, die sich, sofern es sich nicht um börsennotierte Unternehmensbeteiligungen handelt, auf Umsatz, Profitabilität und Marktstellung (was immer man darunter versteht) stützen.

          Kein Wunder, dass die Hitparaden der heutigen Milliardäre mindestens so umstritten sind wie Martins Jahrbuch vor hundert Jahren. Immer schon mokieren sich die Reichen (die sich in ihrer Eigenschaft als Stifter und Mäzene gerne zeigen) über den Voyeurismus einer Öffentlichkeit, den sie als Ausdruck von Neid und Missgunst interpretieren. Das Schicksal des Lebensmittelunternehmers Richard Oetker, der Ende der siebziger Jahre entführt, brutal misshandelt und gegen ein millionenschweres Lösegeld freigelassen wurde, zeigt zudem, dass für Milliardäre der Schutz der Intimität auch ein notwendiger Schutz von Leib und Leben ist. Auch die Kinder des Drogisten Anton Schlecker wurden von geldgierigen Entführern erniedrigt, ihr Vater wurde erpresst.

          In der vergangenen Woche hat nun der Tiefkühl-Unternehmer und Bofrost-Gründer Josef H. Boquoi sogar vor Gericht zu verhindern versucht, dass sein Name unter dem Rubrum der reichsten Deutschen genannt wird (er hatte es zuletzt mit geschätzten 950 000 000 Euro auf Platz 92 geschafft). Sein Argument ist so schlicht wie nachvollziehbar: Seine Vermögensverhältnisse seien seine Privatsache und gingen niemanden etwas an. Zudem, was die Sache nur noch schlimmer mache, seien die Angaben des Magazins auch noch falsch.

          „Privat war gestern“

          Boquois Anwalt Christian Schertz kämpft seit langem erbittert gegen Medien und Internet, denen er vorwirft, schonungslos Prominente zu jagen und ihr Privatleben zu zerstören. „Der Schutz der Persönlichkeit zählt auf einmal nichts mehr“, heißt es im Prospekt des Buches „Privat war gestern“, das Anwalt Schertz für diesen Herbst angekündigt hat.

          Das Gericht sah die Sache anders. Es gebe ein „berechtigtes öffentliches Interesse“ an Millionen- oder gar Milliardenvermögen, meinte der Vorsitzende Richter. „Der Tüchtige muss es hinnehmen“, ergänzte der Anwalt des Managermagazins. Dass die Angaben Schätzungen seien, werde nicht verschwiegen, sondern offen kommuniziert.

          Das hätte Regierungsrat Rudolf Martin vor hundert Jahren nicht schöner formulieren können. Ob es etwa ein Gesetz in Deutschland gebe, welches verbiete, sich mit den Vermögen oder Einkommen seiner Mitbürger zu befassen, fragt Martin polemisch in der Einleitung seines Jahrbuches. Schließlich hätten schon Aristoteles oder Plinius sich über den Reichtum der Reichen ausgelassen: „Es scheint, als wenn die reichen Leute heut empfindlicher wären wie in den alten Zeiten“, schreibt Martin und betont, es gehe ihm nur um Aufklärung und seriöse Wissenschaft (während die Presse die Vermögensverhältnisse meist maßlos übertreibe).

          Derart große Zugriffsrechte der Öffentlichkeit wie im späten deutschen Kaiserreich gibt es heute nur noch in Schweden. Dort können sich die Leute Angaben über Einkommen, Vermögen und Steuerschuld ihrer Mitbürger für ein paar Kronen im Internet kaufen, um anschließend zu entscheiden, ob sie in solch einer Nachbarschaft wohnen wollen. Dahinter steckt die Überzeugung, in einer Gesellschaft hätten die Bürger das Recht, alles übereinander zu wissen: Die Schweden nennen das Öffentlichkeitsprinzip. Vielen Deutschen kommt so etwas heutzutage nicht nur indiskret, sondern totalitär vor. Einiges spricht deshalb dafür, dass die Klage des Bofrost-Millionärs noch einige Gerichtsinstanzen beschäftigen wird.

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