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Reha-Management : Ziemlich beste Partner

Torsten Fuchs arbeitet im Sanitätshaus August am Oberteil einer Beinprothese Bild: Lüdecke, Matthias

Nach einem schlimmen Verkehrsunfall ist Torsten Fuchs schwer behindert. Mit starkem Willen kämpft er sich zurück ins Leben. Eine Versicherung des Unfallgegners hilft mit. Am Ende rechnet sich der hohe Einsatz für beide.

          Unaufhörlich dringt der Pressluftmeißel in den Bottich, es ist laut und staubig, Gipsbrocken fliegen durch die Luft. Ein klobiger Gipsrohling wird so lange bearbeitet, bis nach einiger Zeit ein Gießharzschaft übrig bleibt, der die Form eines menschlichen Oberschenkels hat. Der junge Mann, der hier so entschlossen zur Sache geht, ist Orthopädiemechaniker und werkelt gerade an einer Beinprothese.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ein Dutzend Gipsnegative von Beinamputierten liegen im Regal, daneben Schuheinlagen für Knick-Spreiz-Senkfüße und Lauforthesen aus Superleicht-Materialien. Der Orthopädiemechaniker selbst trägt einen Kompressionsstrumpf über seinem rechten Unterschenkel. Um ein Haar hätte er sein rechtes Bein verloren - oder womöglich gar sein Leben.

          Torsten Fuchs hat Glück im Unglück gehabt. Er nimmt die Schutzbrille ab, wischt sich den Schweiß von der Stirn und erzählt dann seine Geschichte, die ihn in die kleine Orthopädiewerkstatt des Sanitätshauses August im beschaulichen Dessau geführt hat und wie er nun die Arbeit an künstlichen Beinen und Armen zu seinem Beruf machen will. Es ist eine Geschichte der Zufälle, der unglücklichen wie der glücklichen Umstände, der Hilfe und der Selbsthilfe.

          Zwei Tage im künstlichen Koma

          Sie beginnt am Montag, den 10. Juli 2006, einem lauen Sommertag, auf einer Kreuzung in der ostdeutschen Provinz. Das Sommermärchen, das ganz Fußball-Deutschland in Atem hielt, ist gerade vorüber. Torsten Fuchs hat seinen Realschulabschluss gemacht und genießt jetzt die Ferien. „Ich wollte zu meinem Kumpel fahren, mich zum Baden verabreden.“ Der Sechzehnjährige ist mit seinem Moped unterwegs, zurück von einem Reiterladen. Dort hat er eine Weidezaunbatterie abgeholt, die seine Eltern für die Pferdekoppel ihres Bauernhofs in Klepzig benötigen.

          Vor der Kreuzung sieht Torsten den Opel Corsa. Der hat gut 120 Stundenkilometer drauf, missachtet die Vorfahrt. „Für einen kurzen Moment dachte ich noch, entweder bremsen oder beschleunigen.“ Aber für eine Entscheidung ist es schon zu spät. Torsten fliegt, das zeigen später die Ermittlungsprotokolle der Polizei, 32 Meter durch die Luft - wie ein Gipsstück in der Orthopädiewerkstatt.

          Der Unternehmer Enrico August bereut es nicht, das Unfallopfer Torsten Fuchs zum Reha-Techniker auszubilden

          Zwei Tage liegt er auf der Intensivstation der Klinik Bergmannstrost in Halle an der Saale im künstlichen Koma. Als er wieder zu sich kommt, ist die Diagnose niederschmetternd: zahlreiche innere Verletzungen, Schädel-Hirn-Trauma, mehrere angebrochene Rippen und gebrochene Ellbogen- und Oberschenkelknochen. Am schlimmsten ist jedoch die Trümmerfraktur im rechten Unterschenkel. Muskeln, Gewebe, Blutgefäße sind vollständig zerstört. Ob der Sechzehnjährige sein Bein behält, ob er je wieder laufen wird, ist fraglich. Im Krankenhaus verliert Torsten Fuchs zwanzig Kilo.

          Nach sieben Wochen und 15 Operationen ist an ein normales Leben nicht zu denken. Das dämmert dem Heranwachsenden, als ihn sein Vater aus dem Krankenhaus abholt und ihn im Rollstuhl in den heimischen Pferdestall schiebt. „Da stand Lorette in der Box, mein Lieblingspferd, und kam mit dem Kopf ganz lieb, ganz nah zu mir an den Rollstuhl.“ Der Gedanke, nie wieder reiten zu können, wird nun auf einmal zur Gewissheit, und die Erinnerung an diesen Moment treibt ihm heute noch Tränen in die Augen. Doch im Pferdestall fasst Torsten Fuchs auch einen Entschluss: „Ich will nicht mein ganzes Leben im Rollstuhl verbringen.“

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