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Recht auf Kinderbetreuung : Die armen Mütter

Nina Mogge mit ihren drei Pflegekindern in Kassel Bild: Pilar, Daniel

Der Staat sucht noch neue Tagesmütter. Ohne sie kann er nicht den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz erfüllen. Aber die Tagesmütter, die für die Zukunft der Gesellschaft sorgen sollen, können nicht einmal sich selbst ernähren.

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          Im Rathaus von Kassel, gegenüber dem prächtigen Sitzungssaal, werden dieser Tage goldene Zeiten versprochen. „Tagesmütter und Tagesväter gestalten Zukunft“ steht auf Werbeplakaten. Sie zeigen das hessische Wappen und einen kleinen Jungen, der offenbar nur darauf wartet, dass man sein Tagespfleger wird. Andere Plakate preisen die Vorzüge des Berufes: Tagesmütter (98 Prozent der Tagespflegepersonen sind Frauen) erhielten „die Chance, die Freude am Umgang mit Kindern zu einer beruflichen Tätigkeit zu machen“.

          Christoph Schäfer
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Tagespflege sei „eine individuelle, familienähnliche, flexible Betreuung“. Geht es nach den deutschen Familienpolitikern, soll es deshalb künftig noch viel mehr Tagesmütter geben. Dafür wirbt Hessens Sozialminister Stefan Grüttner mit Foto und Unterschrift auf einem Plakat in der Ausstellung. Auch das Bundesfamilienministerium druckt Broschüren und stellt Filme ins Internet. Was da nicht zu erfahren ist: Wer auf sie hört und den Beruf ergreift, wird oft ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau beziehen.

          So wie Iris Gaug. Die 39-Jährige hat ein Studium als Grafikdesignerin abgeschlossen, arbeitet aber seit zehn Jahren als Tagesmutter in Kassel. Sie brennt für ihren Beruf. „Es ist meine Berufung“, sagt sie über ihre Tätigkeit, die sie „die Welt der Kinder entdecken lässt“. Gaug betreut fünf Kinder, jeweils bis zu 25 Stunden in der Woche. Alle sind ein bis eineinhalb Jahre alt. Weil die Sonne scheint, spielt Gaug mit ihnen im Garten vor ihrer Wohnung. Allein die Vorstellung, fünf Kleinstkinder gleichzeitig zu betreuen, triebe vielen Schweißperlen auf die Stirn. Gaug findet es nicht mal stressig. „Ich schaff das total super“, sagt sie. Ihr Alltag: „total klasse“. Die Kinder: gut versorgt. Dass sie nur mit Biolebensmitteln kocht, hält die Tagesmutter für selbstverständlich. „Mir ist total wichtig, dass die Kleinen gute Sachen essen“, sagt sie.

          Sie selbst kann sich nicht nur von Biokost ernähren. Die Tagesmutter wird ernst, wenn es ums Finanzielle geht. „Ich kann von meiner Tätigkeit kaum leben“, sagt sie. Nach Abzug aller Unkosten, von Windeln bis zum Biobrei, blieben ihr nur etwa 750 Euro im Monat übrig. Das ist etwa ein Viertel des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens in Deutschland. Davon muss sie noch Miete bezahlen und sich und ihre Tochter durchbringen. Hilfe von Dritten hat sie nicht, ihr Mann ist früh verstorben. Besonders eng wird es, wenn eines der Kinder in eine Kita oder in die Grundschule wechselt. „Wenn ich nur noch auf vier Kinder aufpasse, habe ich Existenzängste“, sagt Gaug. Sie findet das zutiefst ungerecht: „Der Staat will doch, dass die Kinder gut versorgt sind.“

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