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Rabbinerin Elisa Klapheck : „Gott ist der erste große Gläubiger seiner Schöpfung"

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Das ist mir zu simpel. Liest man genau in der Tora und im Talmud, so ist es nur innerhalb der Sippe verboten, Zinsen zu nehmen. Meinem Bruder, der in Not geraten ist, soll ich ein zinsloses Darlehen geben. Und meinen Nächsten soll ich keine Zinsen zahlen, denn das sieht so aus, als wollte ich mich bei ihnen einschleimen. Kurzum: Mit der Familie soll man keine Geschäfte machen. Aber generell gibt es kein Verbot des Zinses. Mit Leuten, die mir weniger nahe sind, dürfen selbstverständlich spekulative Geschäfte gemacht werden.

Daraus wurde das Zerrbild des "Zinsjuden" und des "Wucherjuden", der die Christen über den Tisch zieht: ein Inbegriff des habgierigen Kapitalisten.

Das ist das perverse christliche Weltbild, wonach man das Geld verteufelt, es aber trotzdem braucht und diese Ambivalenz auf die Juden verschiebt. Mit den Juden schafft man sich eine Kaste der Bösen, zu der übrigens im Mittelalter auch die christlichen Kaufleute gehörten. Ihnen wurde wie auch den Prostituierten von der Kirche keine Beichte abgenommen. Dieses Weltbild kann nicht stimmen. Es ist zugleich auch ein unrealistisches Menschenbild. Man beschimpft die Finanzindustrie und ist trotzdem auf sie angewiesen. Die Juden, die von ihrer Religion her Realisten sein durften, boten sich als Banker an, weil sie klug genug waren zu sehen, dass Geld und Kredit wichtig sind.

Juden sind religiöse Realisten?

Im Talmud gibt es die schöne Geschichte, wie die Menschen eines Tages Gott baten, ihnen den "bösen Trieb" zu nehmen. Der böse Trieb bedeutet Konkurrenz, Neid, Sexualität und vieles mehr. Gott lässt sich darauf ein und nimmt den bösen Trieb weg, den er ja selbst in die Welt gesetzt hat. Und was passiert? Die Welt kommt auf der Stelle zum Stillstand; es tut sich nichts mehr. Noch nicht einmal Eier werden gelegt, weil der Hahn nicht mehr auf seine Henne scharf ist. Eine Welt ohne den bösen Trieb, das ist der Tod. Daraufhin beten die Leute, dass sie den bösen Trieb wiederbekommen. Aber nun erlassen sie Gesetze, die zum Beispiel die Sexualität auf die Ehe begrenzen und die dem Markt Regeln geben. Die bösen Triebe werden kanalisiert.

Die deutschen Ökonomen nennen das Ordnungspolitik. Woher wissen wir aber, was gut ist und was zu weit geht? Wie viel Zins ist gut, wo fängt der Wucher an?

Der Talmud sagt, ein Sechstel des Geschäftsvolumens sei als maximaler Gewinn erlaubt.

Fünfundzwanzig Prozent Gewinn auf das Eigenkapital, das Ziel der Deutschen Bank, das ist also unanständig und Wucher?

So ist es. Ein Sechstel ist für die Rabbinen eine faire Relation innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Wer mehr genommen hat, der muss das zurückzahlen, wenn er überführt wird. Wucher kann vor dem Rabbinatsgericht eingeklagt werden.

Faktisch wurden aber nach Berechnungen der Wirtschaftshistoriker von den Juden in der frühen Neuzeit 20 bis 90 Prozent Zins genommen.

Das waren Marktpreise, die das hohe Ausfallrisiko und die Knappheit des Kreditangebots spiegeln.

Der jüdische Spekulant ist eine ewige Quelle des Antisemitismus, der von Beginn an auch ein Antikapitalismus war.

In der jüdischen Religion ist es erlaubt, über Zins, Geld und das Geschäft zu reden. Für uns ist die Religion nicht von der säkularen Welt getrennt und abgespalten wie im Christentum. In der Tat: Juden haben zu allen Zeiten Geschäfte gemacht. Andere haben auch Geschäfte gemacht. Die Ressentiments gegen die Juden erklären sich daraus, dass die Juden offen und nicht verklemmt über das Geschäft reden. Je reiner und jungfräulicher einer zu leben meint, umso mehr wird er selbst zum Sünder. Alle, die das Wirtschaftsleben verteufeln, bekommen ein Problem damit, dass auch sie von der Wirtschaft leben.

Die Rabbinerin

Elisa Klapheck (geboren 1962) ist Rabbinerin der liberalen Gemeinde („Egalitärer Minjan") in Frankfurt. Vor ihrer Ordination im Jahr 2004 hat sie als Journalistin gearbeitet. Von 2005 bis 2009 lebte Klapheck als Rabbinerin in Amsterdam. Ihr Leben schildert sie in dem Buch „So bin ich Rabbinerin geworden" (Herder Verlag 2005). Vor kurzem hat sie in Frankfurt einen „Verein zur Förderung jüdischer Wirtschaftsethik" gegründet.

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