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Rabbinerin Elisa Klapheck : „Gott ist der erste große Gläubiger seiner Schöpfung"

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Es gibt ein Sprichwort, das heißt: Jeder Jude bürgt für den anderen Juden. Wenn dadurch die Europäische Gemeinschaft gestärkt wird, ist die Vergemeinschaftung der Schulden rabbinisch geboten. Wir profitieren ja auch von dieser Gemeinschaft. Also bürgen wir auch füreinander. Allerdings ist das nicht ein Freibrief für alle Griechen dieser Welt, sich danach munter zu verschulden und sich auf Dauer als hilfsbedürftiges Opfer zu stilisieren.

In den europäischen Verträgen steht das Gegenteil: Finanzhilfe, Bail Out, ist untersagt.

Genützt hat es nichts. Jetzt stellt sich ja gerade heraus, dass wir, wenn wir ehrlich sind, alle füreinander bürgen müssen - und das Bail-Out-Verbot ein Fehler war.

Die Synagoge in Frankfurt

In der aktuellen Krise werden plötzlich anthropologische Thesen populär, die von einer schlagartigen Entschuldung aller Menschen träumen.

Ich kenne das Buch "Schulden" von David Graeber natürlich auch, der auf eine schuldenfreie Welt setzt. So eine Idee finden wir auch in der Tora, wo es in jedem fünfzigsten Jahr einen vollkommenen Schuldenerlass gibt und in jedem siebten Jahr, dem Sabbatjahr, einen kleinen Schuldenerlass. Das ist zwar eine schöne Idee, hat aber in der Geschichte nicht funktioniert.

Warum?

Weil in den Jahren vor dem Schuldenschnitt die Schuldner ihre Verträge so gedeichselt haben, dass die Tilgung genau in jenem Jahr angefallen wäre, in dem der Schuldenerlass gewährt wurde. Das wiederum haben die Gläubiger durchschaut und den Kredit verweigert. Weil es keine Kredite gab, sind die Bauern pleitegegangen, sie konnten ihr Saatgut nicht mehr vorfinanzieren. Die gesamte Kreditversorgung, ja die ganze Wirtschaft kam zum Erliegen.

Eine Wirtschaft ohne Kredit kann nicht funktionieren.

So ist es. Aus einem gerechten Gedanken war eine ungerechte Gesellschaft entstanden, sagten die Rabbinen. Denn es entstand Stillstand.

Hat man das Sabbatjahr gestrichen?

Nein, aber Hillel, einer unserer bedeutendsten Schriftgelehrten im 1. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung, hat gesagt, dass die Finanzschulden auch über das Schabbatjahr hinaus gelten sollen und nicht erlassen werden können. Die Sklaven wurden zwar im siebten Jahr aus der Leibeigenschaft befreit, aber von ihrer finanziellen Schuld wurden die Leute nicht entbunden. Der große Schuldenerlass ist eine gefährliche Illusion.

Sie rechtfertigen den Kredit. Rechtfertigen Sie auch den Zins, den die jüdische, christliche und muslimische Tradition stets untersagt hat?

Geld kostet Geld. Der Zins ist der Preis für die Zeit, die ich kaufe, um mir heute Bedürfnisse zu erfüllen, die ich mir sonst versagen müsste. Insofern ist die Bereitschaft, Kredit zu nehmen und dafür Zinsen zu zahlen, ein optimistischer Akt. Der Schuldvertrag spiegelt den Glauben an eine bessere Zukunft. Der Gläubiger setzt auf seinen Schuldner, sonst würde er ihm den Kredit verweigern, und der Schuldner glaubt an sein Projekt, das ihm Gewinne ermöglicht, aus denen er den Kredit tilgen kann. Wenn wir über Zinsen reden, sprechen wir immer auch über Religion. Denn der jüdischen Religion verdankt die Welt ihren Zukunftsoptimismus.

Damit stellen Sie sich gegen Ihre jüdische Tradition, die den Zins mit dem Argument verbietet, Geld sei steril - und für das Leihen von Geld dürfe es keinen Preis geben.

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