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Protestwährung : Ganz schön surreal

Getreu dem Surrealismus: Salvador Dalí ziert die „Surreal“-Banknote Bild: picture alliance / dpa

Vor der Fußballweltmeisterschaft steigen die Preise in Brasiliens Städten. Die Menschen wehren sich – und drucken ihr eigenes Geld. Wenn die Rechnung das übliche Maß übersteigt, soll in Surreal gezahlt werden.

          2 Min.

          Die Copacabana in Rio de Janeiro ist ein himmlischer Ort: tiefblaues Meer, feinster Sand und über allem thront der Zuckerhut. Allerdings ist sie, wie das Strände nun mal so an sich haben, auch ein ziemlich heißer Ort: 35 Grad, 40 Grad, selbst 42 Grad sind keine Seltenheit. Mit anderen Worten – man bekommt dort sehr schnell Durst. Und da beginnt das Problem, zumindest nach Ansicht der Cariocas, der Einwohner Rios.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn bisher gingen sie dann stets zu einem der kleinen Kioske, die sich dort einer neben den anderen reihen, und kauften sich den Durstlöscher schlechthin – Kokoswasser, das sie mit einem Strohhalm direkt aus der aufgeschlagenen Kokosnuss schlürfen. Kostenpunkt: zwei Reais (umgerechnet rund 60 Cent), mehr nicht. Doch in diesen Wochen gerät die Stadt wegen der nahenden Fußball-Weltmeisterschaft außer Rand und Band – und mit ihr auch die Preise.

          Der Preis für Kokoswasser am Strand hat sich mittlerweile mehr als verdoppelt, ein Eis am Stiel ist auch keine Alternative (umgerechnet mehr als sechs Euro nehmen manche Verkäufer nun schon dafür), andere Kaltgetränke gehen ebenfalls so sehr ins Geld wie nie. Und das Gleiche spielt sich in Rios Restaurants ab: Für eine simple Portion Pommes frites werden gut und gerne umgerechnet zehn Euro berechnet, ein Hotdog kommt auf sieben Euro, und ein Hamburger kann im Extremfall schon einmal an die 30 Euro kosten – selbst für europäische Touristen wird es da richtig teuer.

          Nun könnte man nüchtern festhalten: Also lieber nichts am Strand kaufen, eine Kühltasche mit Sandwiches und ein paar Flaschen Wasser tut’s auch. Aber die Brasilianer haben ja dann doch einen Ruf zu verlieren, schließlich gelten sie als lebenslustigstes Volk der Welt, nicht als langweilige Pragmatiker. Ihre Antwort auf die hohen Preise ist darum kreativ und witzig zugleich: Sie haben mal eben eine neue Währung erfunden.

          Dazu brauchten sie keine Zentralbank, auch keine Politiker, nein, es geht viel einfacher: 15 Minuten habe das Ganze gedauert, sagt Patricia Kalil, die Frau, die die Währung entworfen hat. Nötig war dafür nur ein Computer, das Bildbearbeitungsprogramm „Photoshop“ – und eine Idee.

          Ein wunderbarer Kontrast zum brasilianischen Real

          Die kam ihr und dem Webdesigner Toinho Castro beim Betrachten einer Facebook-Seite, die in Rio de Janeiro zuletzt in atemberaubendem Tempo neue Unterstützer gewonnen hat: Dort prangern die Cariocas Restaurants und Hotels an, die aus ihrer Sicht zu hohe Preise verlangen, und laden die überteuerten Rechnungen auch hoch – alles unter dem gut einprägsamen Namen „Rio Surreal“. Rio, eine Stadt surrealer, also von der Wirklichkeit entkoppelter Preise, soll das bedeuten.

          Patricia Kalil und Toinho Castro war sofort klar: Da lässt sich noch viel mehr draus entwickeln, nämlich eine Protestwährung fürs ganze Land. Neue Geldscheine also, die ihre Landsleute jedem Gastwirt, jedem Kellner und selbst jedem Strandverkäufer dann mit Geringschätzung überreichen sollen, wenn die Rechnung das übliche Maß weit übersteigt. Beim Betrachten der Facebook-Seite waren sich die beiden Brasilianer dann auch sicher: Ihre Währung konnte nur den Namen „Surreal“ erhalten – ein wunderbarer Kontrast zur tatsächlichen Landeswährung, dem brasilianischen Real.

          Die Gestaltung des „Surreal“ habe damit ebenfalls auf der Hand gelegen, sagte Patricia Kalil der Tageszeitung „O Globo“: Mit Hilfe von „Photoshop“ war es ihr ein Leichtes, das traditionelle Symbol der Republik auf Brasiliens Geldscheinen durch ein Bildnis des Spaniers Salvador Dalí zu ersetzen, des wichtigsten Vertreters der Kunstrichtung des Surrealismus. Nur Minuten später konnte sich jeder Brasilianer die Protestwährung aus dem Netz herunterladen und anschließend ausdrucken.

          Längst begeistert die Idee Menschen aus allen Teilen des Landes, die Seite hat mittlerweile mehr als 200.000 Unterstützer, vielen Gastwirten und Hoteliers ist sie ein Graus. Wirklich gesunken sind die Preise trotzdem nicht, Brasiliens Zentralbank hat in der vergangenen Woche sogar ihre Inflationserwartungen angehoben. Mittlerweile, so hört man, tragen viele Brasilianer auf dem Weg zum Strand nun doch eine Kühltasche mit sich.

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