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Pierluigi Bersani : Vorsichtiger Traditionalist

Pierluigi Bersani Bild: dapd

Der Kandidat der Demokratischen Partei in Italien, Pierluigi Bersani, gilt als pragmatischer Traditionalist. Lange wurde er als Favorit gehandelt, doch den Palazzo Chigi dürfte er wohl nur mit Mühe erreichen.

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          Der Favorit für die italienischen Parlamentswahlen, Pierluigi Bersani, schien sich vor zwei oder drei Jahren noch gar nicht sicher, ob er jemals einen Wahlkampf um das höchste Regierungsamt aus einer solchen Position heraus führen würde. Damals galt er als pflichtbewusster Parteisoldat, der sich höchstens nach einem dienstlichen Abendessen im kleinen Kreis beim Blick in den übervollen Terminkalender den Seufzer erlaubte: „Wann hat man mal etwas von dieser Mühe?“

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Zum Jahresauftakt indes schien der Einzug in den Amtssitz des italienischen Ministerpräsidenten, den Palazzo Chigi, wochenlang zum Greifen nah. Doch in den letzten Tagen des Wahlkampfes muss Bersani nun fürchten, dass er womöglich eine relative Mehrheit der Stimmen, aber keine klare Parlamentsmehrheit erhalten wird. Dabei scheint es dem 61 Jahre alten Berufspolitiker nicht an persönlichen Eigenschaften zu fehlen, die ihn vertrauenswürdig und solide erscheinen lassen. Bersani zeigt sich nie abgehoben, immer freundlich und direkt im Kontakt mit allen. Wenn er mit Blick auf Silvio Berlusconi fragt, ob bei diesem wirklich jemand einen Gebrauchtwagen kaufen würde, unterstreicht Bersani seinen eigenen vertrauenerweckenden Auftritt.

          Handwerker-Sohn mit nüchternem Pragmatismus

          Auf Symbole der Macht legte er bisher wenig Wert. Der Dienstwagen, in dem Bersani sich chauffieren lässt, ist ein alter 3er-BMW, aus dessen Heck er immer etwas umständlich aussteigen muss. Bersani stammt aus einer Handwerkerfamilie, sein Vater war Tankstellenbetreiber und Automechaniker in einem Dorf zu Füßen des Apennins, nicht weit von Piacenza entfernt. Diese Gegend liegt noch im Einzugsbereich von Mailand, gehört aber schon zur Emilia-Romagna. In der Nachbarschaft findet sich die Ansammlung von Fliesenherstellern, welche der junge Professor Romano Prodi einst beschrieben hat und sich damit eine Gastprofessur in Harvard erwarb. Die Region ist seit Jahrzehnten als Hochburg der Kommunisten - allerdings der pragmatischen Art - bekannt.

          In der Partei galt angeblich die Regel, die Funktionäre aus der Emilia als Finanziers, aber nicht für die Formulierung von Programmen einzusetzen. Nüchternen Pragmatismus ohne besonders leuchtende Visionen verkörpert Bersani jedenfalls perfekt. Nach dem Philosophiestudium, kurzer Berufszeit als Lehrer und Erfahrungen als Regionalabgeordneter wurde er daher 1993 zum Präsidenten seiner Region gewählt. 1996 holte ihn Romano Prodi nach seinem Wahlsieg nach Rom und machte ihn zum Industrieminister.

          Der Spatz in der Hand

          In dieser Position zeigte Bersani sein Wesen mit dem, was in Italien immer noch unter dem Begriff „Lenzuolate“ beschrieben wird: lange Listen, wörtlich übersetzt „vollgeschriebene Bettlaken“, voller kleiner Liberalisierungen. Auf diese Weise wurde etwa der Handel von der Pflicht befreit, für die Eröffnung eines jeden noch so kleinen Laden eine Lizenz erwerben zu müssen, was mit jahrelangen Bemühungen bei der Stadtverwaltung verbunden ist.

          Doch Heldentaten vollbrachte Bersani weder nach den folgenden Berufungen zum Transportminister von 1999 bis 2001 und wieder zum Industrieminister 2006 bis 2008, noch als Parteichef seit 2009. Im Vorwahlkampf um das Amt des Spitzenkandidaten charakterisierte er seine Einstellung mit einem immer wieder zitierten Satz: „Mir ist ein Spatz in der Hand lieber als ein Truthahn auf dem Dach“. Die Vorbereitung des Wahlkampfes war dementsprechend eine Kombination von Gelassenheit und Vorsicht. Bersani folgte dem traditionellen Rezept, den extrem linken Flügel durch ein Bündnis einzubinden und suchte jegliche originellen Sprüche und Wahlkampfabenteuer zu vermeiden.

          Dementsprechend gibt es weder in seiner eigenen Partei noch in seinem Wahlbündnis Klarheit über das wirtschaftspolitische Programm. Vage Worte des Spitzenkandidaten verdecken, dass es hinter der Fassade viele Widersprüche gibt, zwischen einer reformerischen Minderheit, die Italien wettbewerbsfähig machen will, und einer Mehrheit, die Reformschritte des scheidenden Ministerpräsidenten Mario Monti rückgängig machen möchte und lieber höhere Staatsausgaben oder sogar Verstaatlichungen wünscht.

          Ruhig und traditionell

          Kritische Geister in der Demokratischen Partei blicken nun wehmütig auf die Wochen der Vorwahlen zurück und urteilen, die Demokraten hätten mit dem Traditionalisten Bersani eine historische Chance vergeben. Die Regeln hatten Bersani als Mann des Parteiapparats begünstigt gegenüber dem jugendlichen Reformer und Florentiner Bürgermeister Matteo Renzi. Am Ende gewann Bersani die Vorwahlen mit rund 60 Prozent der Stimmen. Doch das hatte Folgen: Weil bei den Demokraten der Generationswandel ausblieb, fühlte sich Berlusconi zu einer Rückkehr ermutigt. Diese Kombination verschafft nun wiederum dem systemkritischen Komiker Beppe Grillo immer mehr Zulauf.

          Bersanis innerparteilicher Konkurrent Renzi hätte mit politischen und wirtschaftlichen Reformversprechen wohl Wähler auf dem linken Flügel verloren, dafür aber in der Mitte und unter den Enttäuschten viele Anhänger dazugewonnen. Der allzu ruhige und traditionelle Bersani kann das erstrebte Amt im Palazzo Chigi nun nur noch mit Mühe erreichen, und er muss fürchten, dort handlungsunfähig zu bleiben.

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