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Philipp Hildebrand : Der Euro-Käufer

  • -Aktualisiert am

In gewisser Weise kämpft er mit einem Luxusproblem: SNB-Präsident Hildebrand Bild: dpa

Die Schweizer Notenbank begibt sich auf den Weg grenzenloser Euro-Käufe - und Präsident Hildebrand erntet plötzlich Lob von allen Seiten.

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          Philipp Hildebrand erlebt in diesen Tagen ein Wechselbad der Gefühle. Nach den immensen Verkäufen von Franken gegen Euro und Dollar im Frühjahr 2010 wurde der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zum Ziel vielfältiger Kritik. Sie kam nicht zuletzt aus den Reihen der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei, der größten politischen Kraft im Land. Immerhin blähten die Interventionen den Fremdwährungsbestand der Notenbank auf zuletzt 189 Milliarden Franken oder umgerechnet 158 Milliarden Euro auf, davon 55 Prozent in der Gemeinschaftswährung. Jetzt begibt sich die Notenbank auf den Weg grenzenloser Euro-Käufe - und Hildebrand erntet Lob von allen Seiten. Der oberste Währungshüter der Schweiz wird sogar zu einer Verstärkung der Franken-Abwertung ermuntert.

          Dem wird sich der studierte Politologe mit Erfahrungen in Schlüsselpositionen zweier Schweizer Privatbanken nicht ohne weiteres anschließen. Lange hat das dreiköpfige Direktorium der SNB unter dem 48 Jahre alten Hildebrand mit dem Wechselkurs-Schritt gezögert. Man sondierte wohl an den Märkten, was eine glaubwürdige Kurs-Schwelle sein könnte; eine Grenze, die Spekulanten den Kauf weiterer Franken verleidet, aber auch eine Grenze, die keine unrealistisch starke Abwertung suggeriert. Ob diese mit 1,20 Franken zum Euro gefunden ist, werden Hildebrand und Kollegen mit Spannung verfolgen.

          „Wir haben kein spezifisches Wechselkursziel“

          In gewisser Weise gebietet der stets gemessen auftretende Absolvent internationaler Renommieruniversitäten über ein Luxusproblem. Er muss eine starke Währung schwächen, wohingegen es zumeist darum geht, eine schwache Währung zu verteidigen. Die Schweizer haben bisher gut mit dem Franken gelebt. Seit Anfang der siebziger Jahre ist ihre Kaufkraft im Ausland um 75 Prozent gestiegen. Für die Investmentbank Goldman Sachs ist der Franken die zeitlich am längsten überbewertete Währung der Welt. Als „sicherer Hafen“ begehrt, ermöglicht der starke Franken in der Schweiz niedrige Zinsen. Aber die Schweizer haben jüngst auch die Kehrseite der Währungsstärke zu spüren bekommen. Die Auslandsvermögen von 800 Milliarden Franken, die meist in Fremdwährungen gehalten werden, sind kräftig geschrumpft.

          Philipp Hildebrand gehört dem Direktorium der SNB seit 2003 an. Schon vor seiner Ernennung zum obersten Währungshüter der Schweiz Anfang 2010 machte er sich vor allem in der Aufarbeitung der internationalen Bankenkrise einen Namen. Als Mitglied des Financial Stability Board (FSB) in Basel ist Hildebrand einer der stärksten Befürworter einer straffen Bankenregulierung. Sein internationales Netzwerk ist stark geknüpft, zeitweise galt er sogar als Kandidat für den Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF). In der Schweiz hat er schon die Devisenmarktinterventionen von 2010 damit verteidigt, dass er Deflationsgefahren entgegenwirken müsse. Gegenüber dieser Zeitung formulierte er im Oktober 2010: „Wir haben kein spezifisches Wechselkursziel“.

          Jetzt hat er eingegriffen, wohl wissend, dass eine ähnliche Operation der Nationalbank gegenüber der früheren D-Mark 1978 in eine schmerzhafte Inflation mündete. Wenn Hildebrand einfach zugewartet hätte, würde wohl der Markt das Frankenproblem lösen: über eine Rezession. Einen solchen Katastrophenkurs überstünde der Nationalbank-Präsident bei aller geldpolitischen Unabhängigkeit politisch aber wohl nicht. Er widerspräche dem Auftrag der Notenbank ebenso wie seinem Naturell des Gestaltens und auch Regulierens. Wahrscheinlich wird die Abkühlung der kaum genesenen Weltwirtschaft selbst die Schweiz in Mitleidenschaft ziehen. Dies müsste eigentlich auch die Währung schwächen. Der Weltwirtschaftskenner Philipp Hildebrand wird sich hierüber seine Meinung schon gebildet haben.

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