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Peter Praet : Der Professor hinter Draghis Geldpolitik

Peter Praet Bild: Röth, Frank

Mario Draghi ist das Gesicht der Europäischen Zentralbank. Beinahe genauso mächtig, aber im Hintergrund, ist EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. Er bereitet die neue Kreditkanone vor.

          3 Min.

          In Kürze wird die Finanzwelt an den Lippen des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) hängen. Mario Draghi dürfte einschneidende Maßnahmen für den Euroraum verkünden. Die Inflation ist bedenklich niedrig, das Wachstum mau – Zeit für die EZB zu handeln, erwarten fast alle Analysten. Was Draghi sagen wird, hat aber ein anderer vorformuliert: Peter Praet. Der Chefvolkswirt der Zentralbank entwirft die Eingangsrede, die Draghi vor der Presse verliest. Draghi, die EZB-Granden und nationale Notenbanker wie der Deutsche Jens Weidmann ringen zuvor um die Schlüsselsätze. Jedes Wort kann an den Märkten Milliarden bewegen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Der belgische Wirtschaftsprofessor und Notenbanker Praet gehört in der EZB zu den mächtigsten Männern, auch wenn er sich meist im Hintergrund hält. Er ist ein nachdenklicher Mann, der auch die Möglichkeit des Scheiterns mit einkalkuliert. Die Bankenkrise sei nur „die Spitze eines Eisbergs“, darunter lauere das Risiko von Staatspleiten. Es gebe einen Teufelskreis, weil schwache Banken schwache Eurostaaten herunterzögen, hat Praet in Vorträgen in den vergangenen Jahren gewarnt. Diesen Teufelskreis will die EZB mit der Bankbilanzprüfung durchbrechen. Zum langfristigen Erfolg oder Misserfolg der Zentralbank, die trotz einer Flut billigen Geldes kaum Wachstum anfachen konnte, sagte Praet im vergangenen Jahr: „Die richtige Balance zwischen Inflation und Deflation zu halten ist nicht leicht. Nur die Geschichte wird urteilen können, ob wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben.“

          Nun ist der Euroraum nach Meinung einiger Analysten bedenklich nahe an eine Deflation herangerückt. Auch Praet ist besorgt. Mit der gegenwärtigen Inflation – sie ist im Mai auf 0,5 Prozent im Durchschnitt des Euroraums gesunken – „können wir uns nicht zufriedengeben“, sagte er jüngst in einem Interview. Der 65 Jahre alte EZB-Chefvolkswirt will unbedingt vermeiden, dass an dem Ziel der EZB, die Inflation mittelfristig bei knapp 2 Prozent zu halten, Zweifel aufkommen.

          Die klassischen Mittel der EZB sind weitgehend ausgereizt

          Seit Monaten grübelt er darüber nach, was sie noch tun könnte. Ihre klassischen Mittel sind weitgehend ausgereizt. Den Haupt-Leitzins, zu dem sich Banken bei der EZB Geld leihen, kann sie von derzeit noch 0,25 Prozent nur noch minimal senken. Nun wird die EZB wahrscheinlich als erste große Notenbank erstmals mit einem negativen Einlagenzinssatz für Banken experimentieren. Wie ein solcher Strafzins wirkt, ist umstritten. Praet geht von einer eher günstigen Wirkung aus – in dem Sinne, dass die Banken sich wieder mehr Geld untereinander leihen, statt überschüssige Liquidität bei der EZB zu parken. Aber letztlich werde der negative Einlagenzins „kein Big Deal“ sein, ist aus seinem Umfeld zu hören. Andere Ökonomen sind dagegen skeptisch. Zusätzlich zur Zinssenkung wird die EZB am Donnerstag wohl Maßnahmen verkünden, um die Kreditvergabe der Banken anzuregen. Von „targeted credit easing“ sprechen die EZB-Fachleute. Letztlich geht es um eine neue Kreditkanone, die gezielter als Draghis „Dicke Bertha“ schießen soll.

          All diese Fachbegriffe sind weit weg von der Lebenswelt normaler Bürger. Die deutschen Sparer sehen die Micker-Zinsen auf ihrem Konto (abzüglich der Inflation sind sie oft sogar negativ) und werden langsam nervös wegen ihrer Altersvorsorge. „Ich habe sehr viel Verständnis für die Nöte der Sparer, mein Geld liegt auch bei der Bank“, sagt Praet. Anders als Draghi, der elegante Italiener, der bei Goldman Sachs eine wichtige Position hatte, bevor er Notenbankchef wurde, wirkt Praet eher wie ein Normalbürger, eine Mischung aus Akademiker und freundlicher Vaterfigur, auch wenn er schneidend sprechen kann, wenn ihm etwas nicht gefällt. Im EZB-Direktorium hat er nicht nur Freunde, einige finden die Vorträge des Ökonomen mit dem grauen Bart manchmal zu kompliziert.

          Wichtig ist für einen Notenbanker, die großen Zusammenhänge einfach zu erklären. Wenn er sich Mühe gibt, kann Praet das. Die deutschen Vorbehalte gegen eine zu expansive Geldpolitik sind ihm nicht fremd, er kennt die inflationsallergische Mentalität der Deutschen. Schließlich wurde er selbst in der Bundesrepublik geboren, 1949, kurz nach der Währungsreform, in einem Dorf bei Siegburg im Rheinland. Sein Vater war belgischer Militärarzt für die seinerzeit dort stationierten Truppen, seine Mutter ist Deutsche. Bis zum 17. Lebensjahr blieb Praet in Deutschland, dann ging er nach Belgien. In Brüssel studierte er Wirtschaftswissenschaften, stieg zum Professor an der Université Libre de Bruxelles auf. Zwischenzeitlich arbeitete er auch beim Internationalen Währungsfonds.

          Die praktische Finanzwelt hat er gut zehn Jahre als Chefvolkswirt der Générale de Banque kennengelernt, die später in der Fortis Bank aufging. Kurzzeitig war er Kabinettschef eines Finanzministers, bevor er im Jahr 2000 zur Nationalbank wechselte. Mehr als ein Jahrzehnt war er dort geschäftsführender Direktor, also die Nummer drei hinter Präsident und Vizepräsident.

          Während der Finanzkrise waren Fortis und Dexia extrem angeschlagen. „Ich sagte zu meiner Frau, hoffentlich gibt es keinen Run auf die Banken. So was kannte ich nur aus dem Lehr- und Geschichtsbuch, jetzt drohte es wirklich.“ Die Krisenjahre haben ihn sichtlich altern lassen. Vor allem das grenzüberschreitende Gezerre um die Pleitebanken hat ihn mitgenommen.

          Seit 2012 ist Praet nun Chefvolkswirt der EZB. Er folgte auf Jürgen Stark, der aus Protest gegen die umstrittenen Anleihekäufe zurücktrat. Von der deutschen ordnungspolitischen Strenge, die Stark verkörperte, hat Praet wenig. Er gilt im Zweifel eher den „Tauben“ zugeneigt, die für eine eher lockerere Geldpolitik plädieren. Nun ist der Moment gekommen, in dem die Tauben in der EZB weitere, einschneidende Schritte machen.

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