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Paul Achleitner : Wie ein Seiltänzer

Paul Achleitner Bild: dapd

Der neue Aufsichtsratschef der Deutschen Bank soll verlorenes Vertrauen wiederherstellen – und die zwei  Vorstandsvorsitzenden ausbalancieren. Keine Frage: Paul Achleitner steht vor einer Herkulesaufgabe.

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          Seine schmerzlichste Niederlage, kurz vor seinem Ausscheiden bei der Allianz, dürfte Paul Achleitner in der Nacht zum 20. Mai erlebt haben. Da saß er auf der Tribüne der Allianz-Arena, blickte kurz in den schwarzen Himmel über München und machte sich dann schnurstracks, begleitet von seinem Sohn, auf den Heimweg. Wenige Sekunden zuvor hatte Bastian Schweinsteiger den entscheidenden Elfmeter im Finale der Champions League gegen den FC Chelsea verschossen.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Vom Fußballbesuch abgesehen, verlief die Abschiedstournee des langjährigen Finanzchefs der Allianz reibungslos. Lobende Worte hier und da, in Berlin vom Gastredner und Freund Joschka Fischer, in München vom Vorstandsvorsitzenden Michael Diekmann. Einen wie ihn, da sind sie sich bei der Allianz ganz sicher, wird man schmerzlich vermissen.

          Unternehmenskultur hat gelitten

          Einen wie ihn braucht die Deutsche Bank dagegen dringender denn je. Das ist am Donnerstag auf der Hauptversammlung des Instituts Tenor der 7000 Aktionäre. Auch hier, in der Frankfurter Festhalle, finden sie lobende Worte für den kleinen Österreicher, der bei der Allianz zwölf Jahre lang für die großen Geschäfte verantwortlich war. Nicht minder groß ist die Herausforderung bei der Deutschen Bank. Der lange Machtkampf zwischen Achleitners Vorgänger Clemens Börsig und dem Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann hat tiefe Spuren hinterlassen. Achleitner muss die aus den Fugen geratene Unternehmenskultur wiederherstellen, muss wie ein Seiltänzer die Balance finden zwischen dem Investmentbanker Anshu Jain und Deutschland-Chef Jürgen Fitschen, den beiden Ackermann-Nachfolgern auf dem Chefposten der Bank.

          Achleitner sitzt in der vorderen Reihe, neben ihm Siemens-Chef Peter Löscher und Klaus Trützschler, bis vor wenigen Wochen noch Vorstand von Haniel, in den zahllosen Reihen dahinter mehr oder minder aufgebrachte Aktionäre. Achleitner bekommt an diesem Tag, der eigentlich ganz im Zeichen eines beinahe rührseligen Ackermann-Abschieds steht, einen guten Vorgeschmack auf die hohe Emotionalität der Anteilseigner einer Bank, die das Wort „Leidenschaft“ in ihrem Leitspruch führt. Mit so großer Leidenschaft arbeiten sich einige Aktionäre nun am scheidenden Aufsichtsratsvorsitzenden ab, dass man den Eindruck gewinnen kann, die Hauptversammlung arte aus zu einer Abrechnung mit Börsig.

          Lob für den „lieben Joe“

          Der Dreiundsechzigjährige muss die letzte Versammlung unter seiner Leitung wegen „des großen Andrangs der Aktionäre“ erst zehn Minuten verspätet beginnen, dann die Amtszeit seines Dauer-Rivalen wertschätzen („Dies ist eine Bilanz, die allergrößten Respekt verdient“) und dem „lieben Joe“ auch persönlich danken. Zwischendurch muss er immer wieder Aktionäre zur Ordnung rufen, Buh-Rufe und Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Noch schlimmer: Selbst institutionelle Anleger, die nicht im Verdacht stehen, irgendwelchen Stimmungen nachzugeben, wollen ihm die Entlastung verweigern.

          Sie geben Börsig die Schuld am ramponierten Ansehen, an den Mängeln in der Unternehmensführung, an der grotesken Suche nach einem Nachfolger für Ackermann, an all den Klagen und Rechtsstreitigkeiten, denen die Deutsche Bank wegen ihrer Hypothekengeschäfte in Nordamerika ausgesetzt ist. Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment spricht es in einem Satz aus: „Herr Börsig, wir müssen es leider klar und deutlich sagen, wir sind von Ihrer Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender enttäuscht.“

          Der Beginn einer neuen Ära?

          Achleitner wird genau hingehört haben. Die Worte der Aktionäre sind Ansporn für ihn, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Jeder, der das Hauen und Stechen um die Ackermann-Nachfolge mitbekommen hat, weiß, dass die Deutsche Bank dazu einen starken Chefkontrolleur braucht, der regulierend eingreifen kann - erst recht bei einem Führungsduo mit starken Persönlichkeiten wie Jain und Fitschen. Eigentlich ist Achleitner ein Mann der leisen Töne.

          Er, der in den neunziger Jahren die Investmentbank Goldman Sachs in Deutschland groß herausbrachte, zieht gern im Hintergrund die Fäden, scheut sich aber auch nicht, unpopuläre Maßnahmen in der Öffentlichkeit zu vertreten, so wie den teuren Fehlkauf der Dresdner Bank, mit dem sein Name bei der Allianz ebenso verbunden bleiben wird. Dabei wäre zuvor die Deutschland-AG ohne Achleitners Hilfe gewiss nicht so geschickt entflochten worden. Sein Fachwissen in allen Ehren, aber bei der Deutschen Bank wird es auf Achleitners Führungsqualitäten ankommen. Dann wäre es der Beginn einer neuen Ära. Achleitner ist erst 55 Jahre alt.

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