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Palastrevolution : Wirtschaftsprüfer stürzen ihre eigene Führungsspitze

  • -Aktualisiert am

Norbert Pfitzer, bisheriger Präsident der Wirtschaftsprüferkammer Bild: WPK

Machtwechsel bei den Wirtschaftsprüfern: Kein Kandidat der vier großen Gesellschaften konnte sich bei den Wahlen zum Beirat der Wirtschaftsprüferkammer durchsetzen. Mittelständler übernehmen jetzt das Ruder.

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          Deutschlands Wirtschaftsprüfer haben eine Palastrevolution veranstaltet: Bei den Wahlen zum Beirat der Wirtschaftsprüferkammer (WPK) erhielten die Kandidaten einer Liste mittelständischer Prüfer sämtliche Sitze. Der „Verband für die mittelständische Wirtschaftsprüfung“ (wp.net) verdrängte alle Vertreter der vier großen Prüfungsgesellschaften aus dem Gremium. Lediglich die kleine Gruppe der vereidigten Buchprüfer ist von dem Machtwechsel nicht betroffen. Damit müssen sämtliche Angehörigen der „Big 4“ auch aus Präsidium und Vorstand der Kammer ausscheiden. Denn nach der Satzung kann diese Ämter nur übernehmen, wer selbst dem Beirat angehört.

          In der WPK sind sämtliche mehr als 20.000 deutschen Abschlussprüfer Zwangsmitglied. Sie üben unter anderem die Berufsaufsicht über die Branche aus. Der Beirat muss auf seiner konstituierenden Sitzung, die voraussichtlich Anfang September stattfindet, Vorstand und Aufsichtsrat neu bestimmen. Der bisherige Präsident Norbert Pfitzer, Vorstandsmitglied von Ernst & Young, lehnte auf Anfrage jede Stellungnahme ab.

          Möglich wurde der Umschwung durch die Einführung von Briefwahlen, auf die wp.net lange gegenüber der WPK und dem Bundeswirtschaftsministerium gedrängt hatte. Bislang hätten sich die großen Prüfungsgesellschaften auf den Mitgliederversammlungen stets mit Blankovollmachten ihrer eigenen Beschäftigten durchsetzen können, meinen Kritiker, und unliebsame Kandidaten sogar von der Bewerberliste streichen können. „Nach 50 Jahren haben wir uns das demokratische Wahlrecht erkämpft“, sagte der Vorstandssprecher von wp.net, Michael Gschrei, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Repräsentanten der großen Prüfungsgesellschaften und des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) hätten zu hoch gepokert und im Vorfeld eine gemeinsame Aufstellung von Kandidaten abgelehnt.

          Ernst & Young, einer der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften

          Die „Schieflage bei der Berufsaufsicht“ zulasten kleinerer Prüferbüros müsse beendet werden, fordert Gschrei. Aber auch bei den Prüfungen selbst will die neue Führungsspitze der WPK das Ruder herumreißen. „Wir werden die Industrialisierung der Abschlussprüfung eindämmen“, erklärte Gschrei. Sein Verband sieht die Prüferbranche in einer Vertrauenskrise und fühlt sich durch Reformbemühungen der EU bestätigt. „Das Grünbuch aus Brüssel legt die Schwächen der Big-4-Wirtschaftsprüfung glasklar offen.“ Dies habe sich auch in der Bankenkrise gezeigt.

          So müsse dem Preisverfall für Prüfungen durch eine Honorarordnung begegnet werden. Sie sollen nicht länger durch Beratungen quersubventioniert werden. Der „Kollateralschaden“ der bisherigen Praxis seien eine unzureichende Berichterstattung über die geprüften Unternehmen und zu Unrecht nicht eingeschränkte Testate. „Wenn wir einen Bestätigungsvermerk für den Jahresabschluss einschränken oder sogar versagen, beißen wir die Hand, die uns füttert“, hieß es im Wahlprogramm. Auch eine häufigere Rotation der Prüfer soll „Betriebsblindheit“ vermeiden.

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