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Einwanderung : Österreich lobt Integration von Balkan-Migranten

In diesem deutschen Betrieb werden Flüchtlinge aus der Ukraine angelernt. Bild: dpa

Tausende Flüchtlinge kommen derzeit jede Woche nach Deutschland. Die Frage ist, wie sie möglichst zügig in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Ein Beispiel gibt Österreich.

          Bei der geplanten Aufnahme von Balkan-Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt könnte Deutschland von Österreich lernen. Fachleuten zufolge hat der Nachbarstaat gute Erfahrungen mit Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien gemacht, die den größten Ausländeranteil stellen. „Sie sind besser integriert als die Türken, bei der Erwerbsbeteiligung liegen sie ganz vorn“, sagt die Ökonomin Monika Köppl-Turyna von der Wiener Denkfabrik Agenda Austria.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Auch August Gächter, der am Wiener Zentrum für Soziale Innovation über Arbeitsmigration forscht, konstatiert: „Die Öffentlichkeit empfindet die Integration als absolut problemlos.“ Den Zahlen der Agenda Austria zufolge ist die Arbeitslosenquote unter diesen Einwanderern mit 9,9 Prozent zwar doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Der Wert liegt aber weit unter jenem der Türken mit 15,5 Prozent. Auch finden sich unter den Migranten vom Balkan viel weniger Personen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Diese Quote ist sogar geringer als in ganz Österreich. „Die Leute aus Ex-Jugoslawien sprechen oft gut Deutsch, sind gut ausgebildet und haben durch die gemeinsame Geschichte eine gewisse Beziehung zu Österreich“, sagt Köppl-Turyna, „bei vielen gibt es familiäre Bande“.

          Angaben des Innenministeriums zufolge leben in Österreich ähnlich viele Serben wie Türken; auf sie entfallen je 23 Prozent aller legalen Aufenthaltstitel von Nicht-EU-Bürgern. An dritter Stelle liegt mit 21 Prozent Bosnien-Hercegovina, danach folgen das Kosovo und Mazedonien. Österreich hat in den Kriegen der neunziger Jahre besonders viele Jugoslawen aufgenommen. Zwischen 1990 und 2000 verdoppelte sich ihre Zahl. Gegenwärtig stammt mehr als die Hälfte aller 420000 Ausländer vom Westbalkan. Slowenien und Kroatien werden als EU-Mitglieder in der Statistik nicht erfasst.

          „Beschäftigungspakt“ findet Befürworter

          In der gegenwärtigen Flüchtlingswelle reisen immer mehr Personen vom Westbalkan über Österreich nach Deutschland ein. Die Bundesregierung will ihnen zwar kein Asyl gewähren, plant aber, einem Teil Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten zu geben. Im Juli kamen 37 Prozent der Asylerstanträge aus dieser Region. In den ersten sieben Monaten waren es fast 77.000 Fälle - mehr als aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Eritrea und Nigeria zusammen.

          Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) denkt daran, jährlich 20.000 Balkan-Bewohnern den Aufenthalt zu erlauben. Doch allein im Juni und Juli strömten 22.200 nach Deutschland. „Der Vorschlag ist ein Witz“, sagt Dusan Reljić, der Brüsseler Büroleiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er fordert stattdessen einen umfassenden „Beschäftigungspakt“: In der EU schrumpfe die arbeitsfähige Bevölkerung, während in Südosteuropa die Arbeit knapp sei.

          Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung befürwortet ein Gastarbeiterabkommen mit dem Westbalkan, da das Ausbildungsniveau dort höher sei als in anderen Regionen. Allerdings sind 30 Prozent dieser Asylbewerber Roma, deren Qualifikation oft schlecht ist. Aufhorchen lassen neue Zahlen des Statistischen Bundesamts: Während 30 Prozent aller Personen mit Migrationshintergrund eine Fach- oder Hochschulreife haben, sind es unter den Einwanderern vom Westbalkan kaum 17 Prozent.

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