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Ökonom Max Otte : Der Prediger

Max Otte steht vor seinem Wochenendsitz in Blankenheim. Nebendran ragt die Dorfkirche empor, früher wohnte in Ottes Haus der Dorfpfarrer. Otte musste im Kaufvertrag unterschreiben, dass er im Pfarrhaus keine Handlungen unternehmen darf, die sich gegen die Lehren der Kirche richten. Die Klausel ist kein Problem. „In drei Jahren möchte ich aus dem täglichen Geschäft raus sein“, sagt Otte, „dann heißt es: publizieren, lehren, predigen“. Über die Finanzelite etwa, die sich über politische Macht bediene. Über den Staat, der neoliberale Interessen schütze. Über den „täglichen Wahnsinn“ der Finanzbranche. „Ich möchte das Volk publizistisch aufklären.“

Otte fühlt sich dazu berufen. Schließlich ist er rumgekommen, war Unternehmensberater in Deutschland und Amerika: „Mit 25 Jahren habe ich die Entwicklungshilfe der Vereinten Nationen reorganisiert.“ Er sagt von sich selbst, er sei ein Typ, der gerne Gas gibt. Auch verbal. Fast das Welthungerproblem gelöst und bald die Systemfehler des Kapitalismus reparieren – vom einen zum anderen ist es gedanklich nicht weit.

„Meine Bezugsgruppe sind die deutschen Bürgerinnen und Bürger“

Als Otte nach der Krise in die ersten Talkshows eingeladen wurde, lernten ihn die Zuschauer als den Professor von der Fachhochschule Worms kennen, dort hat er in den vergangenen Jahren angehenden Touristikstudenten die Grundlagen der Finanzmärkte nahegebracht. Otte wurde von der amerikanischen Elite-Universität Princeton über ein historisches Thema promoviert. Bald hält er eine Vorlesung an der Universität Graz, über Anlagestrategien. Er ist studierter Volkswirt, doch die bekannteren deutschen Ökonomen rümpfen über den Börsenguru die Nase. Macht nichts, zu den Kollegen hat er ohnehin wenig Kontakt. „Meine Bezugsgruppe sind die deutschen Bürgerinnen und Bürger.“

Die trifft Otte zum Beispiel im Frankfurter „Haus der Jugend“, wo er vergangenen September auf dem Podium sitzt. Neben ihm sitzen Sarah Wagenknecht und der Münchener Ökonom Hans Werner Sinn. Es geht um Banken und Renditejagd. Sinn spricht von einem kommenden Super-Boom, Otte warnt vor zu viel Euphorie. Die Sympathien des Publikums sind klar verteilt. Otte muss die Zuschauer beruhigen, sie sollten Sinn nicht so beschimpfen.

Sinn und Otte respektieren sich. Es ist die Ausnahme. Der Groll der Zunft auf Otte hat mit Kollegenneid zu tun, mit der Eitelkeit der Wissenschaft und viel mit Otte selbst. Er lässt keine Gelegenheit aus, die Ökonomen als Versager zu prügeln, und Menschen wie im Frankfurter Veranstaltungssaal finden das berechtigt. Otte drischt auf ausgewählte Medien ein, pöbelt in seinem Blog gegen einzelne Artikel, geriert sich als Hüter der Wahrheit. Die Bonitätsnote des verschuldeten Amerika müsse augenblicklich herabgestuft werden, ereiferte sich Otte noch am vergangenen Mittwoch, doch das sei und werde nicht geschehen, die amerikanischen Rating-Agenturen seien nicht mehr als Instrumente amerikanischer Außenpolitik. Zwei Tage später, am vergangenen Freitag, stuft Standard & Poors Amerika auf AA+ herab.

Kein neues Crash-Buch

Im Gegensatz zu Ökonomen, die Partialmodelle betrachten, interessiert ihn das große Bild, und er leitet viel aus der Geschichte ab. Das mag man für akademisch anspruchslos halten oder für realitätsnah. Kritiker spötteln, da habe der Prophet halt einen Glückstreffer gelandet. Allerdings gab Otte nur einen einzigen Schuss ab, und der saß. In Worms hat er mit Kollegen den Jagdschein gemacht. Interessant sei das gewesen, sagt Otte, doch er geht selten auf die Pirsch. Keine Zeit.

Der Allzweckphilosoph Richard David Precht halte 100 Vorträge im Jahr, er selbst, Otte, habe auf 70 reduziert, „und auch das sind noch viel zu viele“. Kürzlich war er zu einer Mitarbeiterveranstaltung der Raiffeisen-Bank im österreichischen Klagenfurt geladen. Erst redete der Landeshauptmann, dann ein Motivations-Guru, dann kam Otte und zum Schluss eine Tombola. Er will das nicht mehr. „Geld ist mir nicht wichtig“, sagt Otte. Man möchte es ihm glauben. Die Aufschneiderei, die Polemik, die Selbstvermarktung – mag Otte sich auch um Kopf und Kragen reden, er ist ein unterhaltsamer Geselle. Im Treppenhaus hat er Fotos seiner Band aufgehängt. Otte trägt Langhaar-Perücke. Hinter dem Pfarrhaus liegt der Friedhof. Das Haus atmet Leben.

Ist der Crash jetzt da? Weiß nicht, sagt Otte. Ein Staat könnte bald kippen. Vielleicht das verschuldete Japan. Er bleibt im Ungefähren. Ein neues Crash-Buch ist nicht geplant. „Das letzte ist schwer zu toppen.“

Der Mensch

Matthias Otte wird am 7. Oktober im sauerländischen Plettenberg geboren. Vater Max ist Lehrer und stirbt früh im Jahr 1983. Später nimmt der Sohn dessen Vornamen an. Auch, was er ausdrücklich betont, „weil Max auf Buchtiteln prägnanter klingt als Matthias“. Er studiert Volkswirtschaftslehre in Köln, promoviert in Princeton über die weltpolitische Rolle Deutschlands nach der Wiedervereinigung und lehrt als Assistant Professor an der Boston University. Er arbeitet als Unternehmensberater in Deutschland und Amerika und lehrt als Professor an der Fachhochschule Worms. 2006 landet er den Coup seines Lebens: Im Buch „Der Crash kommt“ prophezeit er die Finanzkrise.

Das Unternehmen

Ottes monatlicher Anlegerbrief „Der Privatinvestor“ hat rund 2000 Abonnenten und kostet 39 Euro, was einen Jahresumsatz von etwa 900.000 Euro einspielen dürfte. In Offenburg betreibt Otte eine Finanzvertriebsfirma, bei der Menschen nach seinen Anlagemethoden ihr Vermögen verwalten lassen können. Das dritte Geschäft ist sein Fonds „PI Value“, in dem etwa 70 Millionen Euro stecken und der vor allem in Aktien von Unternehmen investiert, von denen sich Otte eine langfristige Wertsteigerung verspricht. Der Professor setzt auf die Privatanleger, die ihn aus Funk und Fernsehen kennen. Die Selbstvermarktung, daraus macht Otte kein Geheimnis, ist Teil des Geschäftsmodells.

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