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Ökonom Gary Becker : Gegensätze ziehen sich an

Gary Becker erhielt 1992 den Wirtschaftsnobelpreis. Bild: Augusto Casasoli/A3/Contrasto

Gleich und Gleich gesellt sich gern, heißt es. Stimmt nicht, sagt Ökonom Gary Becker. Er stellt wirtschaftliche und eheliche Beziehungen auf eine Stufe. Unterschiedliche Partner passen demnach am besten zusammen.

          Warum heiraten Menschen überhaupt, warum heiraten sie in der Regel paarweise, und - nicht zuletzt - wie kommt jemand an den richtigen Partner? Mögen andere Menschen Gefühle für weltbewegend halten, Ökonomen glauben, dass nur eines unser Leben bestimmt: das Verhältnis von Nutzen und Kosten. Warum sollten Menschen, die ihr Auto oder ihren Arbeitsplatz nach ganz rationalen Kriterien aussuchen, beim Partner fürs Leben nur das Herz entscheiden lassen?

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gary S. Becker, geboren 1930 in Pottsville im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania, ist für seine in den siebziger Jahren entstandene „ökonomische Theorie der Ehe“ zu Weltruhm gelangt.

          Anfangs wurde der Wirtschaftsprofessor aus Chicago für seine Übertragung des ökonomischen Prinzips auf andere Lebensbereiche als „ökonomischer Imperialist“ verunglimpft: Wohin wollte dieses ökonomische Paradigma denn noch alles expandieren, wenn ihm selbst die Liebe und das Schlafzimmer nicht mehr heilig waren? 1992 aber erhielt Becker mit dem Nobelpreis höchste akademische Ehren, ausdrücklich für seine „Verdienste um die Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen weiten Bereich menschlichen Verhaltens“.

          Dabei hat Becker seine Ehe-Theorie mittags zusammen mit Studenten in der Mensa entwickelt, wie er einmal erzählt hat, und anschließend immer weiter ausgefeilt.

          Die Kernidee: Nicht Liebe, Zuneigung oder Vertrauen sind bei der Partnerwahl entscheidend, sondern eine Abwägung der Beteiligten, ob sie gemeinsam mehr Güter produzieren können als jeder für sich allein. Dabei kann es um so unterschiedliche Dinge gehen wie Essen, Prestige, Gesundheit oder Kinder. Wer heiratet, opfert Freizeit, Zeit und oft materielle Spielräume. Er verspricht sich davon aber mehr Lebensqualität, die dieses Opfer rechtfertigt.

          Das rationale Kalkül vor einer Heirat geht deshalb wie folgt: Vorteile einer Heirat werden gegen Suchkosten abgewogen. Jemand wäre demnach bereit zu heiraten, wenn er es für unwahrscheinlich hält, durch eine weitere Suche einen Partner zu finden, mit dem er sich besserstellen könnte.

          Das Kosten-Nutzen-Kalkül greift auch in der Ehe

          Das gilt natürlich auch für den jeweils anderen. Es wird daher zu einer Hochzeit kommen, wenn entweder einer glaubt, besonderes Glück bei der Suche gehabt, also gleichsam ein Schnäppchen gemacht zu haben - oder wenn sich zufällig zwei gefunden haben, die meinen, dass ihre Attraktivitätswerte im weitesten Sinne ausgeglichen sind.

          Auch das Phänomen der Verbindung reicher Männer und schöner Frauen hielt Gary Becker durch seinen Ansatz für erklärbar: Geld und Aussehen sind komplementäre, also sich ergänzende Faktoren der Haushaltsproduktion - ihr gemeinsames Auftreten sichert ein Wohlfahrtsoptimum. Die Familie sieht Becker als eine Art kleine Fabrik an. Es wird deshalb zur Arbeitsteilung zwischen Haushalt und Erwerbsarbeit kommen, wenn die Spezialisierungsgewinne höher sind als die Erträge einer gemeinsamen Ausführung beider Tätigkeiten. Je ähnlicher dabei die Einkommen sind, die Männer und Frauen erwirtschaften, desto geringer sind die Spezialisierungsgewinne und umgekehrt.

          Die Zahl der Kinder, die ein Paar bekommt, hängt nach Beckers Theorie von den Kosten und dem Nutzen des Großziehens von Kindern ab. Deshalb hätten Paare tendenziell weniger Kinder, wenn die Frau berufstätig sei und eine gut bezahlte Stelle habe.

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