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Ökologische Kleidung aus Tibet : Der mit dem Yak tanzt

Der Zufall gab den Ausschlag zum Handeln: Julian Wilson mit einem der Tiere Bild: Renie Yan

Ein ehemaliger britischer Offizier stellt aus der Wolle Tibetischer Grunzochsen edel-flauschige Freizeitkleidung her. Sein Unternehmen verfolgt auch ein soziales Ziel.

          3 Min.

          Julian Wilson diente als britischer Offizier in Nordirland und im ehemaligen Jugoslawien. Ihn schreckt so leicht nichts - bis auf die Hütehunde der Nomaden. Es ist früher Morgen im Hochland von Qinghai, einer der tibetisch dominierten Provinzen im Westen Chinas. Dichter Nebel liegt über der Steppe in fast 4000 Metern Höhe. Wilson hat eine Yakherde auf die riesigen Weideflächen hinausbegleitet und kehrt jetzt zu seinem Schlafplatz zurück, einem groben Zelt aus Yakwolle. Die Hunde der Viehzüchter kläffen und fletschen die Zähne, Wilson hält sie mit Steinwürfen in Schach. „Die sind irgendwie psychotisch hier oben“, sagt der Engländer. „Mir sind die Yaks lieber.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Wilson ist aus seinem Wohnort Peking in die unwirtliche Weite oberhalb der Provinzhauptstadt Xining gekommen, um die Wolle der großen Zotteltiere zu kaufen. Einer der Nomaden schnürt einen Reissack auf, heraus quellen drahtige Fellbüschel. Wilson prüft die Qualität, indem er die Ware zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelt. Unter den groben Haaren kommen feine Fasern zum Vorschein. „Die sind fast so weich wie Kaschmir“, sagt der Unternehmer. „Genau das, was wir für unsere Kollektion brauchen.“ Er und der Lieferant einigen sich auf einen Preis von 14 Yuan je Pfund, etwa 1,60 Euro. Für die seltene Wolle eines weißen Tieres sind es 15 Yuan. Nur ein Viertel des Gewichts landet letztlich in den Stoffen.

          „Facebook ist unsere wichtigste Werbeplattform“

          Wilson ist Gründer und Miteigentümer des Hongkonger Unternehmens Khunu. Seit zwei Jahren stellt er Freizeit-, Sport- und Winterkleidung aus der Wolle von Yaks her, die auch Tibetische Grunzochsen heißen. Es gibt zwar auch andere Anbieter, etwa das deutsche Unternehmen Hess Natur aus dem hessischen Butzbach. Aber Khunu versteht sich als erstes Unternehmen, das sich ausschließlich auf die Bergrinder konzentriert. Zum einen wollen Wilson und sein amerikanischer Partner Aaron Pattillo eine, wie sie glauben, erfolgversprechende Nische bedienen: Yakwolle sei weicher und wärmer als die des Merinoschafs. Eine vergleichbare Qualität der Kaschmirziege sei teurer und weniger abriebfest. Zum anderen verfolgen die Gründer ein soziales Ziel. Sie wollen den Bauern im Hochland neue Einnahmequellen eröffnen.

          Das versuchen sie in den tibetischen Regionen von Qinghai und Sichuan genauso wie in den Steppengebieten der Mongolei. Aus dem Nachbarland Chinas stammt auch der Firmenname. „Khunu“ bezeichnet dort eine frühe Herrscherdynastie und eine Flusslandschaft. In der Mongolei sei es einfacher, Geschäfte abzuschließen, sagt Wilson. Chinas Behörden seien unkooperativer, da sie Ausländern misstrauten, die Kontakt zu Tibetern suchten. Hinzu kommt, dass Chinas Nomaden nicht ganz so engagiert sind, wie Khunu sich das wünscht.

          In den Sommermonaten, wenn der Haarwechsel der Yaks gute Wollerträge verspricht, suchen die Hirten lieber Raupenpilze. Diese Parasiten kommen in der traditionellen Medizin zum Einsatz und bringen viel mehr Geld ein als der Fellverkauf. Auch sammeln die Viehhüter lieber ausgefallene Wollknäuel auf, als die Tiere auszukämmen. Dadurch, so Wilson, seien die Reinheit schlechter und die Preise niedriger. An eine Weiterverarbeitung im Hochplateau ist erst recht nicht zu denken. Khunu verfrachtet die Rohwolle deshalb ins Tiefland, lässt sie dort reinigen, spinnen, verweben. Die Kleiderherstellung besorgt ein Schweizer Betrieb in Peking. „Wir wünschten uns eine höhere Wertschöpfung hier oben“, sagt Wilson. „Das dauert aber.“ Khunu, an dem ein Münchner Geldgeber beteiligt ist, vertreibt seine edel-flauschigen Schals, Jacken oder Pullis vor allem über seinen Internethandel www.khunu.com. „Facebook ist unsere wichtigste Werbeplattform“, sagt Wilson. Billig ist die Kleidung nicht. Ein Sweater mit Reißverschluss kostet 170 Dollar, ein Cape 220. Da die Ware nicht gefärbt wird, variieren die Preise je nach Tönung. Das Cape eines seltenen cremefarbenen Yaks ist nicht unter 300 Dollar zu haben. Mit solchen Produkten hat das Unternehmen 2010, im ersten vollen Geschäftsjahr, etwa 100.000 Dollar umgesetzt. Ende 2012 soll es profitabel sein.

          Weder rein renditeorientiert noch ein Wohltätigkeitsverein

          Um das Ziel zu erreichen, fehlt es den Gründern weder an Energie noch an Erfahrung. In ihrem Streben, Geld zu verdienen und dabei Gutes zu tun, ergänzen sich die beiden gut. Pattillo, ein begeisterter Skifahrer und Naturwissenschaftler aus Colorado, arbeitete zuletzt für die soziale Stiftung von Bill Clinton. Wilson war nach seiner Militärzeit jahrelang für Finanzunternehmen tätig. Er beriet Aktiengesellschaften bei der Kommunikation von Börsengängen oder Übernahmen. „Irgendwann hatte ich die Nase voll davon, immer nur über Geld zu reden und eine Meinung zu verbreiten, hinter der ich nicht unbedingt stand. Es musste noch Wichtigeres geben.“

          Der Zufall gab den Ausschlag zum Handeln. Auf einer Winterwanderung in Tibet wurden Wilson und Pattillo auf 5000 Metern Höhe von schlechtem Wetter überrascht und fanden Zuflucht bei einer Nomadenfamilie. Dort lernten sie die Vielseitigkeit und Witterungsfestigkeit der Yaks kennen. Sie begriffen, dass sich aus der dichten Unterwolle Höherwertiges weben ließ als grobe Umhänge oder Zeltplanen. „Für Naturfasern und Ökologisches zahlen Leute im Westen viel Geld“, weiß Wilson. „Unsere Idee war, dass die Yaktreiber davon profitieren sollten.“ Khunu will weder rein renditeorientiert sein noch ein Wohltätigkeitsverein, sondern versucht, über erfolgreiches Wirtschaften den Lebensstandard der Hochlandbewohner zu heben. Zwei Prozent der Erlöse legt das Unternehmen für gemeinnützige Zwecke beiseite. Eines der größten Hindernisse zum Geschäftserfolg ist das Image der langmähnigen Tiere. Die meisten Kunden seien überrascht, dass sich aus dem fransigen Fell derart geschmeidige Wolle spinnen lasse, sagt Wilson. Auch der Name sei nicht gerade vorteilhaft. Kaschmir klinge exotisch, Merino italienisch. „Aber bei Yak denkt jeder, der Englisch spricht, an etwas Ekliges.“

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