https://www.faz.net/-gqe-86fxa

Niedriger Milchpreis : Die Bauern und das liebe Milchvieh

  • -Aktualisiert am

Melken in der dritten Generation: Landwirt Karl-Otto Vollrath mit Sohn Paul vor ihrem Viehstall im Hunsrück. Bild: Jan Grossarth

Die Krise ist für viele Bauern Normalität. Aber so niedrig wie zur Zeit war der Milchpreis schon lange nicht mehr. Tausend Höfe werden wieder aufgeben müssen - und zwar gerade moderne, die investiert haben.

          8 Min.

          Auf diesem Bauernhof in Rheinland-Pfalz stehen die Kühe im grauen Stall, fressen einen Brei aus Grassilage und Rapsschrot und strahlen dabei eine große Gelassenheit aus. Dabei befinden auch sie sich inmitten einer Milchkrise. Sechzig Tiere sind es, in einem bäuerlichen Familienbetrieb, wie es so schön heißt: Hier melken und füttern Vater, Mutter und ein Sohn, der gerade zwar Landwirtschaft studiert, aber in den Semesterferien mitarbeitet. Dann verbringt er seine Morgen damit, um sechs Uhr träge Kühe zur Melkmaschine zu begleiten.

          Die Landschaft ist eine Idylle, der Hof liegt auf einer Anhöhe im Hunsrück, mit Fernblick über Weiden und Windräder. Man melkt hier in dritter Generation. Und gemolken werden muss immer. Auch, wenn es mal wieder nichts einbringt: Der Hof Vollraths bekommt derzeit nur gut 27 Cent für ein Kilo Milch. Das können sie nur durchstehen, weil sie ihren alten Stall und die Geräte längst bezahlt haben. Die Bauernfamilie Vollrath, die den Hof bewirtschaftet, hält sich zudem mit dem Getreideanbau finanziell über Wasser. Gut zweihundert Hektar Land mit Raps und Getreide beackern sie.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Das zweite Standbein verhindert den Sturz. Mal wieder. Besonders laut klagen derzeit hingegen die Milchbauern, die ein solches Standbein nicht haben. Allen voran sind das die großen Milchgenossenschaften in Ostdeutschland, frühere LPG-Betriebe aus der DDR mit Tausenden Kühen. Aber auch der Bauer Karl-Otto Vollrath mit seinen sechzig Kühen sieht, obwohl er schuldenfrei ist, die Zukunft düster: „In ein paar Jahren gibt es im Hunsrück keine Kuh mehr.“

          Nicht nur in Frankreich gibt es eine Milchkrise

          Karl-Otto Vollrath, wie die meisten Bauern seit jeher dem Schwarzmalen nicht abgeneigt, ist fünfundfünfzig Jahre alt und will gern noch lange weitermachen. „Landwirtschaft ist eine Herzenssache“, sagt er. Sein Sohn Paul möchte nach dem Studium in der Industrie arbeiten, stünde dann aber für die Hofübernahme zur Verfügung. „Aber nur mit Getreideanbau und ohne die Milch“, sagt er. Weil die kein Geld bringe. Weil er viel Geld investieren müsste, um den alten Stall von 1982 durch einen zeitgemäßen zu ersetzen. Und weil er das nicht wagen wolle angesichts dieser Unsicherheiten mit den Milchpreisen, sagt er. „Dabei würde mir die Milch eigentlich Spaß machen.“

          Nicht nur in Frankreich, wo wütende Bauern Lastwagen mit Milchlieferungen aus Polen und Deutschland hinter der Grenze kapern, gibt es eine Milchkrise. Sie findet auch im Hunsrück bei Familie Vollraths statt und in der gesamten EU. Es ist fast so schlimm wie schon vor sechs Jahren. Und so wie vor drei Jahren auch, mit einem Preis von weniger als 30 Cent für ein Kilo. Das ist die Grenze, ab der Höfe bei derzeitigen Kosten nicht mehr an der Milch verdienen, wie sie behaupten.

          Einige tausend Höfe müssen aufgeben

          Weil viele Höfe sich finanziell noch nicht wieder erholt haben, werden vermutlich mehr als in den früheren Krisen aufgeben müssen. Sicherlich einige tausend in Deutschland. Vergleichbar war es auch 2013 und 2009. Und auch in den guten Jahren dazwischen wurden es immer weniger Milchbauern. Noch gut 78 000 gibt es in Deutschland, vor zwanzig Jahren waren es noch fast 200 000.

          Weitere Themen

          Arbeitslosenzahl sinkt im November Video-Seite öffnen

          Trotz Teil-Lockdown : Arbeitslosenzahl sinkt im November

          Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist trotz neuer Corona-Beschränkungen im November gesunken. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im November 2,699 Millionen Menschen arbeitslos, 61.000 weniger als noch im Oktober.

          Topmeldungen

          Nicht nur digital: Der Bericht der Fachleute regt mehr informelle Treffen der Nato-Außenminister vor

          Nato-Strategiebericht : Im Zeichen von Russland und China

          Ein Expertenbericht beschreibt eine neue Sicherheitslage für die Nato. Man erlebe die Wiederkehr des „geopolitischen Wettbewerbs“ und der „Systemrivalität“. Das Bündnis müsse sich reformieren, um dem gewachsen zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.