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Niedriger Milchpreis : Die Bauern und das liebe Milchvieh

  • -Aktualisiert am

Hof hat im Schnitt 56 Kühe

Das Ideal der Milchbauern vom BDM und der Grünen ist eine Landwirtschaft, die sehr hochwertige, bestenfalls ökologische Lebensmittel für den eigenen Markt produziert. So wie etwa in Österreich. Dort gälte sogar der Hof von Familie Vollrath mit seinen sechzig Kühen als Großbetrieb. Doch in Deutschland ist das längst anders. Heute hat ein Hof im Schnitt 56 Kühe, doppelt so viel wie vor zwanzig Jahren. Viel Milch geht in den Export, so wie Autos und Maschinen. Deutschland wurde vom Netto-Importeur zum Exporteur von Käse, Milch und Milchpulver. Darauf ist die Agrarpolitik der EU seit rund 15 Jahren auch ausgerichtet: Die Milchproduktion, die lange durch eine Quote gesteuert war, wurde immer mehr erhöht. Staaten wie Irland haben nun große Pläne, den Export deutlich zu erhöhen, nachdem die Quote abgeschafft ist. Denn jetzt darf jeder Landwirt so viel Milch produzieren, wie er will. Und anders als oft behauptet führte das bisher nicht zu einer Milchschwemme. In Deutschland sank die Milchproduktion seit Januar sogar leicht. Wenn der Preis niedrig ist, lohnt es sich eben nicht.

Die Milchindustrie sieht die Zukunft in Fernost und China. Da gibt es zum Beispiel die Genossenschaftsmolkerei Hochwald Foods. Sie setzt im Jahr rund 1,5 Milliarden Euro um. Hier war bis vor kurzem auch der Milchbauer Karl-Otto Vollrath Mitglied, aber die Chefs der Molkerei wurden ihm, wie er sagt, zu arrogant. Der Sitz der Hochwald ist nicht weit von seinem Hof entfernt, nahe der Mosel. Hochwald ist von einer klassischen Molkerei zu einem globalen Lebensmittelkonzern geworden. Der kaufte vor Jahren etwa von Nestlé die „Bärenmarke“, exportiert Konservenmilch und Eiskakao in die ganze Welt und lebt schon zu rund 40 Prozent vom Export. 17 Prozent der Umsätze kommen aus dem Export von Milchprodukten in ferne Länder: zum Beispiel Saudi-Arabien, Libanon, Jemen. Weil die Preise dort stabiler sind, profitierten auch die deutschen Bauern, heißt es hier. „Wir zahlen ihnen einen höheren Milchpreis“, sagt der Geschäftsführer Karl-Heinz Engel, „wir werden im Jahresdurchschnitt mehr als 30 Cent pro Kilo auszahlen.“

In China sind deutsche Lebensmittel sehr geschätzt

Hochwald verkauft Milch für mehr als 20 Millionen Euro im Jahr nach China. Dort, so erzählt Engel, seien die deutschen Lebensmittel gerade wegen der Herkunft aus bäuerlicher Landwirtschaft so geschätzt. Die chinesischen Einkäufer lassen sich die Bauernhöfe zeigen und lassen Werbefilme im Hunsrück drehen. Familienhöfe wie den von den Familien Vollrath oder Brassel gibt es in China selten. Stattdessen lässt ein Staatskonzern in China gerade den größten Milchkuhstall der ganzen Welt bauen: Hunderttausend Kühe sollen dort leben und die Milch nach Russland exportiert werden, das neue Lieferanten benötigt und dafür künftig Erdgas nach China schicken will.

Obwohl die Chinesen deutsche Bauern wie ihn lieben, kann der Bauer Karl-Otto Vollrath dem China-Export wenige Hoffnungen abgewinnen. Er fürchtet erhöhte Unsicherheit und industrielle Eigentumsstrukturen und steht mit seinem Herz-Bauerntum irgendwie zwischen allen Stühlen: Biobauer wolle er auch nicht werden, weil er an Bio nicht glaube - dabei liegt der Bio-Milchpreis 20 Cent über dem normalen. Auch sein Sohn Paul findet Bio nicht vernünftig: Er meint, moderne Landwirtschaft müsse effizient mit der Fläche umgehen, und Biobauern brauchten zu viel Boden. Er strebt einen Mittelweg an, „integrierte Landwirtschaft“ - aber für solche Produkte gibt es kein Gütesiegel und keinen Cent mehr.

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