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Niedriger Milchpreis : Die Bauern und das liebe Milchvieh

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Stabile Preise nur beim Export: Dosenmilch für den arabischen Raum
Stabile Preise nur beim Export: Dosenmilch für den arabischen Raum : Bild: Jan Grossarth

„In der Eifel hat sich jetzt wieder einer erhängt“, sagt Karl-Otto Vollrath. Dies sei ein Milchbauer mit etwa 300 Kühen gewesen, der sich auch einen großen Kredit genommen habe. Welche Gründe es noch gab, ist nicht bekannt. Klar ist, dass die meisten Milchbauern nervös sind. Die Schwankungen im Preis, die es erst seit knapp zehn Jahren gibt, verunsichern sie existentiell. Der Deutsche Bauernverband fordert staatliche Notkredite. Kämpferischer ist der Alternativverband BDM, der sich als Gegenmodell zum Bauernverband mit seiner Markt- und Exportorientierung sieht. Auch Vollrath fährt auf die Bauern-Demonstrationen des BDM; vor Jahren etwa nach Brüssel, wo sie die Milch auf die Straße schütteten. Bald geht es wieder los, zur Sternfahrt nach München.

Warum sind die Preise so schwankend?

Der BDM, der nur zufällig so wie Hitlers Mädchenclub heißt, meint, das Preistief liege daran, dass zu viel Milch produziert werde, weil Milchbauern von Banken und Beratern in immer größere Stallbauprojekte getrieben würden. Ein angeblicher Teufelskreis, wie ihn der BDM-Präsident Romuald Schaber in seinem Buch „Blutmilch“ beschrieb: In der Hoffnung, den Betrieb an die nächste Generation übergeben zu können, überschulden sich die Bauern für immer größere Ställe. Es gibt mehr Milch und die Wahrscheinlichkeit für Preiskrisen steigt. Dann müssten selbst die großen Bauern aufgeben. Aus der Insolvenzmasse kauften Investoren die neuen Ställe und setzten Manager an die Stelle der Bauern. Der Prozess führe zum Aussterben der bäuerlichen Landwirtschaft - was derzeit mehr Befürchtung ist als Realität, da der Investorenbetrieb immer noch die Ausnahme ist. Ironischerweise bestätigt aber die Geschichte von Jörg Brassel diese Lesart - wobei Brassel den BDM, dem er früher selbst angehörte, „rückwärtsgewandt“ findet.

Warum sind die Preise so schwankend? Sie entstehen in Verhandlungen der mächtigen Lebensmittelketten mit den Molkereien. Die geben sie dann an die Bauern weiter. Aldi kann die Preise nur drücken, wenn zu viel Milch produziert wird. Im Moment gibt es zu viel. Denn im vergangenen Jahr boykottierte Russland europäische Milchprodukte, damit setzte, auch wenn der Export nach Russland für die Deutschen nur ein recht kleines Geschäft war, ein Preisverfall ein. Aber auch italienischer Parmesan und holländischer Gouda gingen nicht mehr nach Russland, und in der Summe blieb in der EU zu viel Milch. Richtig tief fiel der Preis aber erst im Frühjahr. Die Erklärungen: Der Weltmarktpreis für Milchpulver steigt und schwankt mit den allgemeinen Rohstoffpreisen - wie denen für Öl und Getreide. Die werden derzeit wieder alle billiger. Auch die Spekulation auf Agrarrohstoffe kann eine verstärkende Rolle spielen. Chinas Wirtschaftsschwäche wird genannt und die wachsende Billigkonkurrenz des größten Milchexporteurs Neuseeland.

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