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Niedriger Milchpreis : Die Bauern und das liebe Milchvieh

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Die Krise ist zur Normalität geworden. Die Preise für Milch fahren Achterbahn. Im Supermarkt gibt es derzeit einen Liter Frischmilch wieder günstiger als manches Mineralwasser: 55 Cent bei Aldi, Lidl oder auch bei Rewe. Vor einem Jahr war sie fast doppelt so teuer. Und die Bauern erhielten noch 40 Cent für das Kilo Milch. Das war mehr, als jemals zuvor und das erste Jahr, in dem überhaupt niemand jammerte. Doch das fette Jahr ist vorbei.

Agrarförderung vor 15 Jahren reformier

Dabei gibt es immer noch Grund zu meinen, Milch müsse wertvoll sein: Denn die Weltbevölkerung wächst, der Export auch, und viele Länder können bei weitem nicht so viel Milch und Käse produzieren, wie sie trinken und essen wollen. Früher war der Milchpreis zwar stabil - aber konstant niedrig. Der durchschnittliche Milchpreis ist in den vergangenen zehn Jahren sogar deutlich gestiegen, seit der Export wächst. Aber seither schwankt er eben auch so stark. Und früher störten sich die Bauern nicht so sehr am niedrigen Weltmarktpreis, denn der Staat kaufte die überschüssige Milch auf. Es gab die Butterberge und Milchseen, bis die EU ihre Agrarförderung vor 15 Jahren reformierte. Fortan sollten Landwirte wie Unternehmer werden: die produzieren, was der Markt verlangt. Und was passierte? Einige verdienten besser und besser und investierten. Viele kleine Höfe aber überstanden das nicht.

Viele der Verbliebenen tun sich bis heute schwer mit ihrer Rolle als Unternehmer in einem Markt, in dem der Preis der Produkte hüpft und purzelt. Der Milchpreis schwankt wie die Kurse höchst spekulativer Aktien. Spekulanten aber wollten die Bauern nie werden. Heute sind sie es. Wenn man vom Hof Vollrath im Hunsrück nur eine Stunde in Richtung Süden fährt, steht dort ein moderner Stall. Er wurde vor drei Jahren eröffnet. Der junge Landwirt, der ihn bauen ließ, wagte damit viel, und die anderen Bauern tuschelten hinter seinem Rücken, er habe sich wohl übernommen. Heute muss Jörg Brassel fürchten, es könnte stimmen. Der Dreiundvierzigjährige und vierfache Vater investierte zwei Millionen Euro. Der Stall ist sehr vorzeigbar, so gut wie hier ging es Milchkühen nie in der Geschichte der Milcherzeugung: Er ist luftig und großzügig, das Dach 16 Meter hoch; für 180 Kühe gibt es dreitausend Quadratmeter Platz. Die Kühe laufen im Stall frei herum und selbständig zum Melkroboter, wenn das Euter voll ist. Brassel ist stolz auf dieses Bauwerk, und er meint, nur solch moderne Höfe hätten eine Zukunft: mit attraktiven Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter, tierfreundlich, optisch ansprechend. Hier riecht es sogar angenehm.

Deutschen Kühen geht es besser als im Ausland

Leider ist Jörg Brassel nun hoch verschuldet. „Jetzt stehen wir voll im Kapitaldienst“, nennt er es. Das heißt: Sein schöner Stall kostet ihn fünf Cent im Monat zusätzlich pro Kilo Milch. Weil der Milchpreis so niedrig ist, muss er das Konto überziehen, um liquide zu bleiben. Er rechnet vor: Derzeit flössen 28,5 Cent je Kilo Milch auf sein Konto. Das Futter, das er bis auf das Soja zum großen Teil selbst anbaut, kostet ihn 22 bis 23 Cent je Kilo Milch. Die drei Arbeitskräfte noch einmal drei bis vier Cent, sonstige Kosten, etwa für den Strom der Melkroboter: anderthalb Cent. Und eben der Kredit: fünf Cent. Also zahlt er für jeden Liter Milch, den er verkauft, mindestens drei Cent drauf. Zum Glück hat auch er ein zweites Standbein: Eine Biogasanlage. Aber lange geht es so nicht gut. Brassel sagt, er schlafe nur noch deswegen nachts sehr ruhig, weil er glaube, dass Gott ihn und seine Familie beschütze. „Ich gucke auch lieber nach vorn“, sagt er. Brassel glaubt immer noch an die Zukunft der Milch als Exportprodukt, denn Deutschland sei dafür ein guter Standort, den Kühen gehe es viel besser als im Ausland, und auch seine Region, die Pfalz mit ihren vielen Grasweiden, sei wie dafür gemacht.

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