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Neuordnung bei Siemens : Es ist einsam um Gerhard Cromme

  • -Aktualisiert am

Umstrittener Manager: Gerhard Cromme Bild: dpa

Lange war Gerhard Cromme der zweitmächtigste Aufsichtsrat der Republik: Er kontrollierte Thyssen und Siemens. Doch der „kreative Zerstörer“ schaffte sich Feinde. Und wiederholt alte Fehler.

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          Mehr als ein Jahrzehnt hatte Gerhard Cromme einen besonderen Sitz im Olymp der deutschen Wirtschaft. Die Insignien seiner Macht: Aufsichtsratsvorsitzender des Stahlprimus Thyssen-Krupp, Vorsitzender der einige Jahre von ihm geleiteten und nach ihm benannten Regierungskommission für gute Unternehmensführung („Corporate Governance“), Chefkontrolleur der Industrie-Ikone Siemens und dazu in wechselnder Konstellation Aufsichtsratsmandate bei Volkswagen, Allianz, Lufthansa oder Springer.

          Lange wurde der Volkswirt und promovierte Jurist in einschlägigen Ranglisten als zweitmächtigster (und auch ebenso gut bezahlter) Aufsichtsrat der Republik geführt. Der Krupp-Testamentsvollstrecker Berthold Beitz hatte Cromme 1986 zum krisengeschüttelten Montankonzern an die Ruhr geholt. Von diesem Zeitpunkt an arbeitete der hochintelligente, eloquente und ehrgeizige Cromme hart und konsequent am Eintritt in den Olymp. Dabei hatte er freilich stets sein Lebensziel, den Vorsitz der Krupp-Stiftung, im Visier.

          Durch seinen Arbeitsstil schuf er sich Gegner

          Als unerwünschter Fremdling im Revier hat Cromme gar nicht erst versucht, sich dem Club der herrschenden Generaldirektoren und Stahlbarone anzudienen. Seine Überlebensstrategie für Krupp basierte auf unkonventionellen oder gar provokativen Aktionen, angefangen mit der Schließung des traditionsreichen Stahlwerks Rheinhausen bis zu den feindlichen Übernahmeangeboten zuerst für Hoesch und später für Thyssen. Das brachte ihm den Ruf des kreativen Zerstörers ein. Damit machte er sich keine Freunde.

          Auch im zweiten Teil seiner Karriere, als Aufsichtsratsvorsitzender von Thyssen-Krupp und später auch von Siemens, entwickelte sich Cromme nicht zum Netzwerker, sondern blieb konsequent der Einzelkämpfer. Lange konnte der stets elegante, 194 Zentimeter große Manager als verbindlicher Gesprächspartner zumindest nach außen den Schein eines freundlichen und beliebten Managers wahren. Aber spätestens seit seinen radikalen Aufräumarbeiten bei Siemens fielen Schatten auf dieses Bild. Mit seinem doppelbödigen Arbeitsstil schuf er sich mehr und mehr Gegner.

          So führte Cromme, der die Regeln für gute Unternehmensführung aufstellte, den Dax-Konzern Thyssen-Krupp mehr wie ein Familienunternehmen. Der Eindruck, dass der Machtmensch immer wieder aufs neue andere Führungskräfte kompromisslos in die Verantwortung nimmt, um von eigenen Verfehlungen abzulenken, verdichtete sich bis zum Eklat im vergangenen November.

          Damals setzte Cromme im Einvernehmen mit Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger drei Alt-Vorstände, darunter seinen langjährigen Vertrauten Jürgen Claassen, wegen des Investitionsdebakels mit Stahlwerken in Amerika vor die Türe. Cromme, der diese missratene Milliarden-Investition von der ersten Stunde an beobachten konnte, ließ sich in diversen externen Gutachten vorbildlich korrektes Verhalten bescheinigen. Geholfen hat es nicht mehr, Beitz legte ihm den Rückzug aus seinen Ämtern in Unternehmen und Stiftung nahe.

          Siemens ist nun der letzte Konzern, aus dem sich der Siebzigjährige mit einiger Würde in den Ruhestand zurückziehen könnte. Umso erstaunlicher ist, dass Cromme in München noch einmal die gleichen Fehler unterlaufen wie in Essen. Kaum ist der Vertrag von Siemens-Chef Peter Löscher verlängert, schickt er ihn wegen Erfolglosigkeit in die Wüste. Nach dem Aufstieg zu einem der mächtigsten Manager in Deutschland gehört Cromme inzwischen zu den unbeliebtesten. Nun fehlt ihm das nie geknüpfte Netzwerk, um seine letzte große Herausforderung bei Siemens mit kompetenter Unterstützung zu bewältigen.

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