https://www.faz.net/-gqe-73xsm

Neuer Trend : Deutschland strickt wieder

  • -Aktualisiert am

Fernsehmoderatorin Sarah Kuttner, 33, ist begeisterte Strickerin Bild: Laif

Handarbeit ist in Mode, seit Frauen wie Sarah Kuttner zu den Stricknadeln greifen. Schneidern entspannt und das Netz führt die Häkelgruppe zusammen.

          Nina Schweisgut kann es noch immer nicht so richtig glauben. Keine zwei Monate ist es her, dass sie in Berlin-Mitte einen Strickladen eröffnete. Und vom ersten Tag an herrschte Hochbetrieb. Die sechsstündigen Strickkurse, die sie anbietet, sind schon bis zum Jahresende ausgebucht. „Es ist verrückt. Aber offensichtlich habe ich einen Nerv getroffen oder eine Nische entdeckt“, sagt die 36 Jahre alte Designerin. Sie selbst kommt aus der Werbebranche, hat immer gerne gestrickt, aber lange nicht damit gerechnet, dass sie irgendwann einmal einen eigenen Laden besitzen würde.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dort herrscht nun ein ständiges Kommen und Gehen. Bis auf Freitagabend und Samstag. Dann sitzt um ihren Tisch im Laden eine illustre Runde und lernt mit dicken Holznadeln stricken - bei Prosecco und Musik, versteht sich.

          Die Unternehmerin hat einen Nerv getroffen, Handarbeit liegt im Trend. Eine Nischenaktivität ist sie schon länger nicht mehr. Überall wird nicht nur gestrickt und gestickt, sondern vor allem auch genäht und gebastelt. Es werden Muster designt und Stoffe damit bedruckt, es wird gewebt, gesteppt und gequiltet.

          Handarbeit ist ganz groß in Mode. Sie ist Teil einer großen Do-it-yourself-Bewegung, die in ihrer heutigen Form vor einem guten Jahrzehnt in den Vereinigten Staaten ihren Anfang nahm. Nicht zuletzt deshalb läuft auch hierzulande in diesem Metier so viel auf Englisch - von den Blogs bis zu den Internetseiten der verschiedenen Läden.

          Maschen aufnehmen: Führen Sie den Faden zwischen kleinem Finger und Ringfinger der linken Hand nach hinten und zwischen Mittel- und Zeigefinger nach vorn durch. Wickeln Sie ihn zweimal um den Zeigefinger.
Bilderstrecke

          „Knit Knit Love Wool“ heißt die Neugründung von Nina Schweisgut. Und das hat auch seinen Grund: Vor vier Jahren entdeckte die Hobbystrickerin in Soho in New York einen Woll-Laden, „wie ich ihn mir immer erträumt habe“. Besser: eine Art Strickcafé. „Da saßen tatsächlich Menschen im Laden und strickten gemeinsam.“ Was in den Vereinigten Staaten schon längst um sich gegriffen hat, kommt hier in Deutschland gerade erst so richtig in Schwung. Die Designerin ist nicht die einzige mit so einem Geschäft. In Berlins Mitte wimmelt es davon - und in Neukölln.

          Dort hat die Schneiderin und Designerin Swantje Wendt eine Art Nähstudio eröffnet und es „Nadelwald“ getauft. Wer das Nähen lernen will, kann dort Kurse belegen oder sich von ihr stundenweise beraten lassen, wenn er mit seinem Kleidungsstück nicht mehr weiterkommt. Oder er kann einfach hingehen und sich einen Platz zum Nähen mieten, wenn er zu Hause keine Nähmaschine hat. Nichts ist unmöglich.

          „Seit einem Jahr bin ich nun hier. Und mein Geschäft gibt es immer noch“, sagt Wendt. Das gemeinschaftliche Handarbeiten und Werkeln ist ihrer Meinung nach allerdings ein echtes Phänomen der Großstädte, weil sich nur dort eine Szene entwickeln kann, aus der dann wiederum die Läden entstehen. In München, Frankfurt, Berlin oder Hamburg ist Handarbeit längst ein gesellschaftliches Event geworden. Man trifft sich, man strickt und redet, näht und trinkt - und inspiriert sich gegenseitig.

          Firmenpartys werden in Strickbars oder Näh-Cafés gefeiert, ebenso Geburtstage und Junggesellenabschiede. Anders als in den achtziger Jahren, in denen die Grünen und die Öko-Fundamentalisten demonstrativ strickten, um sich gesellschaftlich abzugrenzen, hat die Strickerei heute ihr Öko- und Oma-Image verloren. Sie kommt frisch daher, entstaubt. Der Muff ist weg. Die Farben sind bunt, die Wolle hochwertig, die Schnitte der selbstgenähten Kleidungsstücke modern. Und vor allem: Die Menschen, die nähen, stricken und Stoffe bedrucken, sind jünger als damals. Kaum älter als Mitte 20 sind sie, sehr stilbewusst und ein bisschen verrückt.

          Die neue Welle bringt gute Geschäfte. Nicht nur für Kleinunternehmer wie Nina Schweisgut oder Swantje Wendt. Auch die Industrie profitiert von der Begeisterung. Von einem „Hype“ möchte der Geschäftsführer der Initiative Handarbeit, dem Branchenverband, trotzdem nur ungern sprechen. „Es handelt sich vielmehr um eine sehr nachhaltige Bewegung“, sagt Gert Eberhardt, „eine, die wir nun schon seit über einem Jahrzehnt verfolgen.“

          Weitere Themen

          Die Puppen-Mutter

          Schaufensterfiguren : Die Puppen-Mutter

          Sie sind eine der am wenigsten beachteten Formen der angewandten Kunst, dabei regen sie die Phantasie an und sind auch noch verkaufsfördernd: Schaufensterfiguren. Susanne Oelmann sieht sie nicht nur beim Stadtbummel – sie handelt mit ihnen.

          Stellensuche per Google Video-Seite öffnen

          Digitale Jobsuche : Stellensuche per Google

          Auch in Deutschland sollen Arbeitsuchende jetzt auch auf Google zurückgreifen können: Der Internetgigant hat in Berlin seine neue Stellensuche-Funktion vorgestellt. In vielen anderen Ländern gibt es das Angebot bereits.

          Atempause im Huawei-Streit Video-Seite öffnen

          Wall Street : Atempause im Huawei-Streit

          Die Wall Street in New York schloss am Dienstag Ortszeit im Plus. Grund dafür war auch, dass Amerika sein Geschäftsverbot für Huawei am Dienstag für 90 Tage aussetzte.

          Topmeldungen

          Weiterer Rückschlag : Ministerin aus Mays Kabinett tritt zurück

          Die britische Ministerin für Parlamentsfragen, Andrea Leadsom, ist zurückgetreten. Leadsom begründete ihren Rücktritt mit den Plänen von Premierministerin May, über ein zweites Brexit-Referendum abstimmen zu lassen.
          Neue Zeugenaussage: Peter Kohl, Sohn des Altkanzlers, hat heute vor dem Kölner Landgericht ausgesagt.

          Vermächtnis Helmut Kohls : Vertrauten reicht ein Ehrenwort

          Der Rechtsstreit um Helmut Kohls mündliches Vermächtnis geht mit einer Zeugenaussage seines Sohnes Peter in die nächste Runde. Seit Jahren geht die Witwe des Altkanzler gegen die Veröffentlichung seiner Memoiren vor. Warum?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.