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Neuer Trend : Deutschland strickt wieder

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Wolle spüren, etwas in der Hand halten: In den Erzählungen derer, die über ihre neue Leidenschaft berichten, geht es immer wieder um das Haptische. „Ausgleich“ und „Entschleunigung“ sind noch zwei Worte, die in diesem Zusammenhang sehr häufig fallen.

„Ich wollte einfach nicht immer vor dem Bildschirm sitzen, sondern musste mal wieder runterkommen“, begründet Nina Schweisgut ihre Rückkehr zur Strickerei. Bei Linderkamp klingt das nicht anders. Und noch etwas befördert den Trend: die zunehmende Uniformität des Warenangebots in den Geschäften der Innenstädte. Dem Wunsch nach Individualität steht das eindeutig entgegen. Schon deshalb ist sich Wippermann sicher: „Das Thema Handarbeit wird unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren bestimmen.“

Internetplattformen beflügeln den Trend

Diese Welle der Rückbesinnung trifft mit einer anderen Entwicklung zusammen, die aus der Handarbeit eine richtige Bewegung gemacht und ihre Akteure zu einer Szene geformt hat: mit den Möglichkeiten der Vernetzung. Auch das gab es früher nicht. Alles kann mit jedem geteilt werden. Es sind unzählige Handarbeits-Plattformen entstanden und virtuelle Schaufenster dazu. Man muss nicht mehr nur für sich und die Verwandten stricken, man tut das heute schon mal für die ganze Welt. Diese Möglichkeiten beflügeln den Trend.

Das amerikanische Portal Etsy, ein Unternehmen mit weltweit rund 300 Mitarbeitern, war die erste große Plattform, die sich den neuen Trend zunutzte machte und ihn nun permanent weiterbefeuert. Nicht nur mit wachsenden Verkaufszahlen selbsterstellter Produkte, sondern auch mit eigenen „Labs“ (Laboratorien) in den großen Städten der Welt, mit Workshops, Kursen und allerlei Präsentationsmöglichkeiten.

Im Jahre 2005 wurde der Online-Markt von einem amerikanischen Maler und Fotografen gegründet. In diesem Jahr haben sich dort bis einschließlich September bereits mehr als 76 Millionen Produkte weltweit verkauft - ein Wachstum zum vergleichbaren Vorjahresmonat von mehr als 70 Prozent. Im gesamten Jahr 2011 wurden handgemachte Produkte im Wert von 526 Millionen Dollar umgesetzt. Für dieses Jahr rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von 850 Millionen Dollar.

Die Erfolg lässt denn auch Etsy-Chef Chad Dickerson recht vollmundig behaupten: „Wir glauben, dass Etsy dazu beitragen kann, die Funktionsweise der Weltwirtschaft fundamental zu verändern.“ Zum Besseren, meint er natürlich. Die Plattform Etsy ist inzwischen profitabel. „Natürlich wollen auch wir Geld verdienen“, gibt Dickerson freimütig zu. 3,5 Prozent beträgt die Transaktionsgebühr. Die Erträge kommen aus der Masse. Deshalb arbeitet das Unternehmen akribisch daran, immer mehr Menschen zur Selbständigkeit zu verhelfen.

Wer zu Hause Mützen strickt, seine Verwandtschaft bereits hinreichend bestückt hat, aber nicht aufhören will - der kann jetzt die Welt damit beglücken. Es könnte sich lohnen.

Catrin Linderkamp mit ihrem Blog „Maikitten“ bringt die Veränderung auf den Punkt: „Handarbeit heute bedeutet Individualität und unendlich viele Möglichkeiten.“ Das heißt: raus aus dem Wohnzimmer und hinein in die Strick-Cafés und Nähläden. Rein ins Geschäft mit dem Verkauf der eigenen Produkte, die endlich jemand sieht, weil das Internet die Schaufenster dafür schafft. Und schließlich gibt es noch den Weg vom Hobby zum Beruf, wie Linderkamp selbst oder Nina Schweisgut ihn gegangen sind. Ihnen hat der neue Trend zum Handarbeiten in Kombination mit den Möglichkeiten des Internets ein ganz neues berufliches Umfeld geschaffen. Ohne dass sie daran vor ein paar Jahren gedacht hätten.

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