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Neuer Rekord : Deutschland hat so viele Vereine wie nie zuvor

  • -Aktualisiert am

Traditionsreich: die Pfadfinder gehören zu den ältesten Vereinen in Deutschland Bild: Bischof

Eine neue Studie zeigt: Die Zahl der Vereine, Genossenschaften und Stiftungen wächst. Mittlerweile gibt es siebenmal so viele wie vor fünfzig Jahren. Von einer Krise des Ehrenamtes könne nicht die Rede sein.

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          Treffen sich drei Deutsche, gründen sie einen Verein. Das Bonmot unterschlägt zwar, dass es nach dem Vereinsrecht mindestens sieben Mitglieder bedarf, um ins amtliche Register eingetragen zu werden. Aber das ändert nichts am Wahrheitsgehalt: Im Kern ist und bleibt der Deutsche ein Vereinsmeier. Fast 220 Jahre nachdem das Allgemeine Preußische Landrecht den Bürgern erstmals Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit zugestand, blüht das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland wie nie: „580.000 Vereine sind registriert, siebenmal so viele wie vor 50 Jahren“, sagt Holger Krimmer vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Und es werden immer mehr.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Zusammen mit der Bertelsmann- und der Thyssen-Stiftung untersucht Krimmer seit Jahren das Innenleben der deutsche Zivilgesellschaft. Nach ihren Berechnungen gehen im „dritten Sektor“ der Wirtschaft 105.000 Unternehmen gemeinnützigen Tätigkeiten nach, erwirtschafteten damit im Jahre 2007 eine Bruttowertschöpfung von 90 Milliarden Euro (4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) und stellten 2,3 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Hinzu kommen 300.000 in 400-Euro-Jobs Tätige.

          Starker Zuwachs führt zu mehr Bedarf

          Mit ihrem jüngsten „Zivi-Survey“ haben die Forscher erstmals die gesamte Zivilgesellschaft unter die Lupe genommen, also auch jene Gruppierungen, die nicht im engeren Sinne wirtschaftlich tätig sind. Die Forscher haben neben den Daten des Statistischen Bundesamtes die Vereinsregister von 280 Amtsgerichten durchforstet, Gründungszahlen von Stiftungen ausgewertet, die von gemeinnützigen GmbHs (gGmbH) und Genossenschaften erhoben. Am Ende waren es nach den noch unveröffentlichten Zahlen 616.154 Organisationen, vom Sport- über den Förderverein für die Grundschule bis zur freiwilligen Feuerwehr. Genau gesagt sind es 580.294 Vereine, 17.352 Stiftungen, 10.006 GmbHs und 8502 Genossenschaften, in denen 23 Millionen Mitglieder mal mehr, mal weniger aktiv sind. Der Name der Erhebung ist sein Programm: Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ).

          Das starke Wachstum hält Krimmer auch für den wesentlichen Grund dafür, dass vier von zehn Vereinen Probleme hätten, Vorstandsposten und Aufsichtsfunktionen zu besetzen. Die These von der „Ehrenamtskrise“ lasse sich damit aber nicht bestätigen: „Es gibt in Deutschland weniger Probleme, Ehrenamtliche zu mobilisieren, als erwartet.“ Mit dem starken Zuwachs der Vereine sei eben auch der Bedarf an Leuten gestiegen, die bereit seien, Verantwortung zu tragen. „Der häufig beklagte Mangel von Ehrenamtlichen ist daher eine Begleiterscheinung des Wachstums zivilgesellschaftlicher Strukturen.“

          Es gibt auch andere Befunde. So hat Eckhard Priller vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) kürzlich vor dem Bundestagsunterausschuss „Bürgerliches Engagement“ berichtet, 80 Prozent der Vereine hätten Probleme mit der Mitgliedergewinnung und 85 Prozent damit, Vorstände zu rekrutieren. Krimmer vom Stifterverband führt das darauf zurück, dass die Stichprobe des WZB kleiner und anders zusammengesetzt gewesen sei.

          Vereine in Deutschland
          Vereine in Deutschland : Bild: F.A.Z.

          Bestätigt fühlt er sich durch die Ergebnisse einer letztjährigen Befragung durch TNS Infratest. Bei diesem „Freiwilligensurvey“ im Auftrag des Familienministeriums war herausgekommen, dass der Anteil derjenigen, die zu einem Ehrenamt bereit wären, im Jahrzehnt von 1999 bis 2009 um die Hälfte auf 37 Prozent gestiegen war. Aktiver wird die Gruppe der über 60 Jährigen. Das Engagement der Jugendlichen ging zwar von 37 auf 35 Prozent zurück, doch bleiben sie die aktivste Altersgruppe. Krimmer macht für diesen Rückgang auch Veränderungen in Schule und Studium verantwortlich. Verkürzte Schulzeiten (G8) und die stärkere Verschulung des Studiums (Bologna) ließen jungen Menschen weniger Zeit.

          Ein anderes Ergebnis von ZiviZ scheint den Befund zu stützen: Fast ein Drittel der Organisationen habe erklärt, die Zahl der Interessierten sei in den vergangenen fünf Jahren gestiegen, nur 10 Prozent hätten von einem kleiner werdenden Engagement berichtet. Dafür gelinge es immer seltener, junge Mitglieder an die Organisationen zu binden.

          Erschwerte Mitwirkung von Ehrenamtlichen

          20.000 Organisationen hatten die Forscher für „ZiviZ“ angeschrieben, befragt und aus den 3800 Antworten unbekannte Strukturdaten freigelegt und Veränderungen festgestellt. Die meisten Vereine, relativ zur Bevölkerung, gibt es im Saarland, die wenigsten in Hamburg. Zwei von drei Vereinen beschäftigen sich mit Sport, Kultur oder Freizeit. Doch die Bereiche Bildung/Erziehung, Gesundheit und soziale Dienste laufen ihnen bei den Neugründungen seit Jahren den Rang ab. Während in den neuen Ländern die Zahl der Vereine nach dem Mauerfall stark anstieg, stagnierten sie im Westen. Dafür legten Vermögende hier ihr Geld öfter in Stiftungen an. Jede zweite Stiftung oder gGmbH entstand seit dem Jahrhundertwechsel, gerade die gGmbHs sind oft im Sozialsektor aktiv. Die Forscher sprechen von einem „neuen Muster der gesellschaftlichen Selbstorganisation“.

          Diese Veränderungen der Organisationsformen und die Professionalisierung haben Folgen für die Zivilgesellschaft. In einigen Bereichen haben die Professionellen, die für ihre Arbeit bezahlt werden, inzwischen ein starkes Gewicht. So ergab die Umfrage für den Bereich Soziales und Gesundheit 4,8 Millionen ehrenamtlich Engagierte, aber 1,4 Millionen bezahlte Beschäftigte. Gerade etwa in der Pflege erwarten die Kunden eine hohe fachliche Professionalität. Das wiederum erschwere die Mitwirkung Ehrenamtlicher, räumt Krimmer ein. Dies stelle die Organisationen vor Probleme. Auffällig ist, dass bei den Sozialen Diensten nur etwa die Hälfte derer, die sich dort engagieren, auch Mitglied in der Trägerorganisation sind.

          Bei Kultur, Sport und Freizeit kommen dagegen 35.000 Beschäftigte auf fast 10 Millionen Ehrenamtliche, die in den Vereinen aktiv sind. Eine Quote von 1 zu 285. In Sportvereinen sei nur noch jedes vierte Mitglied „engagiert“, das heißt in der Vereinsorganisation aktiv. Immer mehr Leute seien an deren sportlichen Aktivitäten interessiert, nicht aber an den Pflichten eines Mitglieds. Der Sportverein trete stärker in Konkurrenz zu gewerblichen Sportangeboten.

          Ganz anders dagegen die Lage bei den Katastrophenschützern: Bei Feuerwehren, Rettungsdiensten und Technischem Hilfswerk sind mehr als drei von vier Mitgliedern auch tatsächlich im Verein engagiert. In keinem anderen Bereich sind so viele junge Mitglieder mit Eifer dabei, jeder Siebte ist jünger als 18 Jahre. „Wir freuen uns darüber, dass wir das Interesse bei der jungen Generation wecken können“, erklärt Manfred Metzger vom Technischen Hilfswerk Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt. Aber das reiche nicht. Deshalb habe man „inzwischen Programme aufgesetzt, die sich an ältere Menschen, an Freiwillige mit Migrationshintergrund und vor allem an Frauen richten“.

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