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Neue Direktorin des IWF : Lagarde springt wieder ins kalte Wasser

Bild: reuters

Die französische Finanzministerin Christine Lagarde leitet künftig den Internationalen Währungsfonds. Der Exekutivrat des IWF bestimmte sie am Dienstag in Washington zur ersten Frau an der Spitze der Organisation.

          3 Min.

          Am Dienstag saß die französische Finanzministerin Christine Lagarde schon auf gepackten Koffern. Die entscheidende Sitzung in Washington lief zwar noch, doch die Französin war sich so sicher, zur neuen geschäftsführenden Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) ernannt zu werden, dass sie frühzeitig Vorkehrungen traf. In der französischen Nationalversammlung verabschiedete sie sich schon von den Abgeordneten. Am Abend dann bestimmte der Exekutivrat des IWF in Washington Lagarde nach eigenen Angaben zur ersten Frau an der Spitze der internationalen Organisation. Die Französin soll demnach am 5. Juli die Nachfolge ihres wegen Vergewaltigungsvorwürfen zurückgetretenen Landsmannes Dominique Strauss-Kahn antreten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Als erstes will Lagarde jetzt die 2500 Beschäftigten des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit ihren 24 Exekutivdirektoren an der Spitze treffen. Es sei wichtig, „das Räderwerk“ der Organisation kennenzulernen, hatte sie vor wenigen Tagen in Frankreich gesagt.

          Lagarde hat den IWF-Posten schon gewollt, als sich abzeichnete, dass ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn als Präsidentschaftskandidat nach Paris zurückkehren würde. Das war lange vor seiner Sex-Affäre. Für die Politik ist Christine Lagarde nicht wirklich gemacht. Feurige Reden halten, sich dabei als Alleskönner zu verstellen, der immer eine Antwort parat hat, Allianzen schmieden mit Leuten, die man eigentlich nicht mag – all das liegt der 55 Jahre alten Französin nicht. Nach sechs Jahren in der französischen Politik verfügt sie immer noch nicht über eine Hausmacht in der Regierungspartei UMP. Anstatt um Abgeordnete zu werben, studierte sie Akten oder war auf Reisen. Es gab in ihrer Zeit als Finanzministerin von 2007 an auch genügend zu tun. Auf internationalen Gipfeln in der noch immer weitgehend von Männern geprägten Welt der Finanzminister an gemeinsamen Lösungen zu feilen und Kompromisse zu schmieden, lag ihr mehr.

          Christine Lagarde: „Frauen sind wie Teebeutel: Ihre wahre Stärke entfalten sie, wenn man sie ins Wasser wirft”
          Christine Lagarde: „Frauen sind wie Teebeutel: Ihre wahre Stärke entfalten sie, wenn man sie ins Wasser wirft” : Bild: AFP

          Eine Bilderbuch-Karriere

          Dass sie keine Ökonomin ist und als Frankreichs Finanzministerin für Milliarden-Zahlungen an überschuldete Länder in Europa steht, spricht nicht für sie. Lagarde muss jetzt schnell beweisen, dass sie nicht die Entsandte Europas ist, die Krisenhilfen für den alten Kontinent über alles andere stellt. Den ökonomischen Sachverstand im IWF muss sie dabei nutzen. Diese Fähigkeit hat sie schon im Pariser Finanzministerium gezeigt – wobei dort viel mehr Experten in typisch französischer Tradition der staatlichen Intervention das Wort reden als im IWF. Als „Liberale mit sozialer Ader“ will sie nach eigenen Angaben den Kurs ihres Vorgängers fortsetzen, der die soziale Komponente in den IWF-Forderungen ausgebaut hat. Der Sozialist Strauss-Kahn hat sogar einmal angekündigt, sie eines Tages zu seiner Finanzministerin zu machen – ein Spaß mit einem Körnchen Wahrheit.

          Ihre Bilderbuch-Karriere tritt nun in eine neue Phase. 24 Jahre lang arbeitete sie für die amerikanische Anwaltskanzlei Baker & McKenzie mit ihren 2400 Anwälten in 35 Ländern, der sie zwischen 1999 und 2004 auch als Vorstandsvorsitzende vorstand. Dort lernte sie zu vermitteln, auszugleichen, und am Ende zu entscheiden. Führungsstärke wird künftig auch beim IWF gefragt sein. Als Finanzministerin unter Präsident Nicolas Sarkozy hatte sie wenig Spielraum für Eigenständigkeit. Das Mannschaftsspiel sei ihre Stärke, sagt sie zwar gerne. Doch jetzt ist sie froh, die strenge Aufsicht aus dem Elysée-Palast los zu sein. Es fing schon bei ihrer ersten Sitzung der Finanzminister aus den Euro-Ländern im Juli 2007 an. Sarkozy begleitete sie – ein Novum für Frankreich – und er bekam prompt vom damaligen deutschen Finanzminister Peer Steinbrück schwere Kritik an seiner Defizitpolitik zu hören. Sarkozy war außer sich und Lagarde schwieg betreten. Zwei Jahre später schickte sie Steinbrück Schokolade, um ihm für die Bundestagswahl viel Glück zu wünschen.

          Weniger erfolgreich im Privatleben

          Kleine Aufmerksamkeiten hier und da haben ihr im Berufsleben schon immer geholfen. Als weniger erfolgreich sieht sie dagegen ihren privaten Weg. Die erste Ehe scheiterte, und ihre zwei Söhne ließ sie als junge Teenager in Paris, als sie 1999 an den Baker & McKenzie-Sitz in Chicago zog. Sie mit nach Amerika zu nehmen, wo sie ohnehin ständig um die Welt jettete, hätte keinen Sinn gehabt.

          So beschränkten sich die Zusammenkünfte auf Wochenenden und auf Telefon- sowie Webcam-Kontakte. Schuldgefühle blieben zurück, räumte sie gegenüber zwei französischen Buchautoren einmal ein. Und sie fügt bei solch seltenen Gesprächen über ihr Privatleben gerne die Kritik hinzu, dass bei männlichen Prominenten derartige Familienfragen nie in der Öffentlichkeit erörtert werden. Für die Sache der Frauen kämpft sie, wo sie kann: „Frauen sind wie Teebeutel: Ihre wahre Stärke entfalten sie, wenn man sie ins Wasser wirft“, lautet einer der Leitsprüche von Lagarde.

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